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28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Der Weg zum Himmel ist mit Bitterorangen gepflastert
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
07.02.13     Klicks:2753     A+ | a-
Auf dem Weg zum Himmel
Für mich, der ich glaubte, so ziemlich alle touristisch bedeutsamen Orte und Veranstaltungen in Paraguay zu kennen, war Tañarandy („Weg zum Himmel“) in diesem Jahr eine ganz unerwartete, aber hoch willkommene Neuentdeckung. Und dass man dort den Namen von Joseph Beuys nicht nur kennt, ihn aussprechen und schreiben kann, sondern ihm sogar eine Art Schirmherrschaft für die „Zweiundzwanzigste Osterwoche von Tañarandy“ in diesem Jahr 2013 einräumt, hat mich mehr als verblüfft.

Was ist das für ein Ort?
Tañarandy ist  eine kleine compañía, ein Sprengsel, nur drei Kilometer von dem Städtchen San Ignacio im Departament Misiones entfernt. Beide Ortsnamen verraten bereits, dass hier wohl die Missionierung der einheimischen Urbevölkerung durch den Jesuitenorden besondere Bedeutung hatte. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts starteten sie ihr großangelegtes Experiment der sogenannten Reduktionen, Rückzugs – und Schutzkolonien für Tausende Indigene vom Stamm der guaraní. Womöglich hätte ein Joseph Beuys schon darin eine soziale Plastik, eine Kunstaktion also, gesehen  -  die Werke der Indigenen in Bildhauerei, Malerei und Musik hätte gar nicht mehr dazu kommen müssen.Man findet  -  trotz heftiger Plünderei in vergangenen Jahrhunderten  -  noch respektable Zeugnisse dieser jesuitisch induzierten „Kunstwerke“ im Diozesanmuseum von San Ignacio und dem kleinen Kirchenmuseum des nahe gelegenen, beschaulichen Ortes Santa Maria.

Tañarandy  -  Territorium der Nichtzähmbaren
Nicht aber in Tañarandy  -  dorthin nämlich sollen sich die „Irreductibles“ zurück gezogen haben, diejenigen Guaraní, die den Worten und Schalmeien der Jesuitenpadres nicht trauten und sich folglich nicht „zusammenführen“ ließen in die wohlmeinend-autoritäre Herrschaft in den  „Reduktionen“....  („Aber schön hätten sie´ s doch gehabt, wie man sieht!“ Ob die Guaraníes es auch schön fanden, ist nicht bekannt, das Empfinden von Menschen wird selten mit überliefert .......)
Die Irreductibles jedenfalls wollten es erst gar nicht ausprobieren ...

Zur neunten Stunde,
also nach unserer Zeitrechnung um 15 Uhr, als Jesus gestorben sein soll, beginnt in der Kapelle von Tañarandy der Zug der „estacioneros“, Anhänger Jesu, die mit ihren Klagegesängen den zum Kreuzestod Verurteilten auf seinen Leidensstationen begleiteten. Jammersänger  -  das Wort passt besser zu diesem zig Kehlen entströmenden Un-Singen -  jedenfalls für heutige Ohren. Wer diesen Zug über die 3 km – Distanz begleitet, hat drei Discobesuche gespart. Mit im Zug natürlich die mit viel Glasperlen und bunten Stoffen bis zur Unkenntlichkeit geschmückte Marienstatue, die später, am Endpunkt des Zuges, den vom Kreuz genommenen Jesus zu sich an ihre Seite bittet, Mutter und Sohn derart wieder vereint.15.000 Besucher sind erschienen, und ebenso viele Kerzen sind auf dem camino al cielo aufgestellt bzw. in den roten Sand des Weges gebettet. Kerzen ganz eigener Art, halbierte  Bitterorangen, ausgekratzt und aufgefüllt mit einer Art vorgekühltem Kerzenwachs, mit grobem Docht, angezündet und das Ganze mal 15.000: Wenige Mittel, viel Arbeit  -  und am Ende ein wunderbares Schauspiel!

Mit dem Wachs ist Vorsicht geboten, denn er wird bei 35 Grad und unter eigener Hitzentwicklung schnell weich und verwandelt diese einzigartige Bodenbeleuchtung so in respektable Fettnäpfchen, in die im Dutzend rein zu treten man mich nicht lange bitten musste, Ergebnis ist eine Hose mit stabilem Wachsumschlag. Es ist abenteuerlich, sich von einer Masse Menschen auf Schlaglochwegen eher mitbewegen zu lassen statt selber zu gehen, das Ganze  nur durch die schwache Beleuchtung in schummriges Licht getaucht.Die dröhnenden, den Gesang begleitenden Trommeln hinter uns, vor uns das von echten Kerzen u. Fackeln beleuchtete, auf Schultern getragene Podest mit  der Jungfrau Maria  -  so tapsen wir wie in Trance die drei Kilometer bis zur Golgatha - Station.















Der Gekreuzigte sah bei Tageslicht schon ziemlich finster aus, erstaunlicherweise fehlten ihm beide Beine. Zur Begründung hieß es: Die Beine des Herrn waren zur Reparatur und nicht rechtzeitig fertig. Ob´ s stimmt? Zwischen freundlichen, andächtigen Menschen war ich da eingeklemmt, das nahm mir denn auch jede Art von Beklemmung. Mit meinen zwei Begleiterinnen verständigte ich mich auf Zuruf.

Unterwegs mit Triana
Die eine war Triana, Studentin und Mitbewohnerin der Pension in Asunción, die passenderweise aus San Ignacio stammt, und Christina, die zweite Begleiterin und ebenfalls aus unserer Pension. Triana lud uns „nach Hause“ ein, um diese besondere Osterfiesta zu erleben. Ich glaube, sie hat noch nicht einmal gefragt, Gastfreundschaft ist etwas sehr Selbstverständliches und Unkompliziertes in Paraguay.Wir schliefen bei einer prima, einer der 36 Cousinen und Cousins von Triana, die wir fast alle unterwegs trafen. Wenn Triana jemanden begrüßte, lag man mit „prima?“ fast immer richtig.(Ein eigenes Erlebnis, diese Begegnung der Studentin aus der Hauptstadt mit ihrer Familie, mit Verwandten und Freunden anlässlich des wichtigsten und traditionsreichsten Festes, ihr Genießen der im Studium vermissten Geborgenheit in der Familie. Fast wurde ich an Kempen und sein Martinsfest am 10. November erinnert, wo es sich ganz ähnlich verhält) Und was ich da tagsüber an der Kapelle gesehen hatte, ohne mir einen Reim darauf machen zu können, entpuppte sich am Abend als weitere Reminiszenz an die Heimatstadt, nämlich eine Art Laterne, hier  candiles genannt. Mit Kerzen bestückt wurden sie im Zug mit geführt. Farbe und Form erinnerten mich an den deutschen Frühling, der ja bislang ausfiel.....

Da ist eine ausländische Familie auf das Laternenfoto geraten, sicher nicht zufällig, denn Tañarandy ist inzwischen auch ein touristischer „event“, vorwiegend  für den nationalen Tourismus. Und natürlich, wie sich das gehört, mit jahrmarktähnlichem Charakter, wie unten zu sehen.Da wird alles Mögliche zum Kauf angeboten, vor vielen Häuschen auf dem Weg zum Himmel sind Ess- und Getränkestände aufgebaut, und mancher Guaraní wird hier verdient.Viele Häuser illustrieren mit Bildern, was sie anzubieten haben, z.B kann man bei den Jaquets einkaufen ....
 
Da Vinci´s und Dalí´s letztes Abendmahl  -   und Beuys?
Mittlerweile haben sich die in allerlei Gewänder aus den Tagen Jesu gekleideten Jugendlichen hinter einem Szenario aus riesenhaften Bilderrahmen (ca. 6X2m), Treppenlandschaften und in den roten Lehm gehauenen Stufen regelrecht verschanzt, von den Zuschauern trennt sie zudem noch ein kleiner See. Sie bereiten sich auf ihren großen szenischen Auftritt vor, der sie eine künstliche Golgathalandschaft bevölkern und beleuchten lässt.

Die beinahe furchterregend zurecht gemachten 12 Jünger trainieren noch ein bisschen für die Dalí-Version der „Ultima Cena“, haben aber noch Lust, mit uns zu feixen, die wir mit der Hilfe irgendeiner Triana-prima hinter die Bühne durften: Für die Zuschauer sieht das dann so aus - hier die Da Vinci - Ausgabe, die mehr Beifall bekam.

Nicht nur Jesus, auch Beuys lebt!
Dann wird auf einmal ein Kreuz angestrahlt  -  nanu, ist das nicht.....? Ja, es ist das Beuys´sche Kreuz von Manresa in einer Replik. Joseph Beuys hatte es bei seinem Spanienaufenthalt 1966 in der katalanischen  Stadt Manresa geschaffen. Dortselbst hatte auch Ignatius von Loyola, Begründer der „Gesellschaft Jesu“, seine berühmten „Spirituellen Übungen“ verfasst.Inspiriert durch eine mystische Begegnung mit dem Jesuiten (der ja auch Namensgeber unserer kleinen Stadt San Ignacio ist), hatte Beuys sein Werk in Düsseldorf ausgestellt und erläutert. Hier in Tañarandy hat das Kreuz Kultstatus, viele Besucherschöpfen gläubig aus seiner spirituellen Kraft.

„Koki“ Ruíz, (natürlich ein Onkel von Triana), ebenfalls Aktionskünstler und Spiritus Rector der Kunstaktion, als die er das Ganze begreift, erläutert uns: „Wir zeigen hier unsere eigene Vision eines sozialen  Konzeptes von Kunst, wie Beuys es propagierte  -  ohne uns Bilder zu hinterlassen. Diese Kunst ist unberührbar und flüchtig, und so intendieren wir es auch bei jeder Osterwoche von Tañarandy:  Hier ist es nur wichtig zu fühlen und den Moment zu erleben und was davon in uns bleibt.“
Am Abend auf der Naturbühne intoniert Ruíz in unaufhörlichen Wiederholungen die Beuys´ schen Kernsätze: „Todo ser humano es un artista  -  y toda acción es una obra de arte”  -  dass jeder Mensch ein Künstler und jede Handlung ein Kunstwerk sei. Seine Stimme klingt so monoton, dass man fast Beuys im Original zu hören vermeint. Und weiter: „Das Bedeutsamste an der Kunst ist es, den Menschen zu befreien ......die einzige revolutionäre Kraft des Menschen ist seine Kreativität .....nur sein Wille ändert die Dinge.“            


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