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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Auf den Spuren des Diktators
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
31.05.11     Klicks:2947     A+ | a-
Bevor diese Villa fertig ausgebaut war, hatte der Diktator Stroessner seine Macht und damit auch wohl seine an junge Mädchen (Vorzugsalter 15 Jahre) gekoppelte Libido -entfaltung eingebüßt. Sie sollte eine seiner vielen Freudenhäuser werden, wo man ihm seine Lustobjekte „zuführte“, die von speziellen Mädchenfängern („zorros“ – Füchse) immer in ausreichender Menge „besorgt“ werden mussten.
Martín Almada will aus diesem Gebäude eine Volksuniversität machen, wo Studenten mit Lust lernen können - zum Beispiel Belange der Menschenrechte. .... und in der Hauptstadt
Aber jetzt zu einem ganz aktuellen Ereignis, das uns sehr bewegt hat.
Nachdem endlich auch in Paraguay eine „Wahrheits - und Gerechtigkeitskommission offiziell die Verbrechen der Stroessnerdiktatur dokumentiert hat, geht es mit der Aufarbeitung der finsteren Vergangenheit in kleinen Schritten voran, wenn auch langsam und gegen zwei Hauptwiderstände.
Da wehren sich einmal die immer noch Mächtigen - zum Teil Täter - die unbehelligt das Ende des 36 Jahre dauernden Unrechtsregimes überlebt haben. Sie sitzen in wichtigen Ämtern und sonnen sich in ihrer Unangreifbarkeit. Ihr zynischer Slogan lautet: „Wir waren glücklich und wussten es nicht ...“
Zum anderen ist da eine Mehrheit der Paraguayer, die schon damals nichts wissen wollte, und die auch jetzt in Ruhe gelassen werden will.
Ihnen sollen Zeugnisse aus der Schreckensherrschaft vor Augen geführt und ins Bewusstsein gebracht werden - Erinnerungsarbeit für diejenigen, welche diese Epoche erlebt haben und Lehrstoff für die Jugend, die erschreckend wenig bis überhaupt nichts weiß.
„Sitios históricos“, historische Stätten, werden nach und nach vorgestellt und eingeweiht, jetzt wurde das ehemalige (1954 bis 1989) Gebäude der Geheimpolizei, wahrhaftig ein Ort des Grauens, in eine Gedenkstätte mit Museumscharakter umgewandelt. Hört sich doch gut an, oder?
Und so hatte der Innenminister geladen zum feierlichen Akt - aber nur wenige waren gekommen! Da saßen sie auf  weißen Plastikstühlen in Reihen mitten auf der Straße:
Der Innenminister als Ausrichter mit anderen Politikern, ranghohe Vertreter von Polizei und Militär, Mitglieder der Wahrheitskommission und von Menschenrechtsorganisationen, diplomatische Vertreter aus dem Ausland (der deutsche Botschafter glänzte durch Abwesenheit) - und eine lange Reihe von Opfern und Überlebenden der Diktatur, unter ihnen unser Freund Martín Almada, der uns informiert und eingeladen hatte.
Nur 30 Meter weiter donnern ununterbrochen die umgeleiteten Busse vorbei und stören massiv den Akt, der doch würdig sein soll.
Der Blick geht auf die Fassade des ehemaligen Geheimdienstgebäudes, an dem lange Info-Fahnen herunter hängen mit zig Fotos von Ermordeten.
Auch Martín erkennt so manchen wieder, mit dem er die Zelle geteilt hat. Und der die Folter nicht überlebt hat. „Die Zelle teilen“ - kaum eine Formulierung könnte unpassender sein!
Im Labyrinth des Geheimdienstes waren in Dutzenden von Kammern ständig an die 4000 Menschen eingepfercht, bis zu fünfzig in einer Zelle von vier mal drei Metern. Sie blieben dort Tage und Wochen, aber auch Monate und Jahre, ohne
die Sonne zu sehen.
Der junge Polizist, der einen Kurs in Menschenrechten gemacht hat, führt uns später durch das nach dem Fall der Diktatur weiterhin von der Nationalpolizei genutzte Gebäude und zeigt auf die vergilbte Wand: “So sah die Haut vieler Häftlinge nach Monaten ohne Tageslicht aus ..... Die Toten wurden nachts raus geschleppt und in den Rio Paraguay geworfen.“
Der berüchtigte Geheimdienstchef Pastor Coronel hatte hier über die ganze Zeit das Sagen, bei der bloßen Nennung seines Namens zucken noch heute viele Paraguayer zusammen. Durch sein Büro, das gleichzeitig Folterkammer war,
ging fast jeder der „Subversiven“, hier wurden Namen, meist falsche, aus den Opfern heraus geprügelt oder durch Untertauchen in die Fäkalienwanne bis zum Ertrinken erzwungen.
„Hier auf dieser kleinen Erhöhung stand die ´pileta´“, zeigt der Polizist auf die schmuddelige Holzplattform, „sie war die Spezialität von Pastor Coronel“.
Die bei der Einweihung anwesenden Militärs und Polizeichefs sehen nach biederem Schützenverein aus. Was geht in ihren Köpfen vor beim Anhören der Gräueltaten ihrer Vorgänger?
Sie seien „pazifiziert“, heißt es, seien dem neuen Präsidenten, der einige aus den obersten Rängen entlassen hat, treu ergeben und loyal. Doch die Vorsitzende der „Wahrheits - und Gerechtigkeitskommission“ hat den Mut, auf fort bestehende folterähnliche Praktiken gegenüber Tatverdächtigen oder Gefangenen hinzuweisen, nennt dies eine Schande für die Demokratie, die doch jetzt in diesem Lande herrsche.
Eine Art Moderator führt durch den Abend, mit gut geölter Stimme, mit Betroffenheitsfloskeln und pseudo-demütigem Gesichtsausdruck, er schien die Veranstaltung mit einer Fernsehunterhaltungsshow zu verwechseln.
Unerträglich! Aber für uns am erstaunlichsten: Nur sehr zaghaft waren Missfallensäußerungen zu vernehmen. Waren wir Deutschen wieder mal überkritisch? Später stimmen uns allerdings viele zu.
Doch es kam noch schlimmer. Ein Straßentheater führte vor den Augen und Ohren der ehemaligen Opfer Folterszenen vor, lautstark, drastisch, realistisch.
Ein unfassbarer Missgriff, der nun doch immerhin bei dem ein oder anderen zu fragenden Blicken führte.
Bei Martín Almada führte er zu einem entsetzlich anzuhörenden Wein- und Schreikrampf und anschließendem Kollaps. Bis darauf überhaupt reagiert wurde, verging eine geraume Zeit, und Ute, die schon über die ganze Dauer dieses geschmacklosen Gruseltheaters Martín im Blick gehabt hatte, war als erste zur Stelle, um den Aufgesprungenen zu umarmen, zu beruhigen und auf einen Stuhl zu setzen, bis ein Arzt erschien und der Arme in ein Hospital gebracht wurde. Die Theaterleute unterbrachen nicht einmal ihre Vorführung, die für Martín Almada die makabre Neuaufführung einer Foltersitzung war.
Auch der Anblick des jüngst in einer vergammelten Werkstatt entdeckten Exemplars der Geheimdienstfahrzeuge zum Transport der lebendigen oder toten Opfer jener Zeit dürfte schwer zu ertragen gewesen sein.
„Caperucita roja“, Rotkäppchen, wurden sie genannt, in denen sie wie Vieh hinein geworfen und verfrachtet wurden.
Um dem Festakt die musikalische Krone aufzusetzen (schon die stets intonierte, Nationalhymne zu Beginn anzuhören ist keine reine Freude), kam zum Schluss noch jener Sänger und Gittarist zum Zuge, der nie bei solchen offiziellen Events
fehlen darf.
Er singt dumpf-patriotisch, mit wilder Gebärde und mit Hilfe seiner bis zum Anschlag verstärkten Gitarre, was wenigstens den Vorteil hat, dass man seine zum jeweiligen Anlass selbst verfassten Texte kaum oder gar nicht verstehen konnte. Eine Gnade.
Wer dieses Urteil zu hart findet, dem wünsche ich das Erlebnis einer solchen sehr paraguayischen Veranstaltung! Konnte man manches vielleicht noch als verunglückte Folklore ansehen, so war das angesetzte Straßentheater eine grandiose Geschmacklosigkeit und Missachtung der wichtigsten und empfindlichsten Gruppe der Anwesenden.
Ute war regelrecht aufgebracht und voller Zorn.
Ironie der Geschichte an diesem denkwürdigen Abend und gleichzeitig Ausdruck geänderter Zeiten:
Unübersehbar waren die Kommunisten Paraguays vertreten!
Angehörige ihrer Partei und solche, die man zu „Kommunisten“ erklärte, waren schließlich die Hauptverfolgten des Stroessnerregimes. Sie brachten sogar einige Militärs dazu, sich ihre Parteizeitung anzusehen.
Und das sah so aus:
Eine Botschaft an den deutschen Botschafter Der schon weiter oben erwähnte Vertreter unseres Landes hatte uns eine Woche vor der Schreckensveranstaltung zu einem Gespräch eingeladen, wir hatten darum gebeten, unter anderem um ihn für die Übergabe der Ehrungen aus Kempen für Martín Almada mit ins Boot zu holen.
Er ist erst seit einigen Wochen im Amt und kennt sich folglich noch nicht gut aus - hatten wir die prompte Gesprächseinladung diesem Umstand zu verdanken?
Bei unserem Erscheinen in seinem Büro schaute er jedenfalls irritiert, als er realisierte, dass da zwei Vertreter der „Pro Paraguay Initiative“ aus Deutschland vor ihm standen.
Wie das?
Gerechnet hatte er offensichtlich weder mit deutschen Landsleuten noch mit einer „Initiative“ - seine Sekretärin hatte wohl nur „Pro Paraguay“ angekündigt. Ja und?
Nun, „Pro Paraguay“ ist ein mächtiger paraguayischer Wirtschaftsverband, davon hatte er in seiner kurzen Amtszeit sicher schon erfahren....
Es muss eine Verwechslung gewesen sein.... (Ute meint, ich übertreibe).
Der Herr Botschafter brachte das Gespräch hinter sich. Ohne Anstand. Eine Lehrstunde, deren Ergebnis u. a. ein Brief an ihn war. (s. Auszüge)
Sein französischer Vorname verdient „French Skript MT“ :
„Botschafter
Dr. Claude Robert Ellner
ASU / Paraguay ASU, 18. April 2011
Sehr geehrter Herr Dr. Ellner - in beinahe 40 Jahren hatten wir Gelegenheit - und hin und wieder war es auch ein Vergnügen - eine lange Reihe von Botschaftern als Vertreter unserer Bundesrepublik hier in Paraguay kennen zu lernen.
Darunter Lobredner des Diktators, Unlustige, Unauffällige - und einige wenige, die Spuren hinterließen, weil sie ihr Amt mit Engagement und Interesse an dem Land und seinen Menschen ausübten. Solchen Vertretern schien die Arbeitsplatzbeschreibung eines Botschafters eher ein Korsett zu sein, das sie gern hin und wieder lockerten.
Von ihnen spricht man noch heute.
Der Termin neulich mit Ihnen, dem „Neuen“, den wir als ein Gesprächsangebot ansahen, wurde von Ihnen aber offensichtlich missverstanden als ein Zusammentreffen zum Zwecke der höheren Belehrung. ......................
Manchen Ihrer Kommentare zu Partnern unserer Initiative empfanden wir als geringschätzig und von grober Unhöflichkeit.
So fällt Ihnen zu einem Senator der Opposition, Sixto Pereira, nur die Klassifizierung „der Kommunist“ ein. Weiter nichts. Makaber hört sich das in unseren Ohren an in einem Land, in dem Kommunist zu sein das schlimmste „Verbrechen“ war, welches jedem unliebsamen Kritiker angehängt wurde - für viele mit fatalen Folgen.
Das, was er tat, wie er sich unter schwierigsten Bedingungen und unter persönlicher Gefährdung eingesetzt hat sowohl für die Belange der verelendeten Landbevölkerung als auch für einen demokratischen Wandel, war uns allein wichtig.
Aber Sie „wissen“ schon, kaum im neuen Amt: „Der Kommunist“. So machen Sie offensichtlich schnell Feindbilder bestimmter Kreise (Ihre Kreise?) zu den Ihren.
Ihr ideologisch verfestigtes Weltbild wurde bereits mit diesem wie ein Urteil gesprochenen Wort deutlich. .......................
Zu Verfolgung und Folter des international geachteten alternativen Nobelpreisträgers Dr. Martín Almada vermerken sie ein ums andere Mal, das habe es im Osten Deutschlands auch gegeben. Man reibt sich verwundert die Augen: Wozu der Verweis auf das DDR - Unrechtssystem, wie wird er klingen in den Ohren eines Opfers, dessen Leiden immer einzigartig ist?............................
Sie aber offenbaren mit diesem nur auf den ersten Blick herbei geholten Vergleich lediglich Ihr altmodisches Feindbild (der „Kalte Krieg“ lässt grüßen) und überschreiten ganz nebenbei die Grenze zum Zynismus.
Wir haben das Motto verstanden:
„Was beschweren sich die Linken in Paraguay (und anderswo) denn über schlechte Behandlung - in der linken DDR haben Sie doch Gleiches ihren Feinden gegenüber praktiziert...“
Ideologie statt Augenmaß, Missachtung der Opfer (hier: Dr. Almada)...............................
Wir werden die uns gespenstisch anmutende Begegnung mit Ihnen, dem neuen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Paraguay, bei mancher Gelegenheit und manchem Gegenüber zu erörtern wissen.
Ute und Hermann Schmitz“
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm Oder: Wie der Vater, so der Sohn - das trifft auch im Falle der Immobilien aus dem Stroessner- Clan zu. Die oben vorgestellte Villa des Diktatorvaters ist nichts im Vergleich zu den stattlichen Besitztümer des Sohnes Gustavo.
Ich musste halsbrecherisch klettern für einen Teilblick auf das von einer hohen Mauer umgebene „Corpus delicti“. Denn darum handelt es sich auch bei dieser „Mansion Gustavo Stroessner“, die als „unrechtmäßig erworben“ in öffentlichen
Besitz überführt werden muss.
Müsste - aber die Anwälte und Richter Paraguays sind, wenn nicht Nostalgiker der Diktatur, so doch mindestens käuflich.
Anwalt Martín Almada ist der Meinung (und nicht nur er), dass auch in dieser Villa viele Studenten wunderbar studieren könnten, wie im obigen Falle.
Beharrlich streitet er für dieses Anliegen, dessen juristische Klärung bereits erfolgt ist. Wie sinnfällig - die Protzvilla des ungebildeten Sohnes eines Potentaten umzuwandeln in einen Ort der Bildung für alle! Martín, seine Frau Maria Stella und eine Gruppe von Aktivisten kämpfen auch mit Aktionen für dieses Anliegen, dieses Mal waren wir dabei, nicht ohne eine leise Furcht, denn bei der letzen Aktion hatte es Prügel von der Polizei gegeben.
Das scheint irgendwie „zum Geschäft“ zu gehören, man tat jedenfalls so, als gebe es keinerlei Grund zur Besorgnis. Martín Almada sieht angegriffen aus, kaum erholt von seinem oben beschriebenen Zusammenbruch.
Presse und Fernsehen schonen ihn nicht.
Etwa einhundert Aktivisten sind erschienen, auch aus Frankreich und Spanien.
Unsere Achtergruppe als „delegación alemana“ ist mit viel Engagement dabei, auch unsere Besucher aus D. identifizieren sich voll mit der Sache, deren Sinnhaftigkeit einleuchtet. Almadas Frau Maria Stella stellt uns einen Mitstreiter vor, Ute übersetzt. Keine Polizei, ich bin nicht unfroh darüber. Nach einer guten Stunde ist die Aktion beendet.
Eindringliche Ansprachen, Gesang und viel Presserummel vor dem verriegelten Tor der Mansion Gustavo Stroessner - wir haben einen Blick getan auf die „Vergangenheitbewältigung“ auf paraguayisch, auch hier wieder inspiriert und inszeniert vom unermüdlichen Martín, der mich immer an den argentinischen Nationalhelden „Martín Fierro“, den eisernen Martin, denken lässt......

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