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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Berichte zum Weltfrauentag 2009 in Paraguay
von Ute u. Hermann Schmitz
30.04.09     Klicks:2833     A+ | a-
Alternative Erziehung - Menschenrechte – Solarenergie,
das sind die Arbeitsfelder der oben aufgeführten Stiftung, die den Namen Celestina Pérez de Almada trägt. Sie war die Ehefrau von Martín Almada, der seit vielen Jahren Partner der PPI ist (s. zahlreiche Beichte über ihn an anderen Stellen der Homepage).  Mit ihm hatte sie gegen die Stroessnerdiktatur gekämpft und eine besonders widerwärtige Form der Folter erdulden müssen: Erst ließ man Celestina wiederholt per Telefon die Schreie ihres Mannes Martín aus dem Gefängnis mithören, dann schickte man ihr seine blutdurchtränkte Kleidung ins Haus. Sie starb an Herzversagen.

Maria Stella Cáceres de Almada   (jetztige Frau von Almada) leitet das “Museo de las Memorias”, das Museum der Erinnerung. An diesem Ort wurde am 8. März, dem Internationalen Frauentag, in besonderer Weise der mutigen Frauen Paraguays und ihres Beitrages zur Vermenschlichung einer durch machismo, Kriege und Diktatur verrohten Gesellschaft gedacht.
Maria Stella sendet uns dazu den folgenden Text:

“Wir grüßen alle Frauen, die bei uns in Paraguay und überall dafür kämpfen, dass unsere Welt für jeden und jede lebbarer wird. Wir erinnern an die vielen historischen Etappen, die wir Frauen in unserem Kampf um Gleichbehandlung durchlaufen haben, bis wir in der Proklamation von “Freiheit, Gleichhheit, Brüderlichkeit” auch endlich das Stimmrecht forderten.
Frauen, Frauen, die durch alle Zeiten kämpften und litten und ihr Leben gaben bei ihrem Einsatz für eine gerechtere Welt.
Es war der Vorschlag der deutschen kommunistischen Führerin Clara Zetkin, der auf der “Konferenz sozialistischer Frauen” in Kopenhagen zur Proklamierung eines ´Internationalen Tages der sozialistischen Arbeiterin´ führte  -  als ein Kampf- und Aktionstag für die Rechte der Frauen. 1911 wurde er zum ersten Mal begangen.
Einige Wochen später jedoch markierte ein schreckliches Unglück auf evidente Weise die wahre Lage der Frauen: Am 25. März verbrannten mehr als 140 junge Arbeiterinnen, in ihrer Mehrzahl italienische und jüdische Immigrantinnen, bei der Brandkatastrophe der Firma Triangle  in New York.
Mit großen Auswirkungen auf das Arbeitsrecht der Vereinigten Staaten, denn bei späteren Frauentagen wurden immer wieder die schlimmen Arbeitsbedingungen der Frauen angeführt, die zu der Katastrophe geführt hatten.
Und schließlich begründeten die Vereinten Nationen den internationalen Frauentag als Tag der Reflexion, der Aktion, des Gedenkens und der Stärkung des Kampfes für die Menschenrechte der Frauen.

Zur Zeit sehen sich Frauen und Mädchen weltweit in wachsender Zahl einer extremen Gewalt mit Tausenden von Toten ausgesetzt, daher der diesjährige Leitspruch der UNO: “Männer und Frauen bündeln ihre Anstrengungen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.”

In Paraguay und in ganz Lateinamerika haben sich die vielfältigen Formen der Gewalt gegen Frauen, wie sie in einer zutiefst patriarchalischen Kultur wurzeln, während der Zeit der Militärdiktaturen enorm gesteigert: Unsere Frauen und Mädchen wurden nicht nur verfolgt und drangsaliert, sondern eingekerkert, gequält und gefoltert, ausgegrenzt, erniedrigt, vergewaltigt  und versklavt  -  oder ins Exil gezwungen bis zum Ende der Stroessnerdiktatur vor 20 Jahren.

Einiges ist seither an rechtlichen und sozialen Fortschritten möglich geworden, ein paar Institutionen und starke Organisationen kämpfen unermüdlich, und bisweilen mit Erfolg, für mehr Gleichheit der Geschlechter

...........Aber die Gewalttaten, die vielen Verbrechen der Vergangenheit  Paraguays aus 34 Jahren Diktatur, sind unverarbeitet und ungesühnt und verlangen nach einem kämpferischen Einsatz zugunsten der Wahrheit, des Erinnerns, der Gerechtigkeit und der Wiedergutmachung. Sehr viele Frauen, deren Namen man nur in den wenigsten Fällen kennt, waren unerschrockene Kämpferinnen, ja Heldinnen während dieser schrecklichen Zeit und verdienen unsere Anerkennung auch für scheinbar kleine Taten:
Einer im Kerker schmachtenden Person Nahrung zu bringen, Verfolgte zu schützen und zu betreuen, alle Formen des zivilen Widerstandes auszuüben zur Schwächung des blutigen und korrupten Stroessnerregimes  -  bis hin zur Teilnahme am bewaffneten Kampf.
Ihnen allen gelten unser Respekt und unsere Dankbarkeit für ihren mutigen Einsatz.
Unseren Kampf setzen wir fort, für Wahrheit, Erinnerung, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung, wobei uns bewusst ist: Solange es keine Gleichheit gibt, bleiben alle Anstrengungen unvollständig.  ............”

Maria Stella Cáceres de Almada
Direktorin Museo de las Memorias:
Diktatur und Menschenrechte 
  
Übersetzung: Hermann Schmitz  

Fundación Celestina Pérez de Almada: Tel: (595 21) 425 345 . msedu@rieder.net.py .  fundacion@rieder.net.py . Av. Carlos Antonio López 2273. Museo de las Memorias: Chile 1066, entre Jejuí y Manduvirá. Asunción . Paraguay . Declarado “Bien Cultural de la República de Paraguay”, bajo el amparo y protección de la Ley 946/82, Resolución 05/2008, de la Dirección General de Patrimonio Cultural. Secretaría Nacional de Cultura . 

Die schlimmen Gräuel der Diktatur sind Geschichte, auch für die Frauen  Paraguays -  der alltägliche Schrecken und die Gewalt aber sind geblieben als ihre ständigen Begleiter.

Diese Gewalt hat viele Gesichter, sie ist physischer, psychologischer und sexueller Natur  -  von der strukturellen Gewalt noch nicht zu reden. Im Jahr 2008 gingen rund 850 Anzeigen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen bei der paraguayischen Polizei ein. Allein diese Zahl ist schon beängstigend, die Dunkelziffer dürfte allerdings noch um ein Vielfaches höher liegen: Die Polizei selber ist durch und durch sexistisch, nur eine Minderheit von Frauen wagt überhaupt eine Anzeige. Hinzu kommt die Angst vor der Rache des Täters. „Kleinere“ Übergriffe, Misshandlungen und allgegenwärtige sexuelle Belästigungen sind so „normal“ in Paraguay, dass sie gar nicht erst angezeigt werden.

Viele Frauen sterben an den Gewaltfolgen, Täter sind in den meisten Fällen die „Partner“. (Heute, am 09.03.2010, erscheint eine kleine Notiz in der paraguayischen Zeitung „ABC-Color“, kaum 5 Zeilen lang: Eine 53jährige Frau wird in dem Ort Ypacaraí tot aufgefunden, schrecklich zugerichtet, ermordet nach sexuellem Missbrauch.)

Aus einem Bericht unseres Partners Silverio Gavilán, der Mitarbeiter im Kinderhort auf dem Großmarkt von Paraguays Hauptstadt Asunción ist: „.....In den Familien, den Schulen und Universitäten, den Unternehmen und Organisationen gibt es praktisch keine jungen Männer aus der

Gesellschaft dieses Landes, die die elementaren Bedürfnisse der Jungen und Mädchen aus unseren Städten und Dörfern verstehen, die das notwendige Einfühlungsvermögen und das Interesse aufbringen, Dinge aus der Lebenswelt der Kinder zu lernen, um so einen guten Umgang mit ihnen entwickeln zu können. Auch für sie selber wäre dies eine der besten „Investitionen“ für ihr Leben.

Warum fanden wir in keiner einzigen Einrichtung für Kinder solche jungen Männer? Die Antwort, die uns die Mütter gaben, ließen nur einen Schluss zu: Die Mütter wollten nicht, dass ihre  kleinen Töchter von Männern betreut wurden.“

Frauen sind auch die ersten Opfer des desolaten paraguayischen Gesundheitssystems: Haupttodesursache im Land ist nach wie vor der unsachgemäße Schwangerschaftsabbruch durch irgendeine „curandera“, eine Heilerin, gefolgt vom Tod durch Infektionen, Unterleibskrebs und Verbluten. Ihre Mortalitätsrate und die ihrer Kinder im ersten Lebensjahr ist nach wie vor eine der höchsten in Südamerika. Dreimal so viele Mädchen wie Jungen in ländlichen Gebieten sind Schulabbrecherinnen, ihre Analphabetenrate ist mit fast 20% sehr hoch und mit ein Grund für das oft ziellose Verlassen ihrer Dörfer, zumeist mit der Folge, Opfer sexueller Ausbeutung zu werden.

Ute Schmitz berichtet von der Begegnung mit 2 Frauen,
Opfer der Stroessner-Diktatur


Der neue Präsident Paraguays, der ehemalige Bischof Fernando Lugo, ist noch keine 2 Wochen im Amt, als die „Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit“ ihm mehrere Kilo Beweismaterial übergibt. Darunter Aktenstücke, die in einem versteckten Archiv gefunden wurden und die Beweise für die Misshandlung von Gegnern des damaligen Militär-Regimes enthalten.  Das renovierte und erst seit kurzem wieder in Betrieb genommene Stadttheater der Hauptstadt Asunción ist an diesem regnerischen Nachmittag überfüllt.
Die Stimmung ist angespannt. Viele ehemalige Häftlinge begegnen sich, einige von ihnen alt und gebrechlich, gestützt von jungen Angehörigen.
Auf dem Podium befinden sich neben dem sichtlich bewegten Präsidenten Lugo, der katholische Bischof Medina, der die Klageschrift unterstützt und Seňor Nuñez, der höchste Richter des Landes, dem Bestechlichkeit unterstellt wird. Später wird man seine salbungsvolle, verlogene Rede unterbrechen, ganz ungewöhnlich in Paraguay, ihn ausbuhen und ihn drängen, den Saal zu verlassen.

Mein Blick bleibt hängen an der alten Campesina, der Bäuerin mit Kopftuch, die an einer einfachen Kordel das Bild eines jungen Mannes um den Hals trägt. Will sie an den Tod ihres Sohnes erinnern? Schon bald aber erfahre ich, dass sie  das Foto ihres in den Siebziger Jahren verschollenen Ehemannes vor der Brust trägt. Kein Grab gibt es bis heute, an dem sie trauern kann. Keine Gewissheit, wie und wann ihr Mann zu Tode kam.
Wenig später sehe ich, wie eine  prominente ehemalige Gefangene des Stroessner-Regimes,  Guillermina Kannonikof,  ihrem damaligen Mithäftling, dem Menschenrechtsaktivisten und alternativen Nobelpreisträger Dr. Martin Almada um den Hals fällt.

Mit verweinten Augen und einer Mischung aus Trauer und Wut erzählt sie mir in kurzen Sätzen von der schlimmsten Zeit in ihrem Leben.  1975 wurde sie zusammen mit ihrem Mann verhaftet.  Hochschwanger musste sie mit erleben, dass er nach der ersten  Nacht den Folgen der schweren Folter erlag. Sie gebar unter schrecklichen Bedingungen ihren einzigen Sohn.
Zwischen Weinen und Lachen erinnert sie sich mit Martín daran, dass sie beide mutige Gefangene waren. Trotz des strengen Verbotes, miteinander zu reden, tauschten die beiden Häftlinge  -  beim Hofgang durch eine weiße Linie auf dem Boden voneinander getrennt  -  kurze, wichtige Informationen aus.
Eine weitere mutige Frau bricht ihr jahrelanges Schweigen: In den siebziger Jahren, der Zeit der schlimmsten Repression, gab es Gerüchte, dass der alternde fette Diktator sich und seinen Günstlingen blutjunge Mädchen zuführen ließ.
Mit der im August 2008 zu Ende gegangenen Herrschaft  von 61 Jahren Colorado-Partei und 20 Jahre nach dem Sturz des Diktators kann zum ersten Mal eine Frau von ihren erlittenen Qualen berichten.

Auch Julia Ozoro Gamecho befindet sich an diesem denkwürdigen Nachmittag unter den Überlebenden und ihren Angehörigen , die im Teatro Municipal ihre Petition überreichen.
92 Seiten umfasst das Buch von Julia, die 1954 geboren wurde.
„Una rosa y mil soldados“  (Eine Rose und 1000 Soldaten) hat sie es genannt.
Die 10jährige ahnt damals noch nicht, nach welcher Beute die dunklen Autos des Geheimdienstes, die in ihr Dorf kommen, fahnden. Sie solle zunehmen, hat ihr einer der Männer aus dem fahrenden Wagen zugerufen.
Sie ist erst dreizehn, als die Häscher wieder kommen. Fassungslos muss sie erleben, dass die eigene Mutter sich abwendet,  nichts zum Schutz ihres Kindes unternimmt.
Schon in der ersten Nacht wird sie von einem Offizier Stroessners brutal vergewaltigt. Das verletzte und zutiefst verstörte Mädchen bleibt über Jahre eingesperrt und der Willkür verschiedener Männer ausgesetzt.
Die höchste Form der Herabsetzung der kindlichen Frau ist das Urinieren einer Männergruppe auf ihren nackten Körper. Flehentlich bittet das Kind einen ihr vertrauenswürdig erscheinenden Offizier,  ihr zur Flucht zur verhelfen.
Der Mann fürchtet den Zorn seiner Vorgesetzten und unternimmt nichts.
Julia leidet weiter, entgeht aber wundersamerweise dem Tod.
Ich halte voller Mitgefühl ihr Buch in meinen Händen. Wer hilft dieser Frau, die Schrecken der Vergangenheit zu bewältigen? Wird sie in ihrem eigenen Land Leserinnen und Leser finden oder wollen paraguayische Frauen sich (noch) nicht mit der jungen Vergangenheit ihrer bitteren Geschichte auseinandersetzen?

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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