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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Erster Bericht von Juliane
von Juliane Schwarz
15.04.10     Klicks:1805     A+ | a-
Ihr Lieben!
Nun bin ich fast vier Wochen hier und es kommt mir schon vor wie vier Monate - ich glaube, das ist ein gutes Zeichen!! Meine Arbeit bei CAFA (= Centro de Atención Familiar) in den “Bañados Sur” (Überschwemmungsgebiet am Rio Paraguay im Süden der Hauptstadt  Asunción, wo die Allerärmsten wohnen)  macht großen Spaß und ist sehr interessant. CAFA ist ein weiteres Programm, welches Mil Solidarios anbietet.Mil Solidarios (=Tausend solidarische Helfer) läuft wie ein Schulbetrieb, wo jeden Tag von 07:00 - 17:30 Uhr Kinder unterrichtet werden  -  neben ihrer regulären Schule. Diejenigen, die vormittags zur Schule gehen, kommen nachmittags ins Projekt und umgekehrt.

Hier werden alle Fächer unterrichtet, die sie auch in der Schule belegen. Der Projektleiter, Jesuitenpater Francisco Oliva, den einige von Euch ja schon persönlich kennen gelernt haben, unterrichtet momentan täglich Religion und Ethik. Und das trotz seiner 82 Jahre und gebrochenem Bein. Neben dem Unterrichtsangebot  gibt es noch eine kleine Bibliothek, einen  Computerraum, und es wird auch psychologische Betreuung angeboten.

Da ich schon mal sieben Monate in einem ähnlichen Projekt in Guatemala gearbeitet habe, kann ich Euch sagen, dass es hier weitaus ruhiger und vor allem disziplinierter zugeht. Ich habe mal eine Unterrichtsstunde “castellano” (=spanisch) besucht und war wirklich überrascht, wie engagiert und vor allem interessiert die Schüler waren.CAFA, mein Arbeitsplatz, ist eine Art "Frauenhaus", welches ca. 15 Gehminuten von der Escuela Mil Solidarios entfernt liegt - etwas tiefer im Elendsviertel, was man unter anderem daran merkt, dass es keine asphaltierten Straßen mehr gibt. Die Frauen können  sich gezielten Rat holen  -  von der Rechtsanwältin zum Beispiel. Sie berät die Frauen, wenn es um Unterhaltszahlungen geht, Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt. Es  werden auch ganz simple Dinge besprochen, wie z.B.: Eine Frau hat eine Anzeige gemacht, weil ihr Nachbar sie geschlagen hat. Die Rechtsanwältin erklärt ihr dann, was bei der Vorladung passiert, dass sie ein Attest vom Arzt mitnehmen soll, einen Zeugen braucht etc.

Letzte Woche waren wir bei der Polizei. Unglaublich!!! Eine Frau hatte uns erzählt, dass sie schon zwei Anzeigen wegen häuslicher Gewalt gegen ihren Mann gemacht hatte. Normalerweise läuft das hier wohl so, dass nach einer Anzeige die Polizei zu dem Haus geht (lustig auch, wie hier Standorte aufgemalt werden, da es ja keine Straßennamen gibt), den Mann quasi mit der Anzeige konfrontiert und ihn vorlädt  -  bei einem kleinen Gericht, mit der Frau zusammen. Da darf er sich dann äußern und auch die Frau darf ihren Wunsch nennen  - Trennung, Mediation etc. Wie auch immer: die Frau hatte auf jeden Fall schon zwei Anzeigen gemacht.

Als nach der ersten kein Polizist bei ihr auftauchte, um den Mann vorzuladen, ging sie wieder zu Polizei, um nachzufragen. Die Herren bei der Polizei konnten wohl keine Unterlagen zu dem Fall finden, woraufhin sie noch mal alles wiederholte. Nach dieser zweiten Anzeige tauchte immer noch niemand bei ihrem Mann auf, woraufhin der Sozialarbeiter und ich dann zur Polizei gingen.Aber auch als wir dort aufkreuzten waren natürlich wieder keine Unterlagen zu finden. Und das beste: der Polizist spielte die ganze Zeit ein Spiel auf seinem Handy - während wir uns mit ihm unterhielten!! Am Anfang noch etwas schüchtern unter dem Tisch, aber nach 10 Minuten war das Spiel so spannend, dass er wirklich ganz vertieft darin war. Ohne überhaupt hochzuschauen antwortete er uns gelangweilt.

Als wir dann irgendwann unsere Unterlagen vorlegten, konnte er sich erinnern, wollte aber nicht mit uns zusammen den Mann aufsuchen, da das Polizei - Motorrad gerade nicht da war. Als wir ihm sagten, dass das Haus hier um die Ecke sei, nicht mehr als 2 Minuten, schüttelte er nur träge den Kopf und meinte, es sei zu heiß zum Laufen…. Ich glaube, man kann sich gut vorstellen, was Frauen hier ertragen müssen, wenn sie sich überwinden, eine Anzeige zu machen. Mit Einfühlungsvermögen oder Verständnis seitens der Polizei zu rechnen ist utopisch!

Die Psychologin betreut die 40 jungen Mütter (16-28), diese bekommen monatlich Geld von CAFA dafür, dass sie weiterhin abends die Schule besuchen. Ziel ist, dass sie irgendwann selbständig arbeiten und nicht vom schlagenden Mann abhängig sind. Neben den regelmäßigen Schulbesuche müssen sie einmal die Woche zu den so genannten "Mamatreffen" kommen. Hier wird über Themen wie Gewalt, Verhütung, Ernährung, Sauberkeit, Erziehung. gesprochen.Es ist sehr erschreckend, wie normal Gewalt im Alltag dieser Frauen ist. Eine hat erzählt, dass sie immer noch von ihrem Bruder sexuell missbraucht wird (sie ist mittlerweile 25 und mehrfache Mutter). Eine andere Mutter meldete sich dann zu Wort und sagte, dass ihr Vater sie nicht mehr belästige, weil sie ihm endlich gesagt habe, dass sie das nicht will. Er habe daraufhin gesagt, sie sei verrückt, denn das sei ja schließlich ganz normal. Als ich sie fragte, ob sie auch denke, dass sie verrückt sei, sagte sie doch wirklich: “Naja, wahrscheinlich schon, wenn er das so sagt…..” Überhaupt, wenn man die Frauen fragt, was ihnen bei dem Wort Gewalt als erstes in den Sinn kommt  -  unglaublich, was man da zu hören bekommt: Prügeln, Schlagen mit dem Kabel, Erniedrigung, Schreien etc. Wenn ich Erziehung schreibe, dann meine ich ganz grundlegende Dinge, wie: mein Kind nicht anschreien, nicht schlagen. Oder wenn ich möchte, dass es aufhört etwas zu tun, ihm erklären wieso.

Die Kinder hier werden wirklich den ganzen Tag rumgetragen, haben keine Beschäftigung, außer Süßigkeiten lutschen  -  und wenn sie plärren, dann wird ihnen schnell was in den Mund gesteckt. Nächste Woche möchte ich mit den Müttern gezielt über Erziehung sprechen. Ihre Kinder sind bei den Treffen immer dabei (wie ihr wisst, bin ich gerade dabei dies zu ändern, so dass die Kinder in der Zeit im CAFA - Haus betreut werden).
 
So bekomme ich einen deutlichen Eindruck davon, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Aber wie sollen sie es schon machen? Genau so, wie ihre Mütter es auch mit ihnen gemacht haben. Es fehlt ihnen an Zuneigung,  Empathie, Geduld etc. Ich habe mit der Psychologin besprochen, dass wir den Müttern zeigen wollen, wie eine Babymassage funktioniert. Ich habe viele Freundinnen in Deutschland, die das mit ihren Kindern machen, und ich glaube, hier würde es auch passen. Also habe ich im Internet etwas recherchiert und eine tolle Seite gefunden, wo Babymassagen gut erklärt werden. Ich hoffe, durch so etwas lernen die Mütter vielleicht, die Verbindung zu ihrem Kind wieder herzustellen. Alle Mütter scheinen mir aber sehr offen und vor allem auch interessiert zu sein. Als sie hörten, dass ich seit sechs Jahren Yoga praktiziere, waren sie auf einmal alle ganz begierig darauf, einmal die Woche mit mir Yoga zu machen.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten, wie sich das alles entwickelt!
 
Der Sozialarbeiter steht für Gespräche immer zur Verfügung, macht aber auch oft Hausbesuche, wenn er von Nachbarn hört, dass in dem Haus geschlagen wird,      der Junge Drogen nimmt etc. Bei den Hausbesuchen bin ich dann auch mit dabei, wobei diese echt schwierig für mich sind. Da neben castellano auch guaraní           Landessprache ist, wird oftmals gemischt. In guaraní (bis heute von großen Teilen der Bevölkerung benutzte Sprache der Ureinwohner) kann man wohl sehr viel mehr ausdrücken als auf spanisch, und somit wird bei den Hausbesuchen fast ausschließlich guaraní kommuniziert  -  wobei ich dann etwas hilflos Schultern tätschele und aufmunternd lächle, ohne etwas zu verstehen.

In den Bañados gibt es viele Organisationen, die versuchen zu helfen. Hier herrscht ein reger Austausch untereinander und es finden regelmäßig Treffen statt, was ich wirklich sehr befürworte und als sehr fortschrittlich empfinde. Mit dem Sozialarbeiter war ich z.B. letzte Woche bei einem Treffen mit einer weiteren Organisation. Mit dieser zusammen werden wir jetzt immer donnerstags Inhalte zum Thema “alegría” (=Freude) anbieten.

Das erste Treffen beginnen wir z.B. mit Karaoke. Ihr alle wisst, wie befreiend es sein kann, einfach laut und oftmals ganz falsch zu singen. Ich bin mir sicher, dass die Frauen nach so einem - für sie ganz sicherlich noch nie erlebten Ereignis - mehr als befreit und strahlend das Treffen verlassen werden.
 
Das nächste Mal werde ich Euch dann berichten können, wie die “Umgestaltung” des CAFA - Hauses abgelaufen ist, dann auch mit Fotos etc. Wir haben uns wirklich sehr gefreut, als wir das O.K von Euch für die Verschönerung unseres momentan wirklich noch sehr trostlosen Arbeitsplatzes (der für alle anderen ja eine Art Zufluchtsort sein soll) bekommen haben.

Alles Liebe und bis ganz bald!

Juliane

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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