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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Von Carúpano nach Santa Elena (Pannen, Pelikane, Urwaldklavier)
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
04.05.07     Klicks:2672     A+ | a-
Der Bus von Carúpano nach Puerto Ordaz, Abfahrtzeit 7.30 Uhr, fährt um 7.15 Uhr ab  -  ohne mich, der um 7.17 Uhr am Busbahnhof ist.
„A veces sale antes del horario“, der fährt schon mal früher ab, heisst es lapidar.
Ich bleibe entspannt, um 10 Uhr gibt es einen weiteren, leider einer von denen, die zum Schrott gehören, den ich aber mangels Alternative nehme. Der Markt nebenan entschädigt fürs Warten ….

Stilles Leiden über 6 Stunden, eingekeilt zwischen einer breithüftigen Lehrerin, der ich  -  nicht nur gesprächsweise  - sehr nahe komme, und einer Mutter, welche die ganze Fahrt über ihr Baby auf dem Schoss hält.
Von dieser Mutter lernen heisst Geduld und Gleichmut  lernen. Ich wehre mich nach kurzem Aufbegehren auch nicht mehr, wenn Schokoladenhändchen nach meiner Hose greifen, die Mutter hat nämlich bei 35 Grad ihrem Kinde Schokoladenplátzchen gekauft, die Einjährige kann schon selbständig knabbern, sagt die Mutter stolz, und das sollte den Pädagogen in mir doch eigentlich auch freuen.
Die 4 Stunden bis zur Stadt Maturin reichen mir in der Busvariante, ich verabschiede mich und halte am Terminal Maturin  nach einem Porpuesto Ausschau. Da kommen schon Scharen von Fahrern auf mich zu gestürmt, einen suche ich aus, zugegebenermassen nicht nur wegen der fehlenden Zähne (die bei mir stets eine Gefühlsmischug aus Vertrauen und Mitleid auslösen), sondern auch wegen des günstigen Preises für die 300-km-Strecke nach Puerto Ordaz.
Das günstige Angebot erklärt sich schnell, als ich den Chevy in Augenschein nehme, ein Modell aus den frühen Siebzigern. Ob er ihn deswegen in vornehmer Entfernung abgestellt hatte?
Klimaanlage? Wird gerade repariert. Reifenzustand? Kriegt  bald neue.
Als wir aus dem Busbahnhof heraus fahren, hält der Chevy-Pilot bei  einer ebenso jungen wie offenherzigen Schönheit an.
„Una pobre estudiante, la vamos a llevar“, der armen jungen Studentin, die da nun also zusteigt, hatte er schon vorher die Mitnahme in Aussicht gestellt. Dass seine Grosszügigkeit auf meine Rechnung geht, bekümmert  ihn nicht weiter. Raiva ist tatsächlich Studentin, und zwar aus Kolumbien.  Sie studiert Sozialwissenschaften in Puerto Ordaz und ist die erste Person, der ich begegne, die Hugo Chávez toll findet.
„Chávez verdanke ich alles!“, so endet die Lobpreisung der Stipendiatin.
„Und der verdankt alles dem Öl",",!“, mäkelt der Taxifahrer.
Ja, ja, das Öl  -  immer wieder ist davon die Rede, fast einhellige Meinung ist, dass Chávez seinen Sozialismus auf Öl baut, dass er mit diesem reichlich vorhandenen Rohstoff  (es gibt jede Menge anderer, z. T. noch gar nicht erschlossener Bodenschätze) lockt, korrumpiert, gar erpresst.
Und die Liste der mit Öl bedachten Länder wird in der Tat immer länger.
Wenn Chávez in den nächsten Tagen wieder mal nach Iran reist, dann allerdings nicht, um sein Öl feilzubieten, sondern um dessen Präsidenten seinerseits um Atomtechnologie anzugehen, so vermutet nicht nur die venezolanische Opposition. Danach macht er noch einen Abstecher zu Putin, um U-Boote einzukaufen. Gegen den Teufel kann man eben gar nicht genug aufrüsten. Mit der Red Submarine gegen Bush, das hat doch was ….

Unsere kolumbianische Studentin ficht das nicht an, wohingegen der Taxista sich im Disput mit ihr in Zorn redet. Wenn er sich dabei ausgiebig zu ihr umdreht, dann bin ich sicher, dass er dies auch immer mit einem Blick in ihren wirklich opulenten Ausschnitt verbindet. Ich begnüge mich mit einem rückwärts geschossenen Foto, mit rein dokumentarischen Absichten, versteht sich.
Im übrigen sorge ich mich um seinen Fahrstil, dem diese Art der Unterhaltung nicht bekömmlich ist. Später geht unser nur spärlich mit Zähnen ausgestattete Fahrer zum „Piropo“ – Teil der Unterhaltung über, dem Austeilen von Komplimenten und, in der verschärften Form, dem Anbaggern mit zwei- bis eindeutigen Angeboten.
Ich bin baff, so direkt habe ich das noch nie mit bekommen, das können nur Südamerikaner, und die Venezolaner sind noch mal Extraklasse.
Mindestens ebenso interessant wie seine Piropos, die im Angebot einer gemeinsamen Nacht in Puerto Ordaz gipfeln, finde ich die Art, wie die Schöne damit umgeht. Sie sagt nicht etwa irgendwann entnervt: „Lass´ mich in Ruhe, du zahnloser alter Sack!“ oder Ähnliches, sondern federt elegant alles noch so Plumpe ab, sagt etwa, sie habe keine Zeit, habe schon eine Verabredung, sei heute sehr müde, und dies und das  -  oder sie lacht einfach nur.
Mitten in einem schrecklichen Unwetter setzen wir mit der Autofähre über den Rio Orinoco. Kurz vorm Ablegen habe ich noch Gelegenheit, die elenden Hütten der Indígenas am Flussufer anzuschauen. Unbeschreibliches Elend, jammervolle Gestalten, von Chávez´ Sozialprogrammen ist hier nichts angekommen, der Führer der „Revolución Bolivariana“ hält es eben mehr mit Bolívar denn mit Atahualpa.

Als Wolfgang Löffler vor 35 Jahren gefragt wurde, was sein Name bedeute, konnte er schon Wolf mit Lobo übersetzen, und so blieb er bis heute “El Lobo”. Seine Posada unten am Orinoco in Puerto Ordaz  heisst folgerichtig „Casa del Lobo“, dort setzt mich der Taxista ab, nachdem er vorher noch fast eine Stunde an seiner Zündung basteln musste, so viel Regen hielt sein Chevy nicht aus.
Auf zwei Dinge ist der äusserst symphatische und hilfsbereite 57jährige Deutsche besonders stolz, auf seine zwei grossen Aquarien mit den vielen Pirañas, die, in die Wand der Eingangshalle eingelassen, den Blickfang bilden, und auf sein in Deutschland kürzlich eingebautes neues Knie, das ihm endlich wieder Bewegungsfreiheit gibt. Die Operation sei ein Klacks gewesen, die Reha in Erlangen habe er wie Ferien genossen  -   und alles habe die AOK bezahlt, der er, schlau,  als Mitglied immer treu geblieben war.
“Erlangen” klingt hier wie aus einer anderen Welt …
Mit seinem kleinen Töchterchen, gezeugt mit seiner um Jahrzehnte jüngeren dunkelhäutigen venezolanischen Compañera, geht er eher grossväterlich um.
El Lobo hat in Jahrzehnten fast ganz Venezuela bereist, Abenteuerliches erlebt, sich bei rastlosen Touren und Bergbesteigungen seine Knie verschlissen. Aber er trumpft nicht auf damit, wie ich es bei so manchen anderen Deutschen erlebt habe, die sich wie Nachfolger Humboldts gebärden, sondern begnügt sich mit einigen schön erzählten Anekdoten, die diesen Namen auch verdienen.
Einmal hat er den deutschen Botschafter von heftigem Durchfall befreit, mit Naturheilmitteln, wundersamerweise auch mit Mengen an Kräuterschnaps eigener Produktion.
“Der war mir so dankbar, das kannst du dir nicht vorstellen  -  aber auch so besoffen, dass er mir versprochen hat, mich fürs Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen .....”, haut sich Don Lobo auf sein Kunstknie.
Viel Zeit zu erzählen bleibt allerdings nicht, gleich nach meiner Ankunft hatte er mich gefragt, ob ich Skat spiele. Mein Ja euphorisierte ihn geradezu und führte zu einem ausgedehnten Skatabend auf der windigen Terrasse. Dritter im Bunde war Kai, ein in Venezuela gestrandeter langmähniger Freak, der hier beim alten Lobo so wirkte, als sei er „auf Besserung“, und dessen Tätowierungen mit original indianischen Häuptlingsköpfen und weisen Sprüchen ich beim Reizen Gelegenheit hatte zu studieren. War ich soeben am Orinoco noch Zeuge indianischen Elends,  so bot mir hier Kai die romantisierende Variante des von Hause aus weisen Indianers dar.
Wir spielten um eine Runde „Polar bis 301“, mit Bock und Ramsch natürlich, und um 12 Uhr war unsere „Strecke“ recht ansehnlich, mein Rausch nicht minder.

Ein gewisser Gerd aus Santa Elena, meinem Reiseziel für den nächsten Tag, war zufällig auch Gast bei seinem Freund.  Kaum hatten wir Flaschen und Karten weg geräumt, spannte er seine Hängematte auf und wünschte uns eine gute Nacht. Vorher fragte er beiläufig, ob ich mich morgen mit ihm auf die 600-km-Fahrt nach Santa Elena begeben wolle, er sei allein unterwegs mit seinem alten Toyota. Erfreut nahm ich an, zumal das Attribut „alt“ in Verbindung mit Autos seinen Schrecken für mich verloren hatte. Ausserdem war Gerd ja ein Deutscher, dazu mit einem so vertrauenserweckenden Namen.
Es kam anders.
In Upata ging die Wasserpumpe kaputt, konnte aber improvisatorisch repariert werden. „Te va a durar hasta Santa Elena”, die wird bis Santa Elena schon halten, höre ich den mecánico noch versichern.
Diese Aussage konnte nicht mehr überprüft werden, da nach 400 km, kurz vor dem Anstieg auf das Plateau der Gran Sabana, mitten auf regengepeitschter freier Strecke, mit lautem Getöse das Getriebe auseinander flog. Gott sei Dank kamen wir noch sicher zum Stehen, das Geräusch aber habe ich bis jetzt in den Ohren.

Mit einem zurecht geschnittenen Gummischlauch füllte Gerd umständlich zähes Getriebeöl nach, ich als sein treuer Reisegefährte (man kommt sich schnell nahe bei einer solchen Fahrt) versuchte, ihm solidarisch und nicht allzu ungeschickt  zur Hand zu gehen.
Ohne auch nur einen Hauch vom Gas zu gehen, rauschten hin und wieder schwere Treibstofftransporter an uns vorbei, statt eines Randstreifens ging die Strasse direkt in den Urwald über, wir blockierten also eine ganze Fahrbahn, und so war der unfreiwillige Aufenthalt fast gefährlicher als die Panne selber.
Ich sägte einen Riesenast ab und legte ihn, als Warnhinweis, ca. 50 m vor uns auf die Strasse. Das hätte ich auch lassen können, ehe ein Venezolaner abbremst, muss eine Dinosaurier vor ihm auftauchen. Gott sei Dank war wenig Verkehr.
Rettung nahte, nach einer Stunde und wie durch ein Wunder, in Gestalt dreier „Backpacker“-Kollegen, die auch nach Santa Elena unterwegs waren und die gleichnamige Aufschrift auf Gerds Toyota erkannt hatten.
Sie verabredeten mit ihm, im nächsten kleinen Ort (nach 140 km!) einen Abschleppdienst nach ihm zu schicken, das könne 5 bis 6 Stunden dauern. Das Getriebe sei sowieso hin, wieso er da noch Öl rein kippe.

Und was war mit mir? Ich befand mich in einem Loyalitätskonflikt. Bei Gerd bleiben?  Das Mitnahmeangebot der drei Kollegen (in einem neuen Toyota!) nach Santa Elena annehmen?  Gerd machte es mir leicht. „Lass´ mir 200000 Bolívares hier, der Besitzer der Posada in Santa Elena gibt sie dir wieder, wenn du von unserem Pech erzählst, ich komme schon zurecht, ich habe da Übung.“.“
Doch auch hier galt: Keine Lösung ohne Komplikationen.
Im neuen Toyota sassen die drei Männer vorn, der Laderaum war angefüllt mit vielfachen  Gerätschaften  und  -  einem Klavier!! Eine Deutsche, die 15 Jahre in Venezuela gelebt und das Land letzte Woche fluchtartig verlassen hatte, konnte ihr Klavier nicht mitnehmen und hatte es dem Trekkingführer Juan José geschenkt. Mit ihm hatte sie vor 15 Jahren ihre erste Tour gemacht und sich prompt in ihn und sein Land verliebt. Die Liebe war verblichen, mit einem deutschen Mann war sie später wieder nach Venezuela gekommen, aber beim Abschied vom Land und vom Klavier hatte sie an Johannes Josef gedacht, und so war dieser nun mit einem Piano gesegnet, der bei Musik nur an Merengue oder Salsa dachte.
Aufwendiges Umräumen. Passte ich da überhaupt rein?
Ich klemmte mich schliesslich zwischen Klavier und Bordwand, bewusst auf der Tastenseite, und wenn ich mir in Kurven das schwere Teil nicht gerade vom Leib halten musste, konnte ich, wenn auch nur mit stark angewinkelten Armen, dem erstaunlicherweise nur mässig verstimmen Instrument kleine Stückchen entlocken, meine Mitfahrer jedenfalls fanden es gut.
Ein Hauch von Fitzcarraldo lag in der Luft  - so kamen wir nachts in S.Elena an.

Ich habe nicht heraus gefunden, was die Heilige Helene mit dem  Ort Santa Elena zu tun hat  -  es sei denn, sie war vielleicht die Schutzheilige der Diamanten – und Goldsucher, denen das Städtchen seine Existenz verdankt.
Den Goldrausch hat Santa Elena ausgeschlafen, das Diamantenfieber ist abgeklungen, nur Namen und Bilder erinnern daran, dass hier noch vor wenigen Jahren gierig die Erde umgewühlt wurde, was die Schaufeln hielten. Jetzt geht es fast gemütlich zu auf den Strassen mit den verschiedenfarbigen kleinen Häuschen vor grüner Wald-, Wiesen- und Bergkulisse, die einzige Unruhe verbreiten hier die wenigen “Backpackers” aus aller Welt, die sich in den beiden “angesagten” kleinen Hotels wieder finden  -  im durchaus wörtlichen Sinne, denn manche sind sich schon seit Wochen regelrecht auf den Fersen. Mit lautem “Hello!” feiert man Wiedersehen, und so sollte auch in in den vier Tagen Santa Elena mehr englisch lernen aus spanisch sprechen.

Eric, mit dem irgendwie passenden Nachnamen Buschbell, ist ein weiteres Exemplar aus der Reihe deutscher Tourismuspioniere in Venezuela. Zur Zeit managt der ehemalige Trekking-Guide aber sein kleines Hotel  -  ganz in der Art eines meist launigen, bisweilen auch etwas strengeren Herbergsvaters.
Die Engländer, Holländer, Amerikaner und Brasilianer nehmen seine Autorität klaglos hin, die Deutschen sowieso. Mich als ältesten Gast sonderbehandelt er ausgesprochen zuvorkommend, soll ich mich darüber freuen?
Die 200000 Bolívares, etwa 50 Euro, die ich Gerd geliehen hatte, bekam ich umstandslos von Eric zurück, “... der Gerd wird mir die schon geben ...” Damit waren 5 Nächte bei Eric bezahlt, einschliesslich Frühstück, schwarzem Kaffee, Melonensaft, Rührei  -  oder wahlweise “Müsli”, welches aber leider in der Mogel-  sprich:  Cornflakes-Packung daherkam.
Deutlich teurer sind die verschiedenen Exkursionen, die in Santa Elena angeboten werden. Manche der Veranstalter sind abenteuerlicher als ihre Touren, was vor allem für ihre Fahrzeuge gilt, die zum Teil über 20 Jahre alt sind. Das hindert sie nicht daran, den Transport in diesen Blechsärgen als “aventura” anzupreisen.

Der junge Mann mit den üppigen blonden Locken, der auf der zur Strasse gelegenen Hotelterrasse sitzt und auf sein Frühstück wartet, ist Claudio aus der Schweiz. Wieder einer, der mit mir Karten spielen will. Seh´ ich denn wie ein Zocker aus?
Claudio fragt nach knapper Begrüssung gleich, ob ich das Soundso-Spiel kenne, dessen Name ich längst wieder vergessen habe. Die Karten schon in der Hand, wartet er meine Antwort gar nicht erst ab, und schon bin ich verdonnert, ein neues Spiel zu lernen, welches mir wohl mit der liebenswürdigsten Geduld, dazu im angenehmen Schweizer Singsang, verklickert wird. Mit mässigem Erfolg allerdings, und ich bin nicht der einzige, den das endlich fertige Frühstück erlöst.
Caroline, die 30jährige Engländerin, gesellt sich zu uns, und bald sind wir das Team, das die allgemeine Rundtour um Santa Elena unternimmt. So funktioniert das nämlich:  Man sucht sich seine Mitfahrer aus und bucht dann gemeinsam eine der angebotenen Touren. Bei mehr Teilnehmern gibt es Preisnachlass.
Ich lerne Englisch mit Schweizer Akzent, bei Fahrer José erhole ich mich spanisch.

Die “Gran Sabana” ist gemäss ihrem Namen wirklich wie ein riesiges, im wesentlichen leicht gewelltes, also benutztes, Betttuch, aus dem einige wenige kegelförmige Berge aufragen. Am eindrucksvollsten aber sind die mächtigen Tafelberge, die “Tepuís”, die sich mit ihrer flachen Oberfläche bis zu 2800 m erheben. Imposantester Vertreter ist der Roraima-Tepuí, er liegt genau im Dreiländereck Venezuela, Brasilien und Guayana und hat 1000 Meter steil abfallende Wände, ragt nach Westen ins meergleiche Land wie ein gigantischer Schiffsrumpf.
Diese Zeugenberge gehören mit zum Ältesten, was unsere Erde zu bieten hat, auf ihren über Jahrmillionen unzugänglichen, vom übrigen
Land abgeschiedenen Hochflächen hat sich eine ganz eigene Flora erhalten, und in der Phantasie wurden gar Fabelwesen bis hin zu Dinosauriern auf ihnen angesiedelt. Immerhin hat Steven Spielberg seinen Jurrassic Park-Film hier in der Gran Sabana gedreht, vielleicht kommt mir auch deswegen diese Landschaft nicht gänzlich unbekannt vor. Oder ist es eine Ur-Landschaft, deren Bild in Hirnarealen unserer Stammesgeschichte abgelagert ist?     (Oder phantasiere ich jetzt auch ….?)
Claudio hat die 6tägige Tour auf den Roraima mitgemacht, ich erlebe sie durch ihn sozusagen aus zweiter Hand, und als er von den Strapazen erzählt, fühle ich mich darin bestätigt, diese Tour gar nicht erst in Erwägung gezogen zu haben. Ein wenig Bedauern kommt dennoch auf.
Aber auch so ist das Erlebnis dieser Landschaft faszinierend: Diese unendliche Ausdehnung der grünen Wellen, in den Niederungen wie Oasen erscheinende Palmwälder, die sich manchmal elegant entlang eines Wasserlaufs schlängeln, und im Hintergrund, oft in Nebel und Wolken verhangen, die Bergkolosse der Tepuís.

Wir halten an einem mächtigen Wasserfall, balancieren über Felsbrocken, um den tosenden Wassermassen näher zu kommen. Caroline bleibt zurück, Claudio stürmt vor, ich bin besorgt um ihn und mahne zur Vorsicht. Eine neue Rolle, aber passt irgendwie. An  einem anderen, kleineren Wasserfall stürzt das Wasser über leuchtend rotes Gestein, um dann Hunderte von Metern wie über wunderbar gemaserten roten Marmor weiter zu fliessen. So glatt ist dieses farbige Flussbett, dass Claudio es als Rutschbahn benutzt, erst auf den Füssen, dann, mit Anlauf, auch auf dem Bauch weite Strecken dahin gleitend. Ich hätte nicht wenig Lust, es ihm gleich zu tun, begnüge mich aber mit  Zuschauen und Bewundern. Claudio ist Hobby – “Equilibrist”, sein schlanker, gleichzeitig athletischer Körper ist schön anzusehen. So ähnlich muss ich auch mal ausgesehen haben ….

Die Pemón, welche in diesem Teil Venezuelas die vorherrschende indigene Gruppe sind, haben zu Hunderten Arbeit im Tourismus gefunden, führen Touren an, bereiten Schlafplätze vor, kochen das Essen, steuern die Boote über die Schwarzwasserflüsse, tragen Gepäck, verkaufen Kunsthandwerk.
Foto by Hermann Schmitz
Sicher geht es ihnen  besser  als in ihren indianischen Brüdern in den Elendsquartieren, wie ich sie am Orinoco gesehen hatte. Wir essen in einem von Pemón-Indígenas betriebenen Camp, das ist lecker und teuer. Zum Hähnchen mit Reis wird eine scharfe Sosse gereicht, die mit dicken, natürlich toten, Ameisen angereichert ist. Durchaus landesübliche Nahrung, ist die Sosse hier allerdings eher Touristenattraktion, dieser Eindruck erhärtet sich, als eine Pemona besonders dicke Ameisen aus der Sosse klaubt und vorgeblich genüsslich zerkaut.

Da gefiel mir eine andere Darbietung schon besser: Zielschiessen der Indianerjungen mit Blasrohren. Toll zu sehen, wie die kleinen Holzpfeilchen mit dem Wattebausch, der gleichzeitig als Luftwiderstand beim Herausblasen aus dem Rohr und Stabilisator beim Flug dient, mit  leisem Zischen und äusserst präzise ihr Ziel treffen. Gern hätte ich für Enkel Kilian ein Blasrohr gekauft, aber es würde die Reise vermutlich nicht überleben.
Am Abend verabschiede ich Claudio mit einer Umarmung in den Bus nach Caracas, 18 Stunden Fahrt liegen vor ihm, was ihm nicht das geringste auszumachen scheint. Wir sind uns erstaunlich nahe gekommen in den eineinhalb Tagen, fast habe ich väterliche Gefühle entwickelt, eine ganz neue Erfahrung. Hätte ich doch auch gern, entgegen allen Beteuerungen, einen Sohn gehabt?

Doch neue Begegnungen warten schon, das geht bei einer solchen Reise wie am Fliessband. Diesmal sind zwei Deutsche meine Begleiter, der 35jährige Forstwirt Bernd aus Hof in Bayern und der 19jährige Student Christof, der in einem sozialen Projekt in Caracas arbeitet. Dass der Vater von Paraguays langjährigem Diktators Alfredo Stroessner aus seinem Wohnort in Bayern stammt, ist Bernd bekannt, er will sich nach Rückkehr genauer um die Geschichte dieses nach Paraguay ausgewanderten Bürgers kümmern und mir davon berichten. Dass es ihm Ernst ist, spüre ich an seinen gründlichen Fragen zu Paraguay und seiner Geschichte.
Christof ist ein intelligenter Knabe, war mal auf Platz 18 der Weltrangliste bei einem bedeutenden Mathewettbewerb gelandet, bei dem es um komplexe Zahlenfolgen ging und ums Behalten. Bernd raunt mir ehrfurchtsvoll die Leistung dieses Wunderknaben zu. Als ich Christof anbiete, ihm meinen Zaubertrick mit dem roten Tuch oder gar der brennenden Zigarette vorzuführen (beide kann man in der hohlen Hand auf Nimmerwiedersehen “verschwinden” lassen), lehnt er ab: Wenn er den Trick nicht heraus bekomme, würde er in der folgenden Nacht kein Auge zu tun, weil er nur an die Lösung denken könne. Diese Erklärung finde ich originell.  Später entzaubert er dann meinen Trick: Er ist der erste bislang!!
Im Urwald müssen wir den Forstmenschen Bernd von so manchem Detail, welches wir nicht mal wahrnehmen, losreissen, wir wollen schliesslich noch weiter mit Frank, dem Führer und seinem alten Jeep, eineinhalb Stunden sind wir schon von Santa Elena weg.

Zum Beispiel zu den Diamantenschürfern, die, versteckt im Urwald, ihrer Sisyphusarbeit nachgehen. Schon von weitem hört man den Motor, der den Wasserdruck in dem mächtigen Schlauch erzeugt, mit dem sie den Boden auswaschen. Das Gemenge aus Wasser und Geröll landet in einer Sieb- und Trennanlage, wo nach peinlichster Untersuchung manchmal tatsächlich Diamantensplitter hängen bleiben.
Abenteuerlich sehen die vier Männer aus, vor allem wegen der mit kaolinhaltiger Erde weiss verschmierten Gesichter, die sie aussehen lassen wie Indianer in Festbemalung.
Wir sind hoch willkommen, haben wir doch die Töpfe mit dem noch warmen Essen dabei, welches uns die Frauen in einem entfernt liegenden Camp mitgegeben hatten, und sich so den langen Marsch über Urwaldpisten sparen konnten. Bald steht der Motor still, und wir sehen zu, wie sich die “Indios” nach dem Waschen  in freundliche Gesellen verwandeln, die uns zum Essen einladen wollen. Gut, dass wir ablehnen, sie schaffen die riesigen Portionen Bohnen und Fleisch ganz allein, kein Wunder bei der selbst auferlegten Plackerei über 10 Stunden,  sieben Tage am Stück, erst danach fahren sie für 2 Tage nach Santa Elena.
Bis jetzt haben sie von den spärlichen Funden gerade leben können, aber sie lassen nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich Weitermachen am Ende auszahlen wird.

Kurz hinter El Paují, dem alten Gold- und Diamantengräbercamp, steigen wir bei glühender Hitze eine Stunde aufwärts zum “abismo”, dem “Abgrund”.
Selten hat sich eine Anstrengung so gelohnt: Auf einem Hochplateau stehen wir, von Orchideen umgeben, am Rande einer 500 Meter senkrecht abfallenden Felswand. Aber der Blick hinab lässt nicht nur schaudern vor der unheimlichen Tiefe des Abgrunds, sondern vor allem wegen des unendlichen Urwaldpanoramas, das sich wie auf einer Kinogrossleinwand auftut. Wir blicken von hier auf den nordamazonischen Urwald, in ganzer Länge und Breite kein Zeichen menschlicher Ansiedlung, lediglich nomadisierende Yanomani leben hier in ihrem weitläufigen Schutzgebiet.
Rechts und links die riesigen Felswände  -  der “abismo” ist Hunderte von Kilometern lang - vor uns ein unendliches grünes Meer: Wir drei sind uns  einig, selten etwas so Schönes, ja fast Erhabenes gesehen zu haben.

Vom Erhabenen zum Banalen ist  es bekanntlich oft nur ein kleiner Schritt:
Nach dem Abschied vom „abismo“ will Guide Frank uns das Haus von Michèle und Juan zeigen. Die Französin und ihr venezolanischer Mann leben seit vielen Jahren weitab von der Zivilisation hier irgendwo in den Bergen, Frank kennt den Weg, wir müssen noch ein gutes Stück laufen. Den Umweg haben die drei mir zu verdanken, als ich nämlich hörte, dass Michèle und ihr Mann den besten, mit zahlreichen Ökopreisen bedachten Honig der ganzen Gegend produzieren  -  Frank tut es nicht unter „La mejor miel de Venezuela!“  -  werde ich unruhig, guter Honig lockt mich an wie der Nektar die Bienen.
Doch wo bleibt das Banale? Gemach:
Als wir schon fast vor dem Holzhaus stehen, werden wir Zeugen eines kuriosen Schauspiels:
Da rennt ein Mann, verkleidet als Astronaut, den Abhang oberhalb des Hauses herunter, als ginge es um sein Leben. Er will offensichtlich die Hütte erreichen  -  oder? Aber warum läuft er dann zick zack, um fünf, sechs, sieben Bäume herum? Das sieht so bescheuert und eben banal aus, dass Christof in lautes Lachen ausbricht. Das sollte ihm vergehen.
Nun erkennt Frank das Gesicht des Mannes, der hat nämlich den Kopf frei, ohne Astronautenhelm. „Das ist Juan!“
Jetzt sieht uns auch Juan und brüllt laut, wir sollen abhauen. Und noch was brüllt er hinterher.  Was für eine Begrüssung!
Frank aber hat die Situation gerafft, er hat auch den zweiten Teil von Juans Losung mitbekommen, der nämlich auch noch „Abejas africanas!!“ geschrien hatte. Wir sind schon nahe am Haus, dessen Tür sich jetzt wie durch Zauber öffnet, den heran stürmenden Juan durchlässt und sich dann sofort wieder schliesst.
Erst jetzt rennen wir, eher halbherzig, da immer noch unwissend, davon, immer Frank hinterher, der uns schliesslich des Rätsels Lösung präsentiert: Afrikanische Bienen haben Juan verfolgt und ihn zu der sportlichen Höchstleistung mit Slalomeinlage getrieben.
Später, am Tisch auf der Terrasse  -  die afrikanischen Bienen haben sich verzogen  -  erfahren wir die Geschichte in ihrer ganzen Schlicht- und Schönheit:
Immer wieder haben Imkerin Michèle und Imker Juan mit der gefürchteten afrikanischen Biene zu tun, deren  Vorkommen in diesem Teil Venezuelas auf die leichtfertige Kreuzerei durch einen  Imker und Hobbygenetiker zurück geht.
Diese Bienen sind extrem aggressiv und nicht brauchbar zur Honigerzeugung, Juan und andere Imker der Gegend haben in jahrelanger geduldiger Rückkreuzung wieder Ruhe in ihre Völker gebracht (wobei der erwähnte Zauberlehrling seine unverzichtbaren Kenntnisse beigesteuert und so nebenbei seine Rehabilitation erwirkt hatte). Hin und wieder aber taucht die superagressive Art in ihrer Reinform auf, Juan weiss auch nicht genau warum. Heute war es wieder einmal so weit. Frank hatte nach seiner Arbeit in Imkerkleidung den Helm abgesetzt, da hörte er das gefürchtete Summen.
Die afrikanische Biene steht nämlich fatalerweise auf die Farbe schwarz, wie der Kampfstier auf rot, und Juans freier Kopf mit der pechschwarzen Haartracht wurde so das Angriffsziel der Kampfbienen. Zum Helmaufsetzen war es zu spät. „Da hilft nur noch rennen  -  so schnell du kannst  -   dann hast du eine Chance.“
„Und wieso rast du um die Bäume herum, da verlierst du doch nur Zeit!“
Typisch deutsches, in eine Frage verkleidetes, Besserwissertum.
„Nein, die Bienen verlieren Zeit beim Kurvenfliegen, bzw. du kannst so besser deinen Vorsprung halten. Das ist so, glaub´ mir, ich habe Erfahrung.“
Juan erzählt noch viele Bienengeschichten, z. B. diese:
„Einmal konnte ich mich nur retten, indem ich unter Wasser getaucht bin, aber auch so habe ich beim Luftholen noch jede Menge Stiche abbekommen, die haben regelrecht gewartet.“
Da wäre der arme Kerl beinahe eher ertränkt als erstochen worden, denk ich. Und die Toten, mit denen die Schwarmwege der afrikanischen Killerbienen angeblich gepflastert sind?
Juan klärt auch das. Paradoxerweise hat die afrikanische Biene zwar weniger Gift als die normale Sorte, sie greift aber in unvorstellbar aggressiver Weise zu Hunderten an, die Giftmenge ist dann um ein Vielfaches höher und war für manches Opfer tödlich.
Erfreulicherweise nicht bei unserem Imkerpaar, und so konnten wir in Ruhe mehrere Honigsorten probieren, alle schmeckten köstlich, am besten aber die überwiegend aus Orchideenblüten gewonnene. Davon kaufte ich ein kleines Glas für die nächsten Frühstücke. So dachte ich jedenfalls, ich habe aber nur eins geschafft, ich vergass das Glas mit dem kostbaren Inhalt auf Erics Holztisch, das hat mir so weh getan wie ein Bienenstich.

Auf dem Rückweg nach El Paují denken wir alle an Killerbienen, vor allem ich höre es häufiger summen und schiebe meine schwarze Bauchtasche lieber unters Hemd.
Mit dem Jeep geht es noch zwei Stunden über Urwaldwege zurück.
Nachts kommen Tiere eher heraus, meint Frank geheimnisvoll, um gleich darauf hinzuzufügen, dass sie das aber wegen des Motorengeräusches lieber lassen.  Ja was denn nun?!
Vor drei Tagen habe er eine Wasserschweinfamilie gesehen, letzte Woche sogar einen Jaguar.
Guides sehen das Wild immer gestern, Touristen nie, ist meine Erkenntnis.
Wenigstens begegnet uns noch eine Tarantel, begegnen ist nicht zu viel gesagt, denn sie ist so riesig (wie meine Hand, wer sie kennt), dass wir sie auf dem roten Erdweg wie ein kleines Hindernis wahrnehmen.
Gerd ist wie von der Tarantel gestochen aus dem Auto und will sie fotografieren. Das vorher reglose Tier springt ihm auf die Kamera, die er erschrocken fallen lässt.
„Und wenn sie den Gerardo gebissen hätte?“, wollen wir von Frank wissen.
„Taranteln beissen nicht, ihre Haare sind nur giftig“. Wir zweifeln und diskutieren das Thema noch ein wenig  -  ohne Ergebnis. Fest steht: Über Killerbienen wissen wir jetzt besser Bescheid als über Taranteln.

Bei der laufenden “Copa América” spielt Paraguay an diesem Abend gegen Mexiko, Endstand 5:0 für Paraguay, der Bayern Münchenlegionär Roque Santa Cruz schiesst und köpft allein 4 Tore. Ist die Freude in der Posada echt, oder teilt man nur meine lebhafte Parteinahme für das Aschenputtel-Land Paraguay? Egal, ich schmeisse eine Lokalrunde.

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