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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Mehr von Deutschen in Paraguay!
von Ute Schmitz
26.08.04     Klicks:2813     A+ | a-
Im Eierfach des Kühlschranks  fand ich morgens ein handgeschriebenes Zettelchen: „Liebe Ute, lieber Hermann, bitte nicht böse sein. Die vier Eier, die hier lagen, haben einen kleinen Ausflug in unsere hungrigen Mägen gemacht. Morgen werden wir sie ersetzen.  Marlen und Kristin“
Sie haben die Eier ersetzt. Hermann hatte neulich weniger Glück. Der teure chilenische Wein, den er sich gegönnt hatte, war aus dem Kühlschrank verschwunden. Am Abend zuvor war den Jungens der Stoff ausgegangen, da machten  sie dann  alles leer, was ihnen in die Hände fiel. Hermann, für den Wein ein Thema ist, bei dem er keinen Spaß versteht, war sauer und stellte die Knaben zur Rede. „Kein Problem, reg´ dich doch nicht auf, wir ersetzen dir die Flasche.“
So weit, so gut.
Als dann aber am nächsten Tag eine Flasche „Santa Carolina“ im Kühlschrank stand, gab es richtigen Ärger! Dazu muss man wissen, dass der „Heilige Carolina“ – Trunk in etwa unserer „Liebfrauenmilch“ entspricht ....
Die jungen Studentinnen und Studenten aus unserer Zufallswohngemeinschaft in Asunción wissen sich also  zu helfen, wie man sieht.
Philipp, der endlich den versprochenen Studienplatz an der hiesigen Uni – ohne Schmiergeld! – erhalten hat, wird gerade von Marlen gebeten, den Kammerjäger zu machen. Einsatzort: Küche. Seine Beute ist eine dicke Cucaracha, die er  -  mit Glas und Küchenlöffel in der Hand  -  durch die halbe Küche verfolgte, um sie einzufangen und freundlich an die Luft zu setzen. Wahrscheinlich kommt sie uns morgen erneut besuchen .....
Die Küche ist Sammel- und Treffpunkt in unserer „Auberge Espagnole“, und dort tauschen wir uns über die verschiedenen
Eindrücke bei unseren Reisen ins Inland aus. Nie hatte die Pension Schrammen so viele Gäste, inzwischen sind alle 16 Zimmer wieder in Schuss gebracht, es kommen wieder StudentInnen aus Deutschland  -  in dieses Land, für das sich vor Jahren kaum einer interessierte. Eigentlich ein Grund zur Freude, oder?

So sind Hermann und ich schon zwei Tage nach meiner Ankunft im September los gefahren, um Independencia (eine deutsche Kolonie etwa 170 km nordöstlich von Asunción), Concepción (etwa 500 km nördlich am Rio Paraguay) und schließlich die Mennoniten-Kolonien im paraguayischen Chaco (etwa 500 km entfernt im kaum besiedelten Westen) zu besuchen.
In Independencia trafen wir auf alte Bekannte, mit denen wir zusammen reisten: Hedwig und Pedro Theis, die in Paraguay als Entwicklungshelfer arbeiteten und beschlossen hatten, hier ihren Wohnsitz zu behalten. Während Hermann und ich die öffentlichen Busse benutzten, nahmen sie im hinteren Teil ihres kleinen Kastenwagens einen Gast mit: Judith,  29 Jahre, deutsche Studentin, die in Stanford, Kalifornien, ihre linguistische Doktorarbeit über ein Thema der „Guaraní“ - Sprache schreibt (bis heute die eigentliche Landessprache in Paraguay, von über 90% der Bevölkerung gesprochen). Judith hat ein Jahr in Mexico gewohnt und zur Sprache der Maya geforscht.
Zurück gekehrt ist sie  mit farbenfrohen Tatoos auf einem Bein und dem Rücken. Diese, nebst ihrer gepiercten Zunge und ihren langen, seit 5 Jahren unveränderten dunkelblonden Rasta-Locken, erregten im Chaco immer wieder  Aufmerksamkeit – übrigens nicht so sehr bei den bekannt konservativen Mennoniten, sondern vor allem bei den Indígenas. Voller Neugier und Belustigung fassten die jungen indianischen Frauen, aber auch einige der jungen Männer, gern mal in ihre wollige Haarflut.

Aber zunächst ging es nach Independencia, der deutschen Kolonie, wo wir – vertraut aus alten Zeiten –  im „Hotel Tilewski“ wohnen. Dort hat sich in all den Jahren nicht viel verändert. Die Matratzen könnten  besser sein, aber das Essen schmeckt unverändert gut, deftige deutsche Küche mitten in Paraguay. Judith liebäugelte sofort mit dem Käsekuchen in der Glastheke.
Hermann kennt sich in der Kolonie besonders gut aus, war er doch in den 70er Jahren dort so eine Art „Dorfschulrat“.  Er berichtet über Independencia:

In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts  brauchten die Siedler aus Deutschland (darunter viele Badenser), aus der Schweiz und aus Österreich, oft eine ganze Woche, um per Ochsenkarren die rund 200 Kilometer von der Hauptstadt in die neue Kolonie Independencia („Unabhängigkeit“) zu bewältigen. Über lange Strecken ging es durch dichten Urwald.
Wenn die von den Engländern gebaute und 1856 in Betrieb genommene Eisenbahn fuhr, hatten sie es leichter: Von der Bahnstation Villarrica  bis in die Kolonie waren es noch ca. 35 Kilometer, aber auch die hatten es oft in sich. Bei Regen blieben sie dann schon mal für ein paar Tage stecken. Trotzdem: Verglichen mit den Siedlungsbedingungen der Mennoniten im unwirtlichen Chaco oder der Kolonisten von „Nueva Germania“ war
Independencia mit seinem dank der Höhenlage angenehmen Klima, seinen Bergen, Wäldern und fruchtbaren Böden ein fast paradiesicher Ort, zur Bewirtschaftung von der paraguayischen Regierung angeboten.
Und so machten sie sich an die Rodung der Wälder, bestellten ihre ersten Felder, bauten Schule und Kirche und gründeten  -  natürlich   -  den „Deutschen Sportverein“, und bald auch eine deutsche Schule.

Zwischen 1973 und 76  fuhr ich  regelmäßig in die Kolonie. Als Kontaktlehrer der Goethe-Schule in Asunción, an der zu unterrichten ich bekanntlich das nur mäßige Vergnügen hatte, besuchte ich die vier Schulen in Independencia und in den Kolonieteilen Carlos Pfannl, Sudetia und San Antonio.
Ortsnamen, die bis heute einen unvergessenen Klang für mich haben ....
Ich versuchte mich als eine Art Lehrerfortbilder für die  -  mehr schlecht als recht  -  deutsch sprechenden Kollegen dieser kleinen Siedlerschulen. Wir hielten unter wechselnder pädagogischer Themenstellung etwa 5 bis 6 mal im Jahr Lehrertreffen ab, ich gab Unterrichtsstunden oder sah mir Unterricht an, den wir besprachen  -   und ich hielt glühende Referate über alternative, emanzipatorische Erziehung.
Ach könnte ich mir dabei doch noch einmal zuhören  -  bestimmt würde es mich gruseln!  Womöglich ging es ja damals auch meinen Koloniekolleginnen und –kollegen so  -  wir verstanden uns aber gut und hatten immer viel Spaß.
Ich brachte jedes Mal Bücher und Zeitschriften von der Deutschen Botschaft mit  und zahlte die sogenannte „Botschaftszulage“ aus, seinerzeit eine von der BRD gewährte kleine Gehaltsaufbesserung für die Lehrkräfte im Ausland, welche  die deutsche Sprache hoch hielten.  Dieser letztere Teil meiner Aufgabe wertete meinen Status bei ihnen natürlich deutlich auf ...

Donnerstags fuhr ich los, und ich kehrte, wenn es gut ging, am Sonntag nach Asunción zurück. Die letzten 27 Kilometer zur Kolonie waren immer das große Abenteuer:
Eine leuchtend rote Erdpiste, mit wackeligen Brücken und einigen Steigungen und Abfahrten, bei Regen fast nicht passierbar. Oft schaffte ich es nur mit Schneeketten. Wenn ich die mühsam aufgezogen hatte, sah ich aus wie ein rot geflecktes  Lehmferkel.
Schlimmer war es, wenn die Straße  -  wie damals üblich  -  gesperrt wurde, um bei solchem Wetter von den Fahrzeugen nicht bis zur Unkenntlichkeit zerfurcht zu werden. Dann half an der Polizeistation nur noch „Schmieren“. Oder sich wichtig machen. Meine Lieblingsstory  war, dass ich eine dringende Besprechung mit der Erziehungsministerin in Asunción hätte. Deren Name durfte gern auch eine Erfindung sein -  es kannte sie sowieso keiner. Als ich einmal dem fetten Polizei-Capo von Independencia mit der Zweitauflage meiner Geschichte kam, gab es Probleme. Kreativität war also gefragt.

Die Angst bei Polizisten und Militärs , an den frechen Erfindungen könnte etwas dran sein und sie würden sich womöglich einen Rüffel einfangen, war fast immer stärker als der Mut, den Wahrheitsgehalt der Geschichten in Frage zu stellen  -  vor allem natürlich bei den unteren Chargen.  Es machte uns immer großen Spaß, diese Furcht vor Sanktionen „von oben“ für unsere Zwecke zu nutzen  -  einer unserer kleinen Triumphe in der damaligen schrecklichen Militärdiktatur, unter der wir zwar kaum zu leiden hatten, die wir aber von Herzen hassten. Und deren Vertreter wir immer wieder nach Kräften verarschten: Beim Wettbewerb unter den Kollegen der Goethe-Schule „Wer mogelt sich am frechsten durch Militärkontrollen“ bekam ich den inoffiziellen Höchstpreis.
Ich war einmal mit einem alten deutschen Jugendherbergsausweis von Argentinien nach Paraguay eingereist ....

Seit 15 Jahren sind endlich auch die 27 letzten Kilometer  zur Kolonie asphaltiert. (Eigentlich erstaunlich, dass der deutschstämmige und –freundliche Diktator Alfredo Stroessner nicht eher dafür gesorgt hatte, an diesbezüglichen Versuchen der Siedler, die mit der Regierung recht gut zu Fuß waren, hatte es nicht gemangelt).
Nun fährt man also mit Asphalt unter den Rädern durch bis ins „Zentrum“ von Independencia, das nichts weniger verdient als diese Bezeichnung, denn so etwas wie einen Ortskern sucht man vergeblich. Der alte Siedler Fuhrmann erklärt uns selbstkritisch, dass man sich niemals auf eine vernünftige Siedlungsplanung habe einigen können, ja dass überhaupt die Kooperation der Neubürger nie besonders gut war  -  nach dem Motto: „Jeder für sich und Gott für uns alle.“
Die Straße endet am „Almacén 50“, an dem Laden  also, der bei Kilometer 50 liegt, gerechnet von der Departamentshauptstadt Villarrica. Frau Richter, kernige Siedlerfrau, führt dieses Geschäft, das größte und am besten sortierte in der Kolonie.
Ich sehe sie noch vor mir, wie sie vor 30 Jahre blutbesudelt mit einer riesigen Säge hantierte und innerhalb weniger Stunden ein ganzes Rindvieh zerteilte und verkaufte. Heute überlässt sie den inzwischen recht ansehnlichen Laden ihren Töchtern.
Ihr Sohn hatte  -  und er war nicht der einzige Siedler  -  Wein angebaut, hatte in den Achtzigern sogar  eine Weinfachschule in Deutschland besucht, und es war ihm immerhin gelungen, in einem ganz und gar ungeeigneten Klima, aus in Europa längst verbotenen Rebsorten, einen halbwegs trinkbaren Wein zu zaubern.
Kein Mensch wusste, wie er das geschafft hatte, er hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Seinerzeit war der Independencia-Wein fast konkurrenzlos: Er war spottbillig, konnte den Paraguayern als Wein untergejubelt werden  -  und die wurden, Hauptsache, schnell besoffen davon.
Die Kolonie war voller Weinfelder,  inmitten von Bergen und in einer nach deutschem Muster gestalteten Landschaft, die sich uns  so als vertraut-verfremdetes Bild darbot.
Heute gibt es  nur noch einen Winzer  -  wenn man denn auch für Independencia diese Berufsbezeichnung gelten lässt -  und es ist  interessanterweise ein „Neudeutscher“, der es noch mal wissen will, trotz übermächtiger Konkurrenz durch preiswerte Weine aus Chile, mit denen der ganze südamerikanische Markt überschwemmt wird.
Was ein Neudeutscher ist? Das ist einer, der erst in den letzten Jahren  -  oder gerade eben, zur Zeit schwappt nämlich eine ganze Welle von Einwanderern aus der Bundesrepublik in die Kolonie  -  angekommen ist und hier sein Glück versuchen will. Meistens funktioniert das Ganze aber gar  nicht oder sehr schlecht, und nur händereibende deutschstämmige(!)   Landverkäufer bleiben zurück und freuen sich, wieder mal einen Landsmann über den Tisch gezogen zu haben.
Ein wesentlicher Grund des Scheiterns ist aber die Unfähigkeit bis Unmöglichkeit, mit paraguayischen „Gepflogenheiten“, sagen wir es freundlich, zurecht zu kommen.
Die Internet-Homepages „Auswandern nach Paraguay“ werden zur Zeit stark besucht.
Dieses Jahr trafen wir vermehrt solche Landsleute, die ihre Euros in Paraguay wertgesteigert wissen wollen, nach dem Motto „Mit 1000 Euro leben wie ein König in Paraguay“ ....
Viele Auswanderer geben auch auf, weil ihnen das „leichte Leben“ in einer Kolonie, die doch sehr viel kleinbürgerlichen Mief atmet, auf Dauer mächtig auf´s Gemüt schlägt. Die schöne Landschaft und das gute Bier reichen eben nicht.

Der 52jährige Zahnarzt Unger, der in  Deutschland sein Schäfchen ins Trockene gebracht  und hier soeben seine Riesen - Villa hinter den Bergen fertig gestellt hat, will solches natürlich nicht zugeben. Bei einem Bier im „Deutschen Sportverein“ rühmt er wortstark sein neues Leben  in Paraguay. Seine Ehefrau war ihm drüben abhanden gekommen, zu Besuch ist gerade seine erwachsene Tochter, die seinen Sprüchen ganz offensichtlich misstraut  -  allzu oft wohl musste sie Papas Lobeshymnen mit anhören, denn der findet sein Publikum nur hier in diesem deutschesten aller Lokale, wo sich die treffen, die sich immer dort treffen.
Wir sind seine neuen Opfer und hören  -  während die vertraute Stimmung aus Ödnis und Langeweile uns umhüllt  -  geduldig an, wie gut und schön hier alles ist.

Frau Richter ist an diesem Sonntagabend auch da, sitzt mit gut 10 Siedlerfrauen um einen runden Tisch beim Erzählen oder Canastaspiel. Ganz munter, diese Frauen, wie sie da hocken und von alten Zeiten erzählen: Da zeigt sich auch manch beeindruckende Persönlichkeit, und so einiges an Erlebtem und Geleistetem wird lebendig, vor dem man Respekt haben muss.
Nicht anders bei den Männern, die sich -  ebenfalls ganz unter sich  -  an Nachbartischen in Skatrunden aufgeteilt haben, die sich an Lautstärke gegenseitig überbieten. Auch unser Hotelier Tilewski, im Nebenberuf Lastwagenfahrer, ist mit von der Partie, ein begnadeter Skatspieler (bei dessen Vater selig ich in den 70er Jahren schon viele Biere verloren hatte), der in diesem Jahr die südamerikanische  Skatmeisterschaft gewonnen hatte.

Frau Diebel, Wirtin im Lokal des Deutschen Sportvereins,  kann heute nur mit Mühe und mit schmerzverzerrtem Gesicht bedienen, sie trägt einen Arm dick verbunden, gestern hat ihr Schäferhund sie schlimm gebissen. Er hatte seiner Herrin ihren Stockhieb auf seinen Kopf nicht verziehen. Unser Mitleid hält sich in Grenzen, zumal der gute Hund die verständliche Reaktion mit seiner sofortigen standrechtlichen Erschießung hatte bezahlen müssen.
Ihr Mann ist, obwohl ein exzellenter Koch, spindeldürr. Er taucht selten aus seiner Küche auf, die keineswegs so aussieht wie sein Essen schmeckt. Er war in Deutschland immerhin Chefkoch eines renommierten Restaurants im
Süddeutschen gewesen, hatte aber den Stress  nicht vertragen und war in seine Heimatkolonie Independencia  zurück gekehrt.
Hier kocht er nun, weit geruhsamer, Sauerbraten und Knödel  -  und das zu einem Zehntel des Preises wie in Alemania, nämlich für 15000 Guaraníes, knapp 2 Euro.

Sein Vater war einer der ersten Siedler,  hatte oben in den Bergen  -  fast allein -  ein stabiles Haus aus Bruchsteinen und Tropenholz errichtet, sich mit den Mbyá-Indianern arrangiert, die damals in den unwegsamen Bergwäldern noch ein einigermaßen freies Leben führten  -  und er hatte als erster Kaffee angebaut und damit sein gutes Auskommen gehabt, bis eine Plage seinen ganzen Bestand an Kaffeepflanzen vernichtete.
Als kleiner  Junge war er immer fasziniert gewesen von den Kolonialwarenläden seiner Heimatstadt Hamburg, ein schönes buntes Reklameschild für Tropenkaffee hatte es ihm besonders angetan, und er hat dann als junger Mann den frühen Kindertraum, in Südamerika Kaffee anzubauen, in die Tat umgesetzt.
Seine Frau hatte er durch eine Anzeige in einer Koloniezeitung „angeworben“, sie kam über den Ozean directamente nach Independencia in sein Berghaus.
Sie mochten sich auf Anhieb, heirateten auch sogleich in der neuen Kirche der Kolonie. Beide haben glücklich zusammen gelebt. Sie starb als erste, er folgte ihr vor einigen Jahren, 92jährig.

Wir haben sie oft dort oben  in ihrem Idyll besucht, da hatten sie schon auf Hühnerzucht umgestellt. Ute vermochte den alten Herrn Diebel wunderbar zum Reden zu bringen; gebannt lauschten wir seinen Erzählungen aus den Gründerzeiten, die er in tadellosem Deutsch, leicht hamburgerisch eingefärbt, vortrug. Bis heute tut es uns leid, seine Berichte nicht aufgenommen oder –geschrieben zu haben. Er war geistig sehr rege und aufgeschlossen.
Wie ein Kind freute er sich, wenn man ihm alte Ausgaben der „Zeit“ oder des „Spiegel“ mitbrachte. Mit dicken Batterien betrieb er ein Grammophon und hörte Mozart und Beethoven, dass es bis in die Berge schallte.
Noch ein Stück weiter durch den Urwald, oberhalb seines Hauses, liegt ein wunderbarer Wasserfall. Von der Stelle aus, von der sich ein Bach 60 Meter ins Tal stürzt, hat man einen weiten Blick in die herrliche Landschaft, damals noch mit weitgehend  unversehrter Natur.

Es ist immer noch sehr schön in Independencia, aber heute nehmen die kahlen Stellen in der Landschaft doch rapide zu, und da hilft es wohl auch wenig, dass große Teile der Kolonie unter Naturschutz gestellt sind. Was will das in Paraguay schon besagen ....

Siedler Esching berichtet aus seiner Sicht  über die „sogenannten landlosen Campesinos“, die auch Teile seines Grund und Bodens schon besetzt haben und ihm viel Kummer machen.
„Es macht einfach keinen Spaß mehr, man schuftet und plagt sich, und dann kommen die und setzen sich einfach auf mein Land ...“
Wenn man ihn so klagen hört, den tüchtigen und ehrlichen Siedler, kann man auch ihn gut verstehen; das Landproblem in Paraguay hört sich aus der Perspektive eines Grundbesitzers eben anders an als aus Sicht der Campesinos: Ein schwieriges und sehr komplexes Problem  -  wenn der Staat nicht endlich eine Lösung schafft, werden die sozialen Spannungen auf dem Land sich bald noch gewaltsamer entladen..

Im Laden des Kolonisten Dück  sieht es auch heute noch so aus wie vor 30 Jahren. Ist die Zeit stehen geblieben? Immer noch die alten Weinfässer, jetzt sicher leer, die in der Ecke langsam verrotten, die morsche Holztheke und die schiefen Regale voller verstaubter Waren, die eiserne Waage von Anno Tobak.
Doch nein  -  die  junge Frau hinter der Theke, das muss doch die kleine Anna Dück sein, damals auch „meine“ Schülerin in der Kolonieschule. Ja natürlich!l
Wir tauschen Erinnerungen aus,  und ich erfahre 30 Jahre später (zu spät), dass die „komische buntgestreifte Hose“, die ich manchmal trug, ihren und anderen Eltern doch sehr missfallen hatte. Seinerzeit waren viele Kolonisten sich außerdem einig, meine Hose müsse etwas zu tun haben mit dem allgemeinen Sittenverfall in Deutschland, den man verstärkt unter der „`kommunistischen`(!) Regierung eines Willy Brandt“ zu beobachten glaubte  ...

Ich bekomme vom alten Dück ein Stück der guten Dück´schen Wurst, eine Kanne Traubenmost („Wein ist vorbei, das Feld hinterm Haus habe ich aber noch für den Most“), und dann mache ich natürlich noch ein Foto von Tochter und Vater hinter der Theke, wobei ich darauf achte, dass auch die 3 Revolver , die zwischen den Marmeladegläsern hängen, gut ins Bild kommen.

Am nächsten Morgen geht es weiter. Die Bushaltestelle  liegt nicht weit entfernt an der großen asphaltierten Landstraße, gleich gegenüber der deutschen Schule, an der Hermann ja vor 30 Jahren oft zu Besuch war.   Auch jetzt nutzt er die verbleibende Zeit, um „mal eben“ einen kurzen Blick auf die ehemalige Wirkungsstätte zu werfen. Früher standen dort  - geduldig wartend  -  die Pferde der Schüler, angebunden am Zaun. Bei Schulschluss zerstoben die Kinder – oft zu zweit auf einem Pferd – in alle Richtungen.  Ritte von ein bis zwei Stunden lagen vor ihnen. Heute stehen an gleicher Stelle die Autos. Mit großer Selbstverständlichkeit  fahren schon 14jährige über die Kolonialstraßen mit dem Auto der Eltern zur Schule. Erlaubt ist das offiziell nicht, aber wer fragt in diesem Land schon danach. Hermann kommt staunend zurück. Er hat einen riesigen schwarzen Mercedes bewundert. Eine überlange Karosse, ausgestattet mit Bar und Fernseher. Gibt es heute morgen einen Staatsbesuch?
Wenige Minuten später hält das Gefährt neben uns. Geschmeichelt von Hermanns Interesse möchte der Besitzer des noblen Gefährtes sich noch ein wenig in unserer Bewunderung sonnen. Ungefähr 50 km bis zur nächsten Stadt, wo wir umsteigen müssen, fahren wir mit. Dass dies ein Fehler war, merken wir zu spät. Herr Schumann, Erbauer und Besitzer des umgebauten Mercedes, aus Mönchengladbach in Deutschland stammend, ist deutlich pikiert, weil wir weder bei seinem Namen andächtig zusammen zucken, noch wissen, dass er einer der weltbekannten Schöpfer von Spezialautos ist.
Also kriegen wir ungefragt seine ganze Lebensgeschichte im Schnelldurchlauf erzählt und erfahren, dass der Grund für seinen schon langjährigen Aufenthalt in der „Bananenrepublik“ eine Hauterkrankung seiner jüngsten Tochter ist, die „nur“ in Independencia eine Linderung ihrer Beschwerden erfährt.  (Sekundenlang taucht vor meinem geistigen Auge die Schlagzeile vom künftigen Luftkurort mit Heilwasserquellen auf.)
Ansonsten bin ich aber damit beschäftigt, meine Füße in Ermangelung einer Bremse fest in die protzigen Lederpolster des gegenüberliegenden Sitzes zu pressen.

Unser Chauffeur  -  „Sie können unbesorgt sein, ich bin Testfahrer“ -  fährt mit fast 200 Stundenkilometern über die kleine hügelige Landstraße. Alte Menschen und kleine Kinder wären hier chancenlos, vom plattgefahrenen Federvieh ganz abgesehen. Mein Blick ruht sorgenvoll auf den links und rechts von mir angebrachten Kristall-Kelchen, die, leer und leicht verstaubt, in jeder Kurve klangvoll miteinander anstoßen. Bei einem Unfall dürften diese edlen Teile hässliche Schnittwunden verursachen.
Erst nach Hermanns heftigem und inzwischen sehr energischen Protest nimmt der Meisterfahrer den Bleifuß vom Gas. Beim Aussteigen ertragen wir noch mühsam die Aufzählung seiner verschiedenen irdischen Güter und bedanken uns für die Einladung in seine Luxus-Villa mit Gästehäusern, wohl wissend, dass wir beide nicht die geringste Lust haben, Herrn Großprotz, der bei Geschäften in Paraguay Millionen verloren hat,  jemals wieder zu sehen.

So setzen wir die Fahrt in den Norden des Landes Richtung Concepcíon mit dem Bus fort. Anscheinend kommen wir vom Regen in die Traufe, denn der Busfahrer fährt so verwegen, dass Hermann um unser Leben fürchtet und mit guten Worten und einem Geldschein versucht, den Fahrer zu einem gemäßigteren Fahrstil zu überreden. Wir dösen dann sogar etwas vor uns hin, bis wir auf einmal beide das Gefühl haben, dass es pausenlos über unsere nackten Füße und in die Hosenbeine hinein krabbelt und wimmelt.  Nein, wir haben nicht geträumt. Die Innen-Verkleidung des Busses ist verseucht von Cucarachas. Noch Tage später kommen die Tierchen aus meiner Handtasche. Hätten wir dies Herrn Schumann erzählt, er hätte nur verständnislos mit dem Kopf schütteln können. Er hat nämlich – wie er uns verriet - in seinem ganzen Leben noch nie in einem Autobus gesessen. 

In Horqueta, kurz vor Concepción, stoßen wir wieder auf den Rest der Truppe.
Hermann und ich übernachten in einem kleinen Hotel. Die anderen drei sind Gäste von Cristina und Juan Reiss (und wieder ein deutscher Name), die auch uns an diesem Abend zu einem „asado“ einladen. Cristina, Paraguayerin klein, rund und energisch, erklärt in einem langen Monolog ihr Engagement für ihr Schulprojekt in einem ländlichen Außenbezirk. Hier erleben wir sie auch am Folgetag als Schulleiterin, und es ist sichtbar, dass sie – trotz des vorherrschenden Mangels – mit Leidenschaft das Beste aus der Situation herausholt. Wir werden versuchen, ihren Antrag für den Bau und die Ausstattung  einer Schulbibliothek  bei der Deutschen Botschaft zu unterstützen.
Ihr Mann Juan, Argentinier mit deutschen Vorfahren , hager und mit sanfter Stimme,  ist das genaue Gegenteil von ihr.  Er spricht noch ein paar Brocken deutsch, war in seinem früheren Leben Pater in Brasilien und verdient jetzt seinen Lebensunterhalt  - mehr recht als schlecht  -   indem er mit arbeitslosen Jugendlichen Holzarbeiten herstellt.
Sein Traum wäre es, wie schon einmal Wirklichkeit geworden, in Deutschland Altarfiguren zu restaurieren. (Übrigens haben er und ich ja vielleicht einen gemeinsamen Urahnen. Schließlich hieß meine Mutter auch Reiss....)
Wir werden Juan in Asunción noch einmal begegnen. Er quält sich seit Monaten mit Beschwerden im Unterbauch, und Hedwig und Pedro drängen auf eine ärztliche Untersuchung. Hier sind unsere guten Kontakte zu den Ärzten im Hospital Barrio Obrero hilfreich, die froh sind, uns auch einmal einen Gefallen tun zu können und Juan mit großer Herzlichkeit und Freundlichkeit zusammen mit ihrem Fachkollegen betreuen.

Nach dem Abschied in Horqueta machen Hermann und ich uns für einen Tag selbständig. Zu nahe liegt Concepción, als dass wir nicht ein kurzes
Wiedersehen mit der Stadt am Rio Paraguay hätten feiern wollen. Idyllisch wohnen wir direkt am Fluss und genießen einen herrlichen Sonnenuntergang mit Blick auf den Hafen, wo ein auf uralt getrimmter wunderschöner Raddampfer unsere Aufmerksamkeit erregt. Wer meinen Mann kennt weiß, dass wir beide am nächsten Morgen auf dessen Deck stehen. Der paraguayische Kapitän entpuppt sich – nach anfänglicher Zurückhaltung – als aufgeschlossener, netter Typ, der uns bereitwillig das ganze Schiff zeigt.
Wir erinnern uns, im Internet die Reklame des französischen Eigners gelesen zu haben, der für einen unverschämten Preis die Fahrt mit seinem Edeldampfer auf dem oberen Rio Paraguay anbietet. An Bord gibt es französische Küche, zum Frühstück Champagner. Kleine Boote bringen die Gäste in die Seitenarme des Flusses , wo sie seltene Urwaldtiere beobachten können. 27 Leute Besatzung umsorgen  46 Gäste, einschließlich Krankenschwester, die nachts geduldig auf dem Oberdeck Dienst macht, wo die überwiegend älteren Passagiere, unter Schlafmangel leidend, die halbe Nacht verbringen. Der Kapitän gibt deutlich zu verstehen, dass er trotz des Spezial-Service den Preis für unverschämt hält. Genugtuung bereitet ihm, dass z.Zt. ein paraguayischer Kollege ein Schiff umbaut und für deutlich weniger Geld die gleiche Reise anbieten will.  Wie es scheint, hätte er nichts dagegen, den Arbeitgeber zu wechseln bzw. selber Schiffseigner zu werden.
Er träumt davon, bald auf eigene Rechnung Touristen den Oberlauf des großen Flusses zu zeigen, dem das Land seinen Namen verdankt. Aber mit den Touristen ist das so eine Sache in Paraguay: Da lässt sich von den Ganoven des Landes nicht genug absahnen, und da die meisten Politiker Ganoven sind, gibt es kein Interesse an einer Tourismusentwicklung. Also: Viel Glück, Herr Kapitän!

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

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Kinderstation Hospital Barrio Obrero

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