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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Die „Operación Condor“ und die Folgen (Klaus Heß / ila)
von Klaus Heß/lila
18.09.13     Klicks:7424     A+ | a-
Interview mit dem paraguayischen Menschenrechtler Martín Almada

(geringfügig gekürzt, Fotos nebst Untertitel von Hermann Schmitz / Pro Paraguay Initiative)

Martín Almada ist Rechtsanwalt für Menschenrechte in Asunción. Als Anwalt arbeitete er bereits seit 1968 vor allem für Gewerkschaften, wurde 1974 von Sicherheitskräften entführt und bis 1977 vom Stroessner-Regime gefangen gehalten und wiederholt gefoltert, bis er aufgrund von Kampagnen verschiedener Menschenrechtsorganisationen freigelassen wurde und 1978 politisches Asyl in Panama erhielt. Bis Ende 1992 war er für die UNESCO in Paris tätig, kehrte anschließend nach Paraguay zurück und engagiert sich seitdem für die Menschenrechte. 2003 erhielt er den Alternativen Friedensnobelpreis Right Livelihood Award, weil er das „Archiv des Terrors“ entdeckt und öffentlich zugänglich  gemacht hatte.

Frage: Martín, woraus besteht das Archiv des Terrors?

Antwort: Die etwa drei Tonnen Dokumente gliedern sich in zwei Teile: zum einen die Geschichte der Repression in Paraguay – die Verfolgung der AnarchistInnen, KommunistInnenn, SozialistInnen und Subversiven wie mir. Der andere Teil bezieht sich auf die Nazi-Verbindungen, etwa zu Martín Wollmann Mengele, der die paraguayische Staatsbürgerschaft annahm und hier gestorben ist. Der Nazi-Einfluss in Paraguay ist sehr stark. Die Militärs orientierten sich an den Nationalsozialisten. Im Archiv gibt es auch Dokumente zu den Condor-Kontakten und zu geheimen Waffentransporten. Das Archiv war in den Händen der Geheimpolizei und wurde am 22. Dezember 1992 nach 15 Jahren Recherche entdeckt.
Wie wurde es gefunden?

Mit dem Sturz der Diktatur am 2. Februar 1989 wurde die Verfassung geändert. Alle BürgerInnen bekamen das Recht auf Herausgabe der eigenen Daten. Ich forderte Informationen über den Tod meiner Frau an sowie zu den Gründen dafür, warum ich von ausländischen Militärs gefoltert worden war. Die evangelische Kirche stellte mir zwei Rechtsanwälte. Ich musste vor Gericht klagen, bis ich einen Telefonanruf erhielt: Meine Papiere seien nicht in der Polizeizentrale, sondern außerhalb von Asunción aufbewahrt. Wir haben dann mit dem Richter und der Presse drei Tonnen Dokumente gefunden, die nach einem mehrjährigen Tauziehen freigegeben wurden und heute im Justizministerium und im Internet öffentlich zugänglich sind. Wir haben auch alle anderen Archive untersucht, die der „Operación Condor“ dienten. Die Entdeckung des Archivs wurde im Übrigen filmisch dokumentiert. 

Worin bestand die Operación Condor genau und wer waren ihre Hintermänner?

Die Aktion war ein krimineller Pakt zwischen den Regierungen Argentiniens, Brasiliens, Boliviens, Chiles, Uruguays und Paraguays, der Hunderttausende Opfer hinterließ, darunter GewerkschafteInnen, Studierende, ProfessorInnen, JournalistInnen, befreiungstheologisch inspirierte ChristInnen, ÄrztInnen und AnwältInnen. Die denkende Klasse Lateinamerikas wurde zwischen 1975 und 1985 ausgelöscht. Gehirn und Mentor der Operación Condor war zuerst Henry Kissinger – der Friedensnobelpreisträger – und Ausführender war General Pinochet. Letzterer sollte den Staatsapparat, die Zivilgesellschaft und die Politik Chiles von KommunistInnen säubern, so wie General Hugo Banzer in Bolivien die katholische Kirche säubern sollte: Dass all die kriminellen Akte konservativer Kirchenfunktionäre gegen die Befreiungstheologie nach dem Rezept von General Banzer angeleitet wurden, ist nur wenigen bekannt! Dies begründete den Pakt zwischen den Militär-Regierungen der 70er-Jahre. Die Operación Condor begann offiziell im November/ Dezember 1975.


Wie wurdest du selbst Opfer der Operación Condor?

Ich war Direktor einer nach Staatsideologie geführten Grundschule, bis ich durch einen Jesuitenpriester die befreiende Pädagogik Paolo Freires kennenlernte. Die Regierung bewertete dies als gefährliches Element.
Wir bauten Wohnungskooperativen, ich wurde Gewerkschafter, wir luden KünstlerInnen ein und wollten Feste veranstalten, um Geld zu sammeln. Damals durften wir uns nur in Gruppen bis zu drei Personen auf den Straßen bewegen, vier galten schon als subversiv. Die Konzerte sollten Tausende Leute ansprechen, das hat die Regierung beunruhigt. Die politische Polizei erschien auf dem Plan. Cantinflas, ein mexikanischer Komiker, zeigte im Film „El Profe“, wie die mexikanischen Lehrer verfolgt werden, wir haben ihn eingeladen. Kurz darauf hat mich der Erziehungsminister angesprochen, dass die Einladung von Cantinflas von höchster Stelle verboten worden sei, dies sei die letzte Warnung für mich. So verließ ich das Land und absolvierte von 1972 bis 1974 ein Promotionsstudium in Argentinien. Auf dem Flur der Universität traf ich dort den argentinischen Militärberater Paraguays, der behauptete, nur zivil-technischer Sekretär des Rektors zu sein. 30 Jahre später konnte ich herausfinden, dass er der militärische Sicherheitschef Argentiniens war, der damals an der Universität eine Liste aller Subversiven zusammenstellte. Zurück in Paraguay hat mich die Geheimpolizei entführt und vor ein Militärtribunal geführt, das zusammengesetzt war aus Argentiniern, Brasilianern, Uruguayern und Chilenen, man konnte sie am Akzent erkennen. Zuerst hat mich ein chilenischer Militär befragt und gefoltert, er wollte meine Verbindungen zu chilenischen Subversiven erfahren – die ich gar nicht hatte! Dann kam ein Argentinier. Ich wurde 30 Tage lang gefoltert. Dann sagten sie, ich sei ein intellektueller, ignoranter Terrorist und ich kam in ein anderes Kommissariat. In Paraguay trugen die Folterer keine Masken, anders als in Argentinien und Chile. Ich kenne sie alle. Von dem Moment an wollte ich wissen, warum wir in Paraguay ausländische Folterer haben. Das war im Mai/Juni 1975, obwohl die Operación Condor erst offiziell im November begann. Ich war also schon in die Gefangenschaft des Condors geraten. Mein Folterer hieß Coronel Jorge Oteiza López vom Geheimdienst der Luftwaffe. Außer mir waren dort noch 23 Bauern und Analphabeten, die ich während der 1000 Tage im Gefängnis angefangen habe zu alphabetisieren. Auch Leute vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Paraguays waren dort Jahre lang inhaftiert. Von meinem argentinischen Zellennachbarn Santucho hörte ich zum zweiten Mal vom Condor. Santucho wurde vorher mit einem Chilenen von der MIR (Bewegung der Revolutionären Linken – die Red.) in Paraguay gefangen gehalten, wohin ich mittlerweile auch verlegt worden war. Dort lernte ich die paraguayische Ärztin Gladys de Sannemann kennen, auch sie sprach von Condor. Sie behandelte verwundete Revolutionäre in einer argentinischen Klinik und wurde von der Militärpolizei nach Paraguay entführt. Dank der internationalen Solidarität und einem Komitee der lutheranischen und katholischen Kirche kam ich dann frei und konnte ins Exil gehen. Das andere Gesicht des Condor zeigte sich in der Strategie, die Befreiungskirche zu verfolgen, reaktionäre Kardinäle einzusetzen sowie Arbeiterpriester zu ermorden. .........

Welche Wirkung haben die Dokumente?

Paraguay ist das einzige Land mit einem solchen Archiv, aber das interessiert die Wenigsten. Argentinien hat keine solchen Dokumente, aber eine staatliche Menschenrechtspolitik und zivile Menschenrechtsbewegungen. In Chile sind vier ehemalige Militärs festgenommen worden, weil sie während der Pinochet-Diktatur an der Ermordung des Sängers Victor Jara beteiligt waren. Insgesamt hat die chilenische Justiz Haftbefehle gegen sieben Militärs erlassen. Das ist ein großer Fortschritt, ebenso wenn in Uruguay Jugendliche die Straflosigkeit bekämpfen.... Das Nichtstun in Paraguay – sowohl der Presse als auch der Gerichte – schmerzt mich sehr. Lugo hat in der Hinsicht nichts getan – weder für die Menschenrechte noch für die Indigenen. Ich habe viele Gespräche mit ihm geführt, er war wohl überfordert. Eine öffentliche Wirkung scheint es eher auf internationaler Ebene zu geben. In Paraguay sind die Richter weiterhin sehr konservativ, ein qualitativer Wandel beginnt gerade erst.

Wir stehen hier im „Museum der Erinnerung“. Wie ist die Geschichte dieses Gebäudes?

Dies war ein Folterzentrum. Nach dem Staatsstreich schickte Stroessner 1955 Dr. Antonio Campos Alum (verstorben Februar 2012 mit 92 Jahren) in die USA, damit er sich  in Foltertechniken weiterbildet. Dokumentationsraum im Museum 1956 kam er mit dem US-Coronel Robert K. Thierry zurück, um dieses Folterzentrum unter direkter CIA-Leitung vorzubereiten. Die internationale Presse spricht davon, dass die nordamerikanischen „Terroristen“ in den Jahren 1960/61 in der panamaischen Kanalzone ausgebildet worden wären, in Wirklichkeit begann dies schon 1956 hier in Paraguay und in Brasilien. Im militärischen Ausbildungszentrum der brasilianischen Urwaldstadt Manaus wurden Offiziere aus Brasilien, Chile und Argentinien für Repression und Folter geschult. Die ersten Erfahrungen mit der Strategie der Aufstandsbekämpfung gab es hier und in Manaus, erst später in Panama. Campos Alum baute die Dirección Nacional de Asuntos Técnicos als Abteilung des Innenministeriums hier in diesen Räumen auf, im Volksmund benannt als La técnica und leitete sie bis zum 23. Dezember 1992. Direkt gegenüber liegt das III. Polizeikommissariat, auch sepulcro de los vivos („Grabstätte der Lebenden“) genannt. Dort wurden Gefangene eingesperrt, manche für 20 oder 25 Jahre. Auch ich war 1000 Tage da. Während die Konzentrationslager Paraguays vom Militär geleitet wurden, unterstand dieses Zentrum der Polizei. 

Erinnerst du dich an einige Personen, an Namen der Folterer dieser 1000 Tage zwischen 1974 und 1977?

Ich erinnere mich an alle. Ich hatte in der Uni Gedächtnistrainings durchgeführt. Über 400 Namen der Mitgefangenen und der Folterer schrieb ich auf kleine Papierzettel. Wenn meine Mutter zu Besuch kam, gab ich ihr in den knapp fünf Minuten Besuchszeit die Zettelchen. Das ist jetzt alles auch veröffentlicht worden, aber die Justiz kümmert sich nicht darum.

Wie kam es zu der Entscheidung, das Museum hier an dieser Stelle zu errichten?

Im März 2007 erhielt ich einen Telefonanruf vom Präsidialamt: Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler wolle das Folterzentrum besuchen. Es gab gerade eine Dengue-Fieber-Epidemie. Gut, sagte ich, aber wir hätten keine Klimaanlage und keine Desinfektionsmöglichkeiten. Daraufhin rückte der deutsche Botschafter mit einer Klimaanlage an. In Paraguay gibt es eine große deutsche Kolonie. Bevor Köhler hier eintraf, haben wir den Saal hergerichtet, indem wir die Mauern zwischen dem Foltersaal für Männer und dem für Frauen entfernt haben, um einen großen Raum zu schaffen. Hier empfingen wir Präsident Köhler mit einer Delegation von 30 europäischen und 30 lateinamerikanischen JournalistInnen. Die Kinder und Familienangehörigen der Opfer der Operación Condor waren auch eingeladen, jeder einzelne berichtete von seinen Erinnerungen an die 70er-Jahre und von seinen Familienangehörigen. Sie forderten von Köhler, mit Hilfe seines Einflusses zur Aufklärung beizutragen. Die deutsche Botschaft hatte sich damals weder in Chile noch in Argentinien oder Paraguay um die Verschwundenen gekümmert. Am Ende fragte uns Köhler, was wir denn zur Unterstützung bräuchten. Wir hatten zwei Wünsche: Den ersten – die Unterstützung durch einen deutschen Museumskundler – erfüllte uns Köhler unmittelbar wenige Monate später, indem er einen Mitarbeiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, Albert Manke, zum Aufbau des Museums nach Paraguay schickte. Unser zweiter Wunsch ist anscheinend schwieriger zu erfüllen: Ich forderte, alle deutschen Archive zu öffnen, in denen die Zusammenarbeit der deutschen Regierungen mit den lateinamerikanischen Militärregimes dokumentiert ist, also des Außen- und des Verteidigungsministeriums.

Was wurde aus dem Angebot von Köhler? Um welche Archive handelt es sich?

Ich erhielt im Oktober 2008 einen Brief der Deutschen Botschaft mit dem Angebot, in das Militärarchiv in Freiburg und das politische Archiv des Außenministeriums in Berlin Einblick zu nehmen, alles stehe uns offen. Dort gäbe es Material über die politische Repression in Paraguay und den anderen Diktaturen. Allein für 1976 gibt es drei Bände zu den persönlichen Schicksalen der chilenischen Flüchtlinge. Ich wollte, dass sich die Botschaft der Regierung Lugo in Berlin darum kümmerte, was sie aber nicht tat. Das hängt jetzt von der Regierung Paraguays und ihrer Botschaft in Berlin ab. Ich bin auch in Kontakt mit der brasilianischen Regierung, die sogar die Reisekosten bezahlen würde, um in Deutschland fündig zu werden. Wenn es Interesse gibt, können wir einen Vertreter autorisieren.


Was bedeutet der Regierungswechsel für die Menschenrechtsarbeit? Wie steht der neue Präsident Horacio Cartes zur Vergangenheit Paraguays?

In seiner Wahlkampagne ehrte er das Andenken an Stroessner, in dessen Amtszeit er sich bereichert hatte. Es gibt bei ihm wenig Aussichten auf einen Fortschritt in Menschenrechtsbelangen. Unterstützung erfahren wir eher in der Zivilgesellschaft durch die Menschenrechtskoordination Codehupy, das soziale Forschungszentrum BASE oder den Dienst für Frieden und Gerechtigkeit (SERPAJ).

Wären öffentliche Aktivitäten in Deutschland angebracht?


Ja, das ist der passende Moment. Überall in den USA und Europa gibt es starke Bewegungen wie Occupy, die eine Unterstützung bei der Öffnung der Archive leisten könnten. Deutschland hat Archive zu Chile, Argentinien, Brasilien, Bolivien und Uruguay. Ich möchte den deutschen Bundespräsidenten bitten, dass die Wahrheit bekannt wird, und von den Gewerkschaften fordern, von Amnesty International und der Lateinamerika-Solidarität, dass die Archive geöffnet werden. Öffentliche Aktivitäten könnten von daher hilfreich sein.

(Das Gespräch führte Klaus Heß im Februar 2013 in Asunción.)

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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