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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Die Rückkehr des Grauens
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
20.05.09     Klicks:2418     A+ | a-
In diesen Tagen werden in Paraguay die Verbrechen der Stroessnerdiktatur aktuell und lebendig wie lange nicht mehr.
Zwanzig Jahre nach dem Ende der 35jährigen Gewaltherrschaft kehrt die „rechte Hand des Despoten“, der ehemalige Innenminister Sabino Augusto Montanaro aus dem honduranischen Exil zurück nach Asunción.

Allein sein Name lässt noch heute unzählige Paraguayer erzittern.

Gleichzeitig ist Lugo gefährdet durch einige Vaterschaftsklagen.

Dazu im folgenden
-eine persönliche Erinnerung aus unserer Zeit in Paraguay
-die Rückkehr von Montanaro am 1. Mai
-ein Artikel aus der par. Zeitung „Ultima Hora“ zum Thema
-Ernst und Glosse: „Präsidentschaft versus Vaterschaft“
-die Pressekonferenz von Präsident Fernando Lugo
-Erster Teil des Tagebuches „Eine Rose und 1000 Soldaten“

Mai 1974, vor 35 Jahren. Wir waren als junge Familie in Paraguay, ich war einer der deutschen Lehrer an der Goetheschule in Asunción.  Vom deutschen Staat zwar „gesandt“, waren wir aber keineswegs „geschickt“, wie wir selbstironisch zu sagen pflegten.
So taumelten wir -  privilegierte Ausländer , die wir waren  -  nur mäßig engagiert bis lau durch die damaligen Gräuelzeiten der Stroessnerdiktatur.
An jenem Maitag 1974 fand in Villa Hayes, auf der anderen Seite des Rio Paraguay, ein großes „asado“, eine regelrechte Fleischorgie statt, zu der auch Militärs und Politiker des Stroessner-Regimes eingeladen waren.
Dutzende riesiger Spieße standen, in langen Reihen über Holzkohlenfeuer, auf dem Gelände eines mit dem Unrechtsregime verbandelten deutschen (sic!) Estanciabesitzers.
Dort sahen wir zum ersten Mal den berüchtigten Innenminister Sabino Augusto Montanaro, die rechte Hand Stroessners bei der gnadenlosen Verfolgung, Folterung und Ermordung von Regimegegnern.
Wir wussten vom Hörensagen über ihn Bescheid, beobachteten mit einer Mischung aus Grusel und Neugier, wie er angstvoll hofiert und bedient wurde, wie er seine Machtstellung genoss.
Er schien der Überzeugung, besondere Wirkung auch auf Frauen zu haben, dabei hatte er nur Gewalt über sie.
(Siehe auch „Eine Rose und Tausend Soldaten“ auf dieser Homepage).
An diesem Tag zog ihn die europäische, blonde Ehefrau eines unserer Kollegen magisch an. Sie erinnert sich bis heute an seine penetranten Belästigungen. Machtbewusst, arrogant  -  und am Ende düpiert und wütend.
(Ihr Ehemann erinnert sich mehr an seine Wut und den dringenden Wunsch, dem Schreckensminister einen Fleischspieß in den fetten Wanst zu rammen ....)

In späteren Jahren -  auch in der Paraguay-Solidaritätsarbeit  -  tauchte der Name Montanaro häufig auf, und wir erfuhren noch viel mehr darüber, woher ihm seine traurige Berühmtheit erwuchs.

Von 1967 bis zum Ende der Stroessnerdiktatur war Sabino Augusto Montanaro Innenminister, der „starke Mann“ der Polizeirepression.
Stroessner konnte sich auf die brutale Effizienz seines Ministers verlassen, der auch großen politischen Einfluss besaß. Er war Parlamentarier und Vizepräsident der Leitungsspitze der „Colorado“ – Partei, als einer der Führer der „militancia stronista“ wurde er zur Verkörperung des verbrecherischen Regimes.
Tausende Paraguayer, Gegner der Gewaltherrschaft oder nur in Verdacht geratene harmlose Bürger, erlitten durch aktive Veranlassung oder Billigung von Montanaro Verfolgung, Folter, den Tod oder das Exil.
Nach dem Putsch vom 3. Februar 1989, der Stroessner stürzte, wurde Montanaro selber zum Asylanten. Honduras nahm ihn auf.
Während sich in Paraguay die Klageverfahren gegen ihn häuften, verwandelte sich Montanaro in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa in den Prediger einer evangelischen Sekte.

Im Jahre 2006 hatten wir noch eine „Begegnung“ mit Montanaro, allerdings nur mit seinem Bild. Auf einer Fahrt in den paraguayischen Chaco kamen wir „bei Kilometer 147“ an der Estancia Montanaros vorbei.
(Ein Stück paraguayischer Realität: ein gesuchter Straftäter unterhält problemlos vom Ausland her ein  -  mit Sicherheit unrechtmäßig erworbenes  -   Besitztum in der „Heimat“.)

Wir können nicht widerstehen und  erlangen Zutritt zum Gebäude und zum Gelände der Estancia, werden gar vom Verwalter freundlichst empfangen und herum geführt.

Im altherrschaftlichen Wohnzimmer ist es angenehm kühl, hier hängt auch das kitschige Ölgemälde des Besitzers  -  Montanaro!   Wohliger Grusel.
Genau wie damals wieder ein „asado“ mit Montanaro (in Öl), zu dem uns die Bewacher der Estancia einladen.
(Auch dies ein echtes Stück Paraguay: Man kommt überall hinein, eine höchst erstaunliche Sorte Arglosigkeit begegnet einem allerorten).

Und heute, in diesen Tagen, genau zwanzig Jahre nach Montanaros Flucht aus Paraguay und vor der Justiz, kehrt der Verbrecher urplötzlich an den Ort seiner Untaten zurück  -  87jährig, krank (Morbus Parkinson u.ã.) und hinfällig.
Wird nachts um drei aus einem honduranischen Linienflieger heraus getragen und im Rollstuhl weiter transportiert, die Schweinegrippemaske (manch einer würde „grippe“ am liebsten streichen) vor seinem Gesicht  macht diesen unerwarteten Auftritt noch gespenstischer.
Der Chef der paraguayischen Polizei, Viviano Machado, versichert vor  von überall herbei eilenden Medienvertetern, dass im Fall Montanaro „strikt die Gesetze befolgt werden“.
Der mit dem seit 1997 anhängigen Auslieferungsantrag befasste Richter Arnaldo Fleitas verfügt die Überstellung des freiwillig „Eingereisten“ (wie auch von der honduranischen Regierung bestätigt) ins Militärhospital „Rigoberto Caballero“.  Zunächst sollte er im „Hospital Adventista“ untersucht werden, er sei „destabilisiert“ und habe „senile Arteriosklerose“.
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die sensationelle Nachricht in der erwachenden Hauptstadt. Zahlreiche Opfer der Stroessnerdiktatur kommen, wie elektrisiert, an den Ort des Geschehens.

Die beiden Montanaros  -  2009 und 1985
Menschenrechtsaktivist Martín Almada, Kämpfer gegen die Straffreiheit, ist einer der ersten.
Mit vor Erregung zitternder Stimme ruft er in die Mikrofone: „Der Mörder gehört nach „Tacumbú“ (Strafanstalt), er hat auch meine Frau Celestina auf dem Gewissen (die durch seelische Folter starb). Aber wir haben Vertrauen zum Gesundheitsministerium, zur Person der Ministerin, dass ein multidisziplinäres Team ihn untersucht, um eine genaue Diagnose zu erstellen.“ Dann appelliert er an den Staatschef: “Präsident Lugo, Ihre eigene Familie wurde von der Diktatur verfolgt und war Opfer von Montanaro, ich ersuche Sie dringend, alles zu tun, damit die Straflosigkeit ein Ende hat!“
Judith Rolón, Tochter eines „Verschwundenen“, fordert, stellvertretend für Hunderte anderer Familienangehöriger:
„Montanaro wird keinen Frieden finden, bis er nicht sagt, wo unsere verschwundenen Angehörigen sind! Wir wollen keine Rache, wir wollen Gerechtigkeit!
Für diese 33 Jahre des Leidens verdient er wenigstens symbolisch ein paar Tage Haft in Tacumbú!“ Paraguays Innenminister Fillizola lässt resignierend verlauten: “Sie sind geschickt, die Anwälte Montanaros, die haben so lange gewartet, bis er das Alter erreicht hat, in dem als Strafe nur noch Hausarrest möglich ist.“
(In Ciudad del Este, ehemals „Puerto Presidente Stroessner“, zerstören Bürger eine immer noch vorhandene Büste des Diktators  -  die Rückkehr Montanaros und die Wiederkehr ihrer Erinnerungen lassen sie endlich handeln....)

Präsident Fernando Lugo erklärt in einer Pressekonferenz den Fall Montanaro und die Rückkehr des lange Gesuchten zum „Ausgangspunkt für eine neue Etappe“, nutzt diesen Anlass offensichtlich auch, um die „Bildung einer Sonderkommission zur Rückgabe des in der Stroessnerdiktatur unrechtmäßig angeeigneten Landes“ anzukündigen. Die „Colorados“ warnt er, dass die „Ewiggestrigen niemals zurück kehren werden“.
Den endlich auf paraguayischem Boden befindlichen Montanaro bezeichnet er als die „herausragende Figur jener Zeit, zuständig für die Vernichtung Missliebiger“.
Tausende müssten nun die Gelegenheit erhalten, Konkretes über den Verbleib ihrer Verschwundenen und Toten zu erfahren.
„Wir verlangen Gerechtigkeit, und ich fordere die zuständigen Organe auf, dafür zu sorgen, dass der innere Frieden erreicht wird allein über diesen Weg der Gerechtigkeit in Bezug auf die schlimmen Verbrechen der Vergangenheit.
Einen der Hauptakteure haben wir jetzt endlich, auch sein Alter darf sein Verfahren nicht beeinflussen.“
Die anwesenden Gewaltopfer hörten sehr genau zu. Zum Schluss wandte sich Lugo direkt an die Colorados, die natürlich auch hier eine Chance zur Rückgewinnung der Macht sehen: „Wir sind uns sehr bewusst, dass so manche im Land jede Gelegenheit zu einer Rückkehr zur Macht und zum Terror ergreifen wollen. Sie träumen davon, aus unserem Itaipú-Kraftwerk eine Kasse zum Plündern und aus unseren Streitkräften den bewaffneten Arm zur Erreichung ihrer Ziele zu machen! Lasst sie träumen, lasst sie ihren Wahnvorstellungen anhängen  -  niemals kommen sie wieder an die Macht!“

Unser Partner Dr. Martín Almada ruft zu einer Protestaktion vor dem riesigen, nie vollendeten und inzwischen vergammelten Rohbau der Villa eines (verstorbenen) Stroessnersohns auf.
Auch den Präsidenten und die Minister lädt Almada zu der Kundgebung ein.
Fernando Lugo hatte nämlich energisch die Einrichtung eines Sekretariats angekündigt, das nur die Aufgabe haben soll, die vielen illegal erworbenen Besitztümer zu enteignen. Almada in seinem Aufruf vor Fernsehkameras, vor der gigantischen Bauruine: „Dies wird der erste Besitz sein, den die Bürger Paraguays zurück erhalten! Wir sollten daraus eine kostenlose Universität für Menschenrechte machen! Für Montag rufe ich auch alle Opfer der Diktatur für 17 Uhr zum Protest auf vor diesem Symbol der Korruption!“ Dann soll beraten werden, ob man eine Besetzung des Geländes durchführt.
                                                  
Der „Menschrechtsaktivist“ Almada ist in seinem Element, macht seinem Beinamen alle Ehre. Wieder einmal bietet sich eine Chance zur Aufarbeitung, auf die Paraguay so lange gewartet hat. Das plötzliche Auftauchen des „Gespenstes“ (s.u.) Montanaro, seines direkten damaligen Peinigers, scheint ihn eher  angetrieben zu haben. Viele Opfer erleben ähnliche Genugtuung wie er.

Die paraguayische Tageszeitung „Ultima Hora“ schreibt:


„Wie ein Gespenst sah er aus. Geschrumpft durch Alter und Krankheit, in einem Rollstuhl hockend, am Ende. Fast wirkte er wehrlos. Aber kaum in sein Land zurück gekehrt, waren es ganz andere Gespenster, die ihn empfingen, und die ihn vielleicht in diesem Moment in seinem Zimmer im Polizeihospital besuchen.

Dort, in jenem Krankenzimmer, in dem Sabino Augusto Montanaro liegt, geben sich jetzt all die Verschwundenen ein Stelldichein, deren Überresten man ein Kreuz mit ihrem Namen verweigerte, ein Geburtsdatum, einen Ort, um Blumen darauf abzulegen. Dort wird er in diesem Moment gegen seine Erinnerungen kämpfen, gegen sein eigenes ´Archiv des Terrors´ ....

Im Bild des Sabino Augusto Montanaro symbolisieren sich die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen eines Regimes, das Paraguay 35 Jahre beherrschte. Er war die am besten informierte Person in Paraguay, über 30 Jahre lag die Ausübung der politischen Repression in seinen Händen.
Zu ihm gelangten die Informationen der Spitzel, der Verräter, aller Polizeistationen des Landes.
             
Er erfuhr alles was geschah, und nichts passierte ohne seine Anordnungen.
Er war die Nummer zwei, der Mann hinter Stroessner, dem er sehr ähnlich war.
Und wie die des Diktators, war auch seine Biographie so banal wie die ganze Person. ........
Direkter Verantwortlicher für alle Arten von Folter, für Verschwindenlassen von Personen, war er auch einer der Hauptakteure der ´Operation Condor´, jener gemeinsamen repressiven Organisation der 70er Jahre zwischen Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay.
Unter seiner Amtszeit in einer 35 Jahre währenden Diktatur ´verschwanden´ 3000 Personen, 18000 wurden gefoltert, so dokumentiert es die ´Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit´.
Aber vielleicht ist es leichter, die Tragödie eines Landes anhand des Schicksals eines seiner Bürger zu verstehen. Eine Begebenheit aus dem Jahr 1976 steht beispielhaft für die Bösartigkeit des Sabino Augusto Montanaro:

Zwischen April und Juni führte die Diktatur  Departamento Misiones eines der grausamsten Repressionsmanöver gegen die ´Christlichen Bauernligen´ durch.  Hunderte von Campesinos wurden verhaftet und gefoltert in der Kaserne von Abraham Cué, mitten in der Stadt San Juan Bautista.
Aber nicht alle kamen dort an.
Wie Silvano Ortellado Flores, der in seinem Haus verhaftet, an einen Baum gefesselt und vor den Augen seiner ganzen Familie mit einem Schnitt durch die Kehle ermordet wurde..
Die Körper der anderen getöteten Campesinos wurden nie aufgefunden.“
So weit die „Ultima Hora“.

(Auf seiner Pressekonferenz  -  s. o.  -  kündigt Präsident Lugo an, dass eine Schule in Santa Rosa, Misiones, Ort der Verfolgung der christlichen Bauernligen, den Namen „Silvano Ortellado Schule“ erhalten wird.)

Ein anderes erschütterndes Einzelbeispiel ist das des Überlebenden Virgilio Bareiro, dokumentiert in der Geschichte   „Die Knöcherne Harfe“ auf dieser Homepage.

Zum Thema an anderer Stelle auch der erste Teil aus dem Tagebuch einer überlebenden Frau, die als Kind verschleppt und als Zwangsprostituierte gefangen gehalten wurde, wie Hunderte andere Mädchen und Frauen in dieser Zeit.
Im September 2008, kurz nachdem die „Kommission für Wahrheit  und Gerechtigkeit“ ihren Bericht zu den Menschenrechtsverletzungen der Stroessnerdiktatur übergeben hatte, wagte Julia Ozorio Gamecho zum ersten Mal  -  nach langen Jahren des Exils in Argentinien  -   die Rückkehr nach Paraguay. Frau Gamecho hatte ihre Aufzeichnungen mitgebracht, ein Büchlein mit dem Titel „Una rosa y mil soldados“ (Eine Rose und Tausend Soldaten), in dem sie ihre ebenso erschütternden wie anrührenden Erlebnisse aus ihrer mehrjährigen Gefangenschaft erzählt.

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