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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Nie war so viel Wasser!
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
31.12.15     Klicks:3026     A+ | a-
Soraya Bello, Mitarbeiterin des jesuitischen Padre Oliva.
Soraya Bello, Mitarbeiterin des jesuitischen Padre Oliva.
Heute kam die ebenso kurze wie lakonische Mail von Soraya Bello, Mitarbeiterin des jesuitischen Padre Oliva, Priester und Anwalt der Armen in einem der elendsten Bezirke der Hauptstadt .

Wir arbeiten seit vielen Jahren mit den beiden zusammen, da wir sowohl seine Unruhe stiftende Einmischung in die Tagespolitik sowie seine klug durchdachten Projekte schätzen. Die Sozialarbeiterin Soraya ist für uns eine überaus engagierte und zuverlässige Partnerin.

Das Frauenprojekt „Frauen regen sich in den Bañados“ hatte einen ideellen und einen materiellen Teil, es ermutigte und befähigte Frauen zum Aufbau eines Miniunternehmens, dessen Betrieb ihnen Einkünfte und Selbstvertrauen geben sollte. Und das geschah auch auf eine Weise, die uns staunen und das Projekt weiter fördern ließ. Auch existierte für diese und andere Frauen bereits ein eigenes Haus, das ihnen und ihren Kindern Ruhe und Sicherheit bot, „Cafa“ , Centro de Asistencia Familiar, Treffpunkt und Lernort in geschützter Atmosphäre. Außerdem gab es eine erstaunlich gut sortierte Bücherei und sogar einen Computerraum, all dies ein großer Fortschritt und ein Traum für die Bañados. Und jetzt „verkündete“ Soraya das Ende des Traumes??! Lasen wir richtig? „…… das Ende des Frauenprojektes in den Bañados. Ihr wisst aus eigener Anschauung, liebe Freunde, dass wir in diesem größten Slum der Hauptstadt auf Du und Du mit dem Rio Paraguay stehen, im Guten wie im Schlechten. Und dieses Mal war das Schlechte noch schlechter, bis jetzt haben schon 7200 Personen ihre Behausungen wegen des Hochwassers aufgeben müssen. Seit dem schlimmen Katastrophenjahr 1984 hat es nicht mehr eine solche Flut gegeben“. Gerade jetzt am Jahresende 2015, wo ich Sorayas Mail wiedergebe, ist 1984 schon übertroffen. Soraya schreibt weiter in ihrer „Todesanzeige für unser Viertel“: „Wie ihr schreibt, weiß man in Deutschland nichts von dieser Katastrophe - da behält Paraguay seinen letzten Platz in der Länderliste von Südamerika und der entsprechenden Berichterstattung.

„Ich teile mit euch die Erinnerung an unser gemeinsames Projekt ´Vereinte Frauen aus den Bañados´. Zum einen hat die Verwaltung der Jesuiten keine Gelder mehr zur Verfügung, zum anderen steht das Zentrum für Familienfürsorge inzwischen fast ganz unter Wasser.“ Im Jahr zuvor hatte ich noch die Zeichen der Flut 2014 gesehen, die schmutzigen Linien entlang den Wänden zeigten exakt den höchsten Wasserstand, der etwa Bauchhöhe erreicht hatte. Ein Jahr später, im September 2010, dann das Resultat der Aufräumarbeiten: CAFA war wieder in Betrieb.

Und jetzt, im Jahr 2015? Doch zunächst 40 Jahre zurück: Wir standen an der Reling des Flussdampfers mit dem Namen eines der ersten Präsidenten Paraguays, „Carlos António López“. Damals leistete Paraguay sich eine Marine, die mehr zur Unterbringung von Günstlingen denn zur Landesverteidigung diente - kein Meer weit und breit. Außerdem gab es noch die „Staatliche Handelsflotte“. Diese hätte durchaus Handelszwecken dienen können, war aber im Laufe der Zeit zu einem Passagierschiff mit einem mehr als dürftigen Bereich für Touristen degeneriert - so muss man sagen, hatten doch nur die anspruchslosesten aller Reisenden den Trip mit der C.A. López in Betracht gezogen. Nun gut, solche wie wir eben! Wir hatten schon gebucht und mit Glück noch eine abenteuerliche Kabine bekommen für die zwei Nächte unserer Reise in den Norden zum 500 km entfernten Concepción. Wir waren zu dritt, hatten schon das Schiff erkundet, uns so schmutzig gemacht wie nach einem Tag Arbeit auf der Werft. Das Wetter trug nicht gerade zur Aufhellung unserer Gesichter bei, die Wolkensuppe war grauschwarz und undurchsichtig. Wir hatten in den Tagen zuvor zum ersten Mal erlebt, wie ein tropischer Regen die Hauptstadt Asunción geradezu überschwemmt und ganz besonders bei den Armen am Fluss für verheerende Schäden gesorgt hatte. Der Rio Paraguay konnte in wenigen Stunden gleichsam über sich hinauswachsen und alles unter sich begraben. Wir Touristen an Deck der C. A. López thronten über allem, wollten gerade das Wasser des Rio Paraguay mit Hilfe einer Dusche (so nannten sie es) über unsere Körper schütten, da ließ ein Rufen und Trampeln uns an die Reling eilen - wo wir ja weiter oben im Text bereits standen. Was war los? Wir fragten per Zuruf den Kapitän, der mit den wichtigsten Leuten der Besatzung genau unter uns auf der Pier stand, offensichtlich angetreten, um jemanden zu begrüßen, der schwer bedeutend sein musste.

Und da kam er schon, zweifellos der bedeutendste von allen, der Präsident der Republik, General del Ejercito Don Alfredo Stroessner. Er näherte sich erstaunlich behenden Schrittes, seine Begleitung hinter sich lassend, dem Schiff - genau in unsere Richtung. Der wollte doch wohl nicht…. Grandiose Selbstüberschätzung - der Präsident hatte nur einen seiner üblichen Wohltätigkeitstermine und war hier vor Abfahrt des Schiffes mit seiner Entourage erschienen, auch „seine“ Presse und das einkanalige Fernsehen dabei, um ein paar Dutzend Pferdedecken, wohl Restbestände der Militärs, mit dem Schiff nach Concepción befördern zu lassen, da dort die Lage noch schlimmer sei.

Stroessner bewegte sich völlig frei, er musste ja niemanden fürchten.
Im Inneren drohte Stroessner seinen Gegnern mit Folter, Haft oder „Verschwindenlassen“ , und von außerhalb der Grenzen seines Landes, das er wie eine Burg absicherte, war noch weniger zu befürchten - im Gegenteil: Manch ein Weltpolitiker, Henry Kissinger zum Beispiel, hofierte den Diktator, der im Jahr 1975 (Datum unserer Episode) schon seit über 20 Jahren an der Macht. Die drei deutschen Lehrer, die von ihrem Logenplatz genau über dem Ort des Geschehens zusahen, wie sich der General jetzt feiern und filmen ließ, während die paar kümmerlichen Decken an ihm vorbei getragen wurden.

Auch namhafte deutsche Politiker und Diplomaten fanden den Diktator ganz nett.
Wir aber waren nur drei Touris, die hier zwar die besten Voraussetzungen für ein Attentat hatten, aber es nicht einmal gewagt hätten, mit Papierkügelchen nach ihm zu werfen …. Der Diktator ist seit langem tot, die Menschenrechtslage ist ein wenig entspannter geworden, aber den Armen, die jetzt wieder von einem selten extremen Hochwasser betroffen sind (immer sind sie es, und nur sie!), geht es noch genau so schlecht wie damals. Auch die Art der „Fürsorge“ - ein Wort, das im staatlichen Handeln kaum als Wort, geschweige denn als Tat existiert, ist noch von der gleichen Art wie seinerzeit im Hafen Asunción erlebt. Es sind allenfalls kleine karitative, völlig ungenügende und zudem mangelhaft ausgeführte Maßnahmen, die nur wenig bis gar nichts bewirken, außer dass sie den Betroffenen wieder einmal zeigen, was sie dem Staat bedeuten. Und dieses Jahr wieder, schlimmer als je zuvor, auch nicht in der Erinnerung der ältesten Bürger.

Über sieben Meter beträgt der Pegelstand zu Weihnachten, der höchste seit fast 30 Jahren, Tendenz steigend, weitere „Bewohner“ der Bañados müssen ihre Behausungen verlassen - fluchtartig meistens, dann aber noch das Wenige zusammen raffend, das ihnen in den Notbretterbuden (Bretterbude ist steigerbar!) an den Rändern der höher gelegenen Straßen irgendwie nützlich sein könnte. Der Staat beschränkt sich darauf, ihnen zur Not ein paar dünne Sperrholzbretter vor die Füße zu werfen „Da, nun macht mal, das Wasser geht auch wieder zurück…..“ (Bei der Überschwemmung 2014 dauerte ihr Wohnortwechsel mehr als ein halbes Jahr!) 72.000 Menschen, so hat man mehr geschätzt als seriös berechnet, viele davon lernen jetzt auch die eine Überschwemmungskatastrophe begleitende Hungersnot kennen, die beim letzten Mal gnädig ausfiel. Das Wasser schneidet so manchen lebenswichtigen Weg ab, zum Beispiel zu der informellen Beschäftigung, die einige wenigstens hatten, zu einem Supermarkt oder zu hilfswilligen Verwandten . Das Foto oben zeigt die „Bañados Sur“, das große südliche Feuchtgeiet mit Tausenden von Bewohnern, die in Ermangelung von Wohnraum in der Stadt sich dieses Gebiet erkämpft haben (und immer noch ohne Titel sind), in das kein Reicher auch nur einen Fuß setzen wollte.

Mit der „Laguna Cateura“ fing es an: Oben im Bild sieht man tatsächlich eine Art See, die (ehemalige) Lagune, die längst zur riesigen Müllkippe der Hauptstadt vergewaltigt wurde. Bis zum letzten ausgebeutet und danach ausgetrocknet, füllt sie sich jetzt bisweilen mit Regenwasser und erinnert an die Idylle einer Lagune vor den Toren der Stadt - noch zu Beginn der 80er Jahre. Bislang noch als Geheimnis gehütet, liegen weitere Pläne mit den Banados Sur schon in der Schublade. Auf einmal ist das einst als völlig nutzlos angesehene riesige Gebiet der Bãnados Sur (ein Drittel nur ist bewohnt) als mögliche, zu gestaltende Flusslandschaft „entdeckt“ worden, und zwar als wildes Spekulationsobjekt. Die ersten Zeichnungen zaubern eine Idylle für das Wohnen mit hohen Ansprüchen aufs Architektenpapier. Natürlich ist die gigantische Hochwassersperrmauer ebenfalls schon durchgeplant, ebenso das Wohn – und Erholungsgebiet samt Casino und Hotels mit Flussblick .
Es könnte so los gehen. Aber da ist noch ein kleines Hindernis, da wohnen immerhin Wesen, die mindestens den Anspruch haben, als Menschen zu gelten. Und die wagen doch tatsächlich den Aufstand! Das wird als ungeheuerlich und von manch strammem „Colorado“ aus der Regierungspartei als nicht hinnehmbar angesehen, muss also muss zwecks Wiederherstellung seines gewohnten Welt – und Menschenbildes schärfstens bekämpft werden. Noch einmal aus der Mail unserer Partnerin Soraya Bello: „Wir sind zur Zeit gefangen im Chaos, die Leute haben keine Bleibe, es gibt kein Material, keine Versorgung. Obendrein werden die von der Polizei beschossen, die Unterstützung von der Regierung verlangen, anlässlich einer kleinen Kundgebung mit hundert Personen. Es ist ein Desaster! In elf Notquartieren herrscht bei 1200 Familien der blanke Hunger. Bei alldem steigt der Fluss weiter an und es gibt heftigen Regen - das ist unser Panorama.“

Die 1000 Euro, die wir überwiesen haben, sind nicht mehr als eine Geste, die aber wichtig ist. Die Frauen aus unserem Projekt mit ihren Familien (soweit vorhanden), ein überschaubarer Personenkreis also, erfährt damit eine solidarische Hilfestellung. So weit die Momentaufnahme eines der kleinen Dramen im Weltgeschehen, zu dem man noch das Problem der Erderwärmung nehmen kann, mindestens aber das Phänomen „El Niño“, jenes ganz besondere Jesuskind, das als Bescherung diverse Wetterkatastrophen bereit hält, und das pünktlich zu Weihnachten (übrigens auch prima zu gebrauchen als Ablenkung von den hausgemachten Umweltsünden, an denen es in Paraguay wahrlich nicht mangelt.)

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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