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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

“Oktober 2008 - Tagebuch 08 letzter Teil”
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
16.10.08     Klicks:2051     A+ | a-
Knüppel, Machete oder Gewehr:  Wann platzt den Campesinos der Kragen?

Ende September übergibt die „Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit“ dem Präsidenten Lugo ihren Abschlussbericht über die Opfer der Stroessnerdiktatur. Schon wieder ein historisches Datum?
Ja  -  endlich auch in Paraguay! Allen Widerständen zum Trotz.

Für Virgilio Bareiro, den ich heute nach mehr als 20 Jahren hier wieder treffe, ist es ein ebenso schwieriger wie befriedigender Termin.
Er ist nur eines von Dutzenden Opfern dieser schrecklichen Ära Paraguays (1954 bis 1989), die ins Teatro Municipal gekommen sind und beide Ränge füllen. Ich schaue mir die Gesichter an und versuche mir vorzustellen, was sich dahinter alles an Erinnerungen von Schmerz und unvorstellbarem Leiden verbirgt. Die meisten wirken gefasst, ich meine aber auch eine erwartungsvolle Unruhe, ja eine stille Wut, zu spüren. Heute ist ihr Tag. Hoffentlich!

Und sie selber machen diesen Tag zu einem Datum, an das man sich auch ihretwegen erinnern wird:

Sie, die erst nach dreißig Jahren  endlich den Mund aufzumachen wagten und immer mehr von ihren grauenvollen Erlebnissen berichteten, sind heute erst recht nicht mehr stumm  -  im Gegenteil!
Als der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Victor Núñez, ans Rednerpult gehen will, gibt es heftigen Tumult. Empörte Rufe schallen durch den Theaterraum: „Verräter, du Feigling!“  „Raus mit dir, Núñez, verschwinde!“  „Lügner! Scheinheiliger!“ usw.
Der käufliche Oberste Richter, der mehr ein Werkzeug der Colorado- Partei als Recht und Gesetz verpflichtet,  bekommt das zu hören, was er verdient, tiefste Verachtung.
 
Ein Tag im (Weiter)leben des Virgilio Bareiro: Es ist sicher nicht der schlechteste.
Aber auch kein besonders befriedigender, denn Núñez muss vorerst nur von einer Theaterbühne verschwinden.
Virgilio ist empört darüber, dass der Oberste Richter immer noch im Amt ist.

(Er hat mir eine anrührende Geschichte aus seiner langen Haftzeit erzählt. Sie können „Die knöcherne Harfe“ nachlesen auf unserer Homepage)

Nun muss bald etwas passieren in Paraguay, die Dinge plätschern so vor sich hin. Jeden Morgen erwartet man beim Blick auf die Titelseiten der Zeitungen etwas Neues, Handfestes, womöglich Richtung Weisendes. Nada  -  stattdessen scheint eine Art Lähmung dieses „Land im Aufbruch“ befallen zu haben.
Die Journalisten belagern den Präsidenten, als wollten sie ihm endlich die erlösende Botschaft entreißen.
Beim Mittagessen mit ihm  -  im feudalen Amtssitz  -  erfahren sie stattdessen vor allem von seinem Plan, ein Flugzeug für seine vielen Auslandsreisen zu erwerben. Von welchem Geld, wollten die neugierigen Journalisten wissen. Der Präsident meint, die sechs bis sieben Millionen Dollar könnten doch von den binationalen Kraftwerksgesellschaften Itaipú und Yacyretá aufgebracht werden, er vermochte freilich nicht zu erklären, ob dies in einem legalen Rahmen vonstatten gehen könne.
Fernando Lugo braucht ja vielleicht einen (eigenen) Flieger  -  aber die Nation braucht andere als diesbezügliche Nachrichten.

Natürlich  -  die Hindernisse sind gewaltig und erschreckend!

Die Profiteure des alten Systems sind nicht über Nacht verschwunden  -  ganz im Gegenteil, sie sitzen noch überall in den Verwaltungen und Ministerien (wenn auch nicht mehr in der Führung) und verteidigen ihre alten Privilegien mit Zähnen und Klauen.
Seit der Wahl im April gibt es ein Sammelbecken der die neue Regierung unterstützenden Kräfte namens „Frente Social y Popular“.
Nein, das ist keine „Sozialistische Volksfront“, sondern ein Bündnis aus fast hundert sozialen, gewerkschaftlichen, kirchlichen und Frauengruppen, die ihre Kräfte konzentrieren und ihre Anliegen gemeinsam der Regierung  vortragen wollen. Sie vertreten in erster Linie die Interessen der verarmten Bevölkerungsschichten  -  und wenn für diese Menschen nicht endlich Verbesserungen erfahren, verliert Lugo den Kredit, den ihm eine große Mehrheit immer noch gibt.

Aber den in der FSP ebenfalls vertretenen Campesinos und ihren Organisationen und Anführern ist das Tempo zu langsam, sie erinnern Lugo immer massiver an sein Wahlversprechen einer „wirklichen und ´integralen´ Landreform“.

Sie drohen zum Beispiel damit, sich im Departament San Pedro solcher Ländereien zu „bemächtigen“, die illegal erworben wurden, oder die weiter mit Soja bepflanzt werden sollen  -  vor allem durch die „brasiguayos“, die neuen brasilianischen Paraguayer.(Siehe letzten NL)
So ist dies zunehmend nicht mehr nur ein Agrarkonflikt, sondern eine Art Aufstand gegen die „Fremden“, die sich die Ländereien nehmen, die doch nach Meinung der Campesinos ihnen, den Paraguayos, als Lebensgrundlage dienen sollten.
Sindolfino Brítez, ein junger Bauernführer, kam jetzt unter dubiosen Umständen zu Tode. Der zweite Tote in diesem Jahr, das heizt die Stimmung auf.
Schon in seinen Bischofstagen war Lugo immer ein Anwalt der Forderungen von Bauernorganisationen, jetzt ist er der Staatschef, der im Extremfall den Brasilianern  -  auch ihrer Regierung  -  würde erklären müssen, warum ihr im Nachbarland erworbenes Land enteignet werden soll.

Distrikt Lima, 20. Oktober. Heute ist es so weit, „ABC Color“berichtet:
„Heute geht das Moratorium mit dem Staat zu Ende, ab jetzt werden wir die Ländereien der Sojapflanzer besetzen......
Wir können jetzt auf legalem Wege unser Land zurück verlangen  -  hier, in diesem Distrikt Lima. Ich versichere, dass ich im Besitz von offiziellen Urkunden des „Indert“ (Institut für ländliche Entwicklung) bin, dass die Sojafelder der Brasilianer hier dem paraguayischen Staat gehören, da es keinerlei Kaufverträge gibt!“, so der Campesinoführer Cabrera.
„Niemand wird uns in unserem gerechten Kampf aufhalten, wir haben keine Angst vor Brasilien  -  alle wahren paraguayischen Patrioten sollten sich unserem Kampf anschließen ... "

Schon beruhigt der brasilianische Botschafter seine Landsleute: Im Falle von Enteignungen werde sie der brasilianische Staat aus Itaipú- Gewinnen entschädigen, die Paraguay zustehen. Lugo muss das Problem schnell lösen, womöglich ganz allein.
Die brasilianische Armee führt eine aufwendige „Operation Südgrenze“ mit 3.500 Soldaten und Aufklärungsflugzeugen durch  -  niemand mag an einen zufälligen Zusammenhang mit den Landkonflikten in San Pedro denken.
Das paraguayische Verteidigungsministerium erklärt die Beziehungen mit Brasilien als „zur Zeit stabil“ ....

Und sonst?
Der 104jährige blinde und pflegebedürftige Kriegsveteran aus dem Chacokrieg zwischen Bolivien und Paraguay (1930 bis 1935) José Ramos soll aufgrund der Resolution 2.324 endlich seine Kriegsrente erhalten. Wenn sie endlich ausgezahlt wird, ist er vermutlich tot......
Das letzte Unwetter über der Hauptstadt Asunción hat wieder ansehnliche Löcher im Pflaster hinterlassen.
Eher kleine Kalamitäten angesichts der Möglichkeit politischer Verwerfungen, die schon die ersten 100 Tage der neuen Regierung Lugo verdunkeln könnten.

Paraguay bricht sämtliche Rekorde in der südamerikanischen Unfallstatistik: Kürzlich wurden allein in der Hauptstadt Asunción binnen 24 Stunden 100 Unfallopfer in der Notfallstation behandelt, davon 50 Verletzte durch Mopedunfälle  -  Tendenz weiter steigend.
Die Kriminalstatistik steht dem in nichts nach, der neue Innenminister hat noch keinerlei Erfolge vorweisen können.

Und was macht die Pro Paraguay Initiative vor Ort?
Wir besuchen die „Ökologische Landwirtschaftsschule ´San Juan´ in Juan de Mena“, beschließen gemeinsam mit den Partnern die Renovierung der Schule (1000 Euro), besprechen mit Eltern der Kooperative, Lehrern und Schulabgängern letzte Details zum Projekt einer „Kleinfabrik zur Herstellung organischen Zuckers“, bevor der Projektantrag beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eingereicht wird.
Dazu geht ein Brief an die SchülerInnen des Gymnasiums „Thomaeum“ in Kempen  -  und als Artikel an die Zeitungen „Rheinische Post“ und „Westdeutsche Zeitung“.
Die Gesundheitsstation von Juan de Mena bekommt neues, qualifiziertes Personal, welches von unseren Partnern ausgesucht wurde, sodass ab sofort wieder Medikamentenlieferungen aufgenommen werden (über „action medeor“).
Mit Partnerin  „Muñeca“, einer ausgebildeten Krankenschwester, erarbeiten wir einen Antrag auf den Bau einer kleinen Gesundheitsstation in einem Gebiet des Distrikts Juan de Mena, wo keine Versorgung der Bevölkerung existiert.

Erste Kontakte mit einer Fischerei-Kooperative in Itá Corá
(am Rio Paraná, ca. 80 km von Pilar), die ihr auf den Fischfang beschränktes Einkommen durch Anbau und Verkauf veredelter Zitrusfrüchte verbessern wollen. Nach Absprache mit unserem Partner vor Ort Santiago ermuntern wir sie, einen Antrag an die PPI auf Kauf von veredelten Zitrusbäumchen zu stellen.

Der Kinderhort im Großmarkt von Asunción  -  ehemals „Niños del Abasto“  -  heißt jetzt „Ñande Rekoha“ (Guaraní für: Unser Raum), nachdem er in ein neues „Lokal“ des Marktes umgezogen ist. Zahlreiche Gespräche mit Leiterin Elisabeth Gavilán und Erzieherinnen sowie mit der deutschen Praktikantin Anna Dichtl, die für ein halbes Jahr im Hort arbeitet. Wir weihen in Gegenwart von E. Kloubert vom Kindermissionswerk Aachen (20% der Finanzierung) mit einer kleinen Feier die Außenanlage des Hortes mit Spiel- und Fußballplatz ein.

Unser Partner Francisco Paulo Oliva, gerade 80 gewordener Jesuitenpater, Begründer eines „Jugendparlaments“, der Solidaritätsgruppe „Mil Solidarios“ in den „Bañados del Sur“, den Elendsvierteln am Rio Paraguay, wo er mitten unter den Armen wohnt, geht mit uns durch „sein Viertel“, zeigt uns seine „Kathedrale“  -  ein Holzkirchlein, eher ein Bretterverschlag, wo er die Messe liest, die (wenigen) Paare traut, die überhaupt heiraten, und wo er die vielen Kinder tauft.
Und wo er auch zur politischen Lage spricht, zuletzt sehr kritisch:
„Ich habe allmählich den Verdacht, dass einige bei uns entweder noch nicht begriffen haben, dass wir uns in einem Prozess des Wandels befinden  -  oder das Ganze eher als einen Scherz aufgefasst haben. Warum diese Vermutung?
´An ihren Werken sollt ihr sie erkennen´.
In den Medien lese ich wenig von einem Wandel, weder als Theorie zur Beschreibung eines Prozesses, noch als konkreten Weg zu einem Ziel.

Natürlich wird der Wechsel Jahre dauern, aber es wäre gut zu wissen: Worin besteht z. B. die „integrale Landreform“? Würde das formuliert, wären wir vielleicht aufmerksamer und hätten einen längeren geschichtlichen Atem.
Welches sind die zeitlichen Ziele einer „Gesundheit für alle“? Wüssten wir es, brächten wir womöglich mehr Geduld auf.
Nur diese zwei Beispiele. Aber man hört nichts.
Es gibt eine beachtliche Minderheit derer, die keinen Wandel wollen, die gar von einer Rückkehr zur Hegemonie der Colorados träumen.
Welch ein trauriges Schicksal wäre für dieses Land, das Ketten gesprengt hat  -  nur um jetzt neue zu erwerben und aufzuspannen?!
Warum aber sprechen wir von so etwas Traurigem? Ganz einfach deswegen, weil schon der bloße Verdacht, es könne so kommen, Selbstmord wäre.
Wir dürfen aber nicht erlauben, dass dies passiert.“

Ein Gespräch mit der Deutschen Botschaft in Asunción erbrachte ein erfreuliche Ergebnis. Aus Mitteln der Botschaft (bis zu 5000 Euro) kann im nächsten Jahr eine notwendige Zwischenetage im Kinderhort finanziert werden, die das Raumangebot vergrößern (Leseraum, Büro, Arztzimmer) und gleichzeitig eine Isolation gegen die große Hitzebelastung im Sommer bieten soll.

Hier schließen wir das Tagebuch der Paraguayreise 2008 ab.

Wir bedanken uns für das Interesse an unseren Berichten und Fotos und an unseren Projekten!

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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