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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

La gallina degollada (Das geköpfte Huhn
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
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Den ganzen Tag über hockten die vier schwachsinnigen Kinder der Eheleute Mazzini-Ferraz auf einer Bank im Hof. Die Zungen schlaff  zwischen den Lippen hängend, die Blicke stumpf und stierend, drehten sie hin und wieder die Köpfe mit offenen Mündern. Der Hof hatte einen Lehmboden, eine Mauer aus Ziegelsteinen schloss ihn zur Rückseite hin ab. Davor stand die Bank, etwa fünf Meter entfernt, auf der sie unbeweglich zu verweilen pflegten, die Augen starr auf die Mauer gerichtet. Wenn die Sonne sich neigte und allmählich hinter der steinernen Wand versank, ergriff eine seltsame Erregung die vier Idioten.  Zunächst schien das grelle Licht sie aufzuwecken, ihre Blicke wurden etwas lebhafter, bis sie am Ende von Lachen geschüttelt wurden  -  die Köpfe erhitzt von einer triebhaften Heiterkeit. Mit geradezu gieriger Lust starrten sie den rotglühenden Sonnenball an, als sei er Futter für sie.

 
Manchmal sah man sie auch, aufgereiht auf ihrer Bank, Stunden um Stunden vor sich hin summen und die elektrische Straßenbahn imitieren. Starke Geräusche vermochten sie aus ihrer Trägheit zu reißen, dann stolperten sie, laut heulend und sich auf die Zungen beißend, im Hof umher. Meist jedoch wirkten sie wie erloschen in der düsteren Lethargie ihres Schwachsinns, verbrachten den ganzen Tag auf ihrem Sitz, mit unbeweglich herunterhängenden Beinen, und durchweichten ihre Hosen mit ihrem klebrigen Speichel. Der älteste war zwölf Jahre alt, der jüngste acht. Ihr Aussehen war schmutzig und mitleiderregend, es ließ  auf ein vollständiges Fehlen mütterlicher Fürsorge schließen.

Gleichwohl waren diese vier Idioten einmal die Freude ihrer Eltern gewesen. Nach drei Monaten Eheglücks war Mazzini und seiner Frau Berta klar, dass sie ihre tiefe Liebesbeziehung auf eine mit Leben erfüllte Zukunft ausrichten wollten: Welch größere Glückseligkeit könnte es für zwei Liebende geben, als ein Kind zu haben, heiligstes Zeugnis ihrer innigen Zweisamkeit, frei vom Egoismus einer Verbindung ohne Ziel, der Liebe selbst förderlich und sichtbarer Ausdruck einer Hoffnung auf deren stetige Erneuerung!?  
 
So empfanden auch Mazzini und Berta, und als nach vierzehn Monaten ihrer Ehe das Kind auf die Welt kam, sahen sie ihr Glück erfüllt. Schön und strahlend wuchs das Kind auf, bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Im zwanzigsten Monat aber wurde es eines Nachts von heftigen Krämpfen geschüttelt, und am folgenden Morgen erkannte es seine Eltern nicht mehr. Der Arzt untersuchte das Kind mit jener berufsmäßigen Haltung, die deutlich erkennbar die Gründe für das Übel in den Krankheiten der Eltern sucht.

Nach ein paar Tagen konnte das Kind zwar seine Glieder wieder bewegen, aber sein Verstand, seine Seele, ja sogar seine Instinkte waren ihm abhanden gekommen, und es war gänzlich zu einem  Schwachsinnigen geworden, hinfällig, sabbernd,  für immer fast leblos und wie festgewachsen auf den Knien seiner Mutter. „Kind, mein geliebtes Kind!“, schluchzte Berta über der schrecklichen Gestalt ihres Erstgeborenen. Der ebenso untröstliche Vater begleitete den Arzt hinaus. „Ihnen kann ich es sagen, ich glaube, es handelt sich um einen aussichtslosen Fall. Man kann ein wenig Besserung suchen, das Kind aufziehen, so weit es sein Schwachsinn erlaubt, mehr ist nicht möglich.“ „Ja, ja“, pflichtete Mazzini bei, „aber sagen Sie mir bitte, glauben Sie, es handelt sich um etwas Erbliches, um ....?“ „Was das väterliche Erbgut angeht, teilte ich Ihnen meine Einschätzung schon mit, als ich Ihren Sohn sah. Was die Mutter betrifft, nun .... bei ihr ist ein Lungenflügel nicht in Ordnung, keine regelmäßige Atmung. Ich sehe sonst nichts, aber da ist dieses auffällige Rasseln. Lassen Sie das gut untersuchen, es könnte Schwindsucht sein.“

Die Seele von Gewissensnöten gepeinigt, verdoppelte Mazzini seine Liebe zu dem Kind, diesem unschuldigen Idioten, der für die Exzesse seines Großvaters bezahlte. Seine Frau Berta,  zutiefst verletzt durch diese Tragödie ihrer ersten Mutterschaft, bedurfte fortwährend seines Trostes und seiner Unterstützung.

Wie es ganz natürlich ist, legte das Paar seine ganze Liebe in die Hoffnung auf ein weiteres Kind. Es kam zur Welt, und seine Gesundheit und das Leuchten seines Lachens ließen eine schon ausgelöscht geglaubte Zukunft wieder Gestalt annehmen. Aber im Alter von 18 Monaten wiederholten sich die Krämpfe und Zuckungen des Erstgeborenen, und am folgenden Tag hatte sich das Kind in einen Idioten verwandelt.

Dieses Mal verfielen die Eltern in noch tiefere Verzweiflung:  Also mussten ihre Zweisamkeit, ihr Blut verflucht sein! Und vor allem ihre Liebe! Er mit seinen achtundzwanzig Jahren, sie mit gerade zweiundzwanzig   -  und all ihre Liebe und leidenschaftliche Zärtlichkeit sollten nicht hinlangen, auch nur ein einziges Atom eines normalen Lebens in die Welt zu setzen! Sie ersehnten ja schon gar nicht mehr besondere Schönheit oder Klugheit wie beim Erstgeborenen  -  aber ein Kind, ein Kind doch!  -  wie alle anderen Kinder!!Und also mündete auch nach diesem Unglück ihre schmerzliche Liebe erneut in den verrückten Wunsch, doch noch  -   und ein für allemal  -  die besondere Heiligkeit ihrer Liebe zu bezeugen.

Es kamen Zwillinge, die Punkt für Punkt das Schicksal ihrer älteren Geschwister wiederholten und teilten. Über der unendlichen Bitterkeit blieb aber noch ein großes Mitgefühl bestehen, welches Mazzini und Berta ihren vier Kindern entgegenbrachten. Es galt, den Erscheinungen extremster Tierhaftigkeit wenn schon nicht Seelenregungen, so doch wenigstens solche des Instinkts abzutrotzen. Die vier Jungen waren weder imstande zu schlucken noch sich von der Stelle zu bewegen, ja nicht einmal zu sitzen. Schließlich lernten sie zu laufen, stießen aber ständig irgendwo an, weil sie nicht einmal Hindernisse ausreichend wahrzunehmen vermochten. Beim Waschen brüllten sie, bis ihnen die Gesichter rot anliefen. Nur beim Essen kam Leben in sie, auch, wenn sie leuchtende Farben erblickten oder es donnern hörten. Dann lachten sie, die Zungen hingen ihnen aus dem Mund, aus dem  Ströme von Schleim flossen, und sie strahlten in freudiger Raserei. Wohl verfügten sie über eine gewisse Fähigkeit der Nachahmung, mehr aber war bei ihnen nicht zu erreichen. Nach den Zwillingen schien  es mit der schrecklichen Nachkommenschaft endlich sein Bewenden zu haben.

Aber drei Jahre später verspürten Mazzini und seine Frau Berta wieder den brennenden Wunsch nach einem Kind, im Vertrauen darauf, dass sich nach der langen Zeit das Schicksal hätte besänftigen lassen.Ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht. Es wuchs aber nun ihre Bitterkeit immer stärker  -  Folge jener tiefen Sehnsucht, die sich angesichts ihrer Vergeblichkeit in Verzweiflung verwandelte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte jeder der beiden den ihm zugehörigen Anteil  am Elend der Kinder auf sich genommen, aber die Hoffnungslosigkeit, die gänzlich fehlende Aussicht auf Erlösung, förderten nun jenen übermächtigen Drang zur Beschuldigung des anderen zutage, wie er zutiefst bedrückten Herzen eigen zu sein scheint.

Es begann mit einem Wechsel der Fürwörter: Deine Kinder. Und weil neben die Demütigung noch die Hinterlist trat, lud sich die Atmosphäre zwischen den Eheleuten stetig auf. Ich finde“, sagte eines Abends Mazzini, der soeben hereingekommen war und sich die Hände gewaschen hatte, „du solltest die Jungen etwas sauberer halten.“ Berta las weiter, als habe sie nichts gehört. „Zum ersten Mal erlebe ich, dass du dich um den Zustand deiner Kinder sorgst“, gab sie zurück. Mit einem gezwungenen Lächeln wandte Mazzini ihr das Gesicht zu: „Unserer Kinder, scheint mir richtiger.“ „In Ordnung, unserer Kinder. Hast du es so lieber?“  Sie hob die Augen zu ihm auf. Jetzt sprach Mazzini es deutlich aus: „Du wirst doch nicht sagen, dass ich der Schuldige bin, oder?“ „Oh, nein“, lachte Berta, sehr bleich, kurz auf, „aber ich ja wohl bestimmt nicht, denke ich.“ Und murmelnd:“ Das wäre ja noch schöner ...“ „Was? Was wäre noch schöner?“ „Wenn jemanden die Schuld trifft, dann sicher nicht mich, damit das klar ist! Das ist es, was ich dir sagen wollte.“ Ihr Gemahl schaute sie einen Moment lang an, mit dem heftigen Wunsch, sie zu beleidigen. „Lassen wir es!“, stieß er hervor, sich endlich die Hände abtrocknend. „Wie du meinst. Wenn du aber sagen willst ....“ „Berta! ....“ „Wie du willst .....“ Das war der erste Streit, dem weitere sich anschlossen. Aber stets und unweigerlich folgten darauf die Versöhnungsfeiern, und ihre Seelen verbanden sich in doppeltem Verlangen nach einem weiteren Kind.

Ein Mädchen kam auf die Welt. Zwei Jahre lebten sie mit der ständigen Angst vor neuem Unglück. Allein  -  nichts geschah, und die Eltern legten all ihre erfüllte Liebe, all ihr Entzücken in die Kleine, sodass diese keine vorteilhafte Erziehung, stattdessen Verwöhnung über die Maßen erfuhr.

Hatte Berta sich in der zurückliegenden Zeit immer noch um ihre Söhne gekümmert, so schien sie seit der Geburt der kleinen Bertita beinahe vergessen zu haben, dass es die Unglücksjungen gab. Sie geriet in Schrecken, wenn sie nur an sie dachte, es war ihr so, als habe man sie gezwungen, etwas Grässliches zu begehen, als sie diese Kinder in die Welt gesetzt hatte. Mazzini ging es ähnlich, wenn auch in geringerem Maße.Aber mit Bertitas Ankunft war nicht etwa Frieden in ihre Seelen eingekehrt. Das kleinste Unwohlsein ihrer Tochter förderte jetzt, zugleich mit dem Schrecken, sie zu verlieren, die ganze Wut über ihre verpfuschte Herkunft zutage. Allzu lange hatten sie ihre Bitterkeit angehäuft, das Maß war übervoll, und bei der kleinsten Berührung lief das Gift über. Seit dem ersten hässlichen Streit hatten sie den Respekt voreinander verloren, und wenn es etwas gibt, zu dem der Mensch sich teuflisch hingezogen fühlt, so ist es der grausame Genuss, den anderen, hat er erst einmal damit begonnen, vollständig zu demütigen.

Früher  -  als noch galt, dass sie beide versagt hatten -  hielten sie sich im Zaum; jetzt aber, wo das neue Kind geboren war, wollte jeder glauben machen, dass es nur ihm allein seine Existenz und seine Art verdanke, und ein jeder spürte die Schande der vier Missgeburten, die doch nur der andere ihn zu ertragen gezwungen hatte, weit stärker. Inmitten dieser Gefühle war ihnen für die Jungen keine Zuneigung mehr möglich. Die Dienstmagd war es nun, die sie ankleidete, sie gab ihnen zu essen, brachte sie zu Bett, mit sichtlicher Lieblosigkeit, ja Brutalität. Fast nie wurden sie gewaschen, nahezu den ganzen Tag verbrachten sie vor der Mauer, ausgeschlossen von auch noch so ferner Zuwendung oder gar Zärtlichkeit. So feierte Bertita ihren vierten Geburtstag, und in dieser Nacht, aufgrund wohl der vielen Süßigkeiten, welche die Eltern ihr zu verweigern nicht gewagt hatten, bekam das Mädchen Fieber und Schüttelfrost. Und der panische Schrecken, sie sterben zu sehen oder schwachsinnig, riss die ewige Wunde wieder auf.

Ein langes Schweigen wurde jetzt von Berta unterbrochen, wie so häufig aus Anlass der dröhnenden Schritte ihres Ehemannes. „Mein Gott! Kannst du nicht leiser gehen?! Wie oft .....?!“ „Lass´ gut sein, ich habe nicht dran gedacht. Schluss damit, ich mache es doch nicht mit Absicht.“ Sie lachte verächtlich: „Ich glaube dir kein Wort!“ „Und ich erst! Niemals hätte ich dir glauben sollen! ....Schwindsüchtige!“ „Was!? Was hast du da gesagt?! ...“ „Nichts!“ „Aber ja, ich habe es doch gehört! Pass auf, ich weiß nicht, was du gesagt hast, aber ich schwöre dir, alles hätte ich lieber gehabt als einen Vater wie du ihn hattest! Mit seinen Lastern, seinem Saufen!“ Mazzini wurde bleich. „Endlich!“ ...murmelte er mit zusammengepressten Lippen, „... endlich, Schlange, hast du gesagt, was du schon immer sagen wolltest!“ „Natürlich! Schlange. Ja, ist nur recht, weiter so! Aber ich habe gesunde Eltern gehabt, hörst du, gesunde! Mein Vater ist nicht im Delirium gestorben! Ich hätte Kinder haben können wie jede andere Frau auf der Welt! Das sind deine vier Kinder!!“

Jetzt brach es aus Mazzini heraus: „Schwindsüchtige Schlange! Jawohl, genau das habe ich gesagt, und das wollte ich dir schon lange sagen! Frag´ doch den Arzt, wer mehr Schuld trägt an der Hirnerweichung deiner Söhne   -   mein Vater oder deine angefressene Lunge!! Schlange!!“ Sie setzten ihren Streit immer heftiger fort, bis ein Stöhnen ihres Töchterchens ihnen augenblicklich den Mund verschloss. Um ein Uhr Morgens aber war Bertitas leichte Magenverstimmung vorüber, und wie es fast zwangsläufig bei jungen Ehepaaren, die sich einmal heftig geliebt haben, zu geschehen pflegt, folgte kurz darauf die Versöhnung  -  und auch diese war umso inniger, je schlimmer die gegenseitigen Verletzungen gewesen waren.

Ein herrlicher Tag brach an, nur dass Berta beim Aufstehen ein wenig Blut spuckte. Ganz ohne Zweifel hatten die Gefühle und Aufregungen der letzten Nacht großen Anteil daran. Mazzini hielt seine Frau lange im Arm, und sie weinte verzweifelt, ohne dass einer von beiden es gewagt hätte, ein Wort zu sagen.

Um zehn Uhr beschlossen sie, nach dem Mittagsmahl aufzubrechen, und weil kaum noch Zeit war, befahlen sie der Dienstmagd, ein Huhn zu schlachten. Das strahlende Wetter hatte die Schwachsinnigen von ihrer Bank gelockt. Und so kam es, dass, während die Magd das Huhn köpfte und ganz langsam ausbluten ließ (Berta hatte diese vorteilhafte Methode, das Fleisch zart und frisch zu halten, von ihrer Mutter gelernt), sie in ihrem Rücken Atemstöße zu vernehmen glaubte. Sie drehte sich um  -  und erblickte hinter sich die vier Idioten, die,  Schulter an Schulter, wie betäubt die blutige Handlung verfolgten....  Rot .....rot ....

„Señora, die Kinder sind hier, in der Küche“ Berta kam herein, nie hatte sie geduldet, dass die vier die Küche betraten. Konnte ihr denn nicht einmal in der Stunde des Verzeihens und Vergessens, ihres wiedererlangten Glücks, dieser schreckliche Anblick erspart bleiben?!Es war ja nur natürlich:  Je intensiver die Liebeswallungen zu Mann und  Tochter waren, umso mehr wurde ihre Stimmung durch den Anblick der vier Ungeheuer verdüstert. „Sie sollen raus, Maria! Schmeiß´ sie raus, raus mit ihnen, sag´ ich dir!!“ Die vier armen kleinen Ungeheuer, gepackt und brutal gestoßen, verschwanden wieder auf ihrer Bank im Hof. Nach dem Essen verließen alle das Haus. Die Dienstmagd fuhr nach Buenos Aires, und die Eheleute schauten nach ihrem Land. Bei Sonnenuntergang kehrten sie zurück, aber Berta wollte mit ihrem Mann noch einen Moment die Nachbarn gegenüber begrüßen. Bertita lief schon vor und verschwand im  Haus.

Die vier Scheusale hatten sich den ganzen Tag nicht von ihrer Bank gerührt.Die Sonne war schon hinter die Mauer getaucht, und sie starrten sie weiter unverwandt an, regungsloser denn je. Plötzlich schob sich etwas zwischen ihre Blicke und die Mauer. Ihre Schwester, müde von fünf mit den Eltern verbrachten Stunden, wollte auf eigene Faust Erkundungen machen. Am Fuß der Mauer verweilend, schaute sie neugierig in die Höhe. Sie wollte gern hochklettern, gar kein Zweifel.Endlich schleifte sie einen alten Stuhl heran, der reichte aber noch nicht hin.

Da bemerkte sie einen Petroleumkanister, und als sie ihn aufrecht auf den Stuhl stellte, hatte sie gewonnen.Die Idioten, unverwandten Blicks, nahmen wahr, wie ihre Schwester geduldig Gleichgewicht suchte und wie sie, auf ihre Zehenspitzen gestützt, den Hals auf den Rand der Mauer schob, zwischen die den Körper hochziehenden Händchen. Sie verfolgten, wie sie nach allen Seiten Umschau hielt und mit den Füßen festen Untergrund suchte, um noch höher zu gelangen. Die Blicke der Brüder hatten sich belebt, ein gleiches hintergründige Funkeln leuchtete in ihren Pupillen auf. Und während sie unverwandt  ihre Schwester fixierten, veränderte ein Ausdruck bestialischer Gefräßigkeit ihre Gesichtszüge. Langsam bewegten sie sich auf die Mauer zu. Die Kleine hatte mittlerweile mit den Füßchen Halt im Mauerwerk gefunden und sich ganz hochgezogen. Sie war im Begriff, sich rittlings auf die Mauerkrone zu setzen und womöglich zur anderen Seite hinunterzufallen, als sie spürte, dass etwas an ihrem Bein zog. Sie wandte den Kopf um: Die acht Augen, die sie starr von unten herauf anblickten, machten ihr Angst.

„Lass mich los! Lass los!“, schrie sie, ihr Bein heftig schüttelnd. Aber die Umklammerung  lockerte sich nicht. „Mama, Hilfe!  Mama! Mama, Papa!”, schrie sie verzweifelt. Sie versuchte sich noch an der Mauerkante festzuhalten, spürte aber, wie weiter an ihr gezogen wurde, und fiel zu Boden. „Mama, Hilfe, Mama! Hil - ..!“ Sie konnte jetzt nicht mehr schreien. Einer der vier riss Locken von  ihrem Kopf, als seien es Federn, und drückte ihr dann den Hals zu. Die anderen schleiften sie, an nur einem Bein, bis zur Küche, wo man am gleichen Morgen das Huhn, in festem Griff, hatte ausbluten lassen, und es langsam, Sekunde um Sekunde, aus dem Leben gerissen hatte.

Mazzini, im Haus gegenüber, glaubte die Stimme seiner Tochter zu hören. „Mir scheint, Bertita ruft dich“, sagte er zu seiner Frau. Sie lauschten beide, in Sorge, vernahmen aber nichts. Jedenfalls verabschiedeten sie sich kurz darauf, und Mazzini wandte sich zum Hof, während Berta ihren Hut ins Haus bringen wollte. „Bertita!“ Niemand gab Antwort. „Bertita! Töchterchen!“, erhob er die Stimme, voller Unruhe.

Das Schweigen quälte sein angstvolles Herz, und es ergriff ihn ein eisiger Schauer grauenvoller Vorahnung. „Meine Tochter! Töchterchen!“ Er wollte zur Bank am Ende des Hofes, erblickte aber, als er an der Küche vorbeilief, auf ihrem Boden das Meer von Blut. Mit Wucht stieß er die nur angelehnte Tür auf, und dann hörte man seinen furchtbaren Schrei.

Berta hatte die ängstlichen Rufe ihres Mannes gehört. Sie war losgelaufen und erschauderte, als sie den Schrei vernahm. Sie wollte in die Küche stürzen, aber Mazzini, totenbleich, stellte sich ihr in den Weg und hielt sie fest:„Nein, nein! Komm nicht rein!“ Berta sah aber den von Blut überschwemmten Boden. Sie konnte nur noch die Hände an den Kopf schlagen und sich an Mazzini festklammern.  

Ein tiefes, rasselndes Stöhnen entfuhr ihrer Kehle.

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