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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Ein Reisebericht anlässlich der Wahlen (1)
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
30.04.08     Klicks:4368     A+ | a-
Es bleibt auch nach dem 20. April weiter spannend in Paraguay  -  hier aber erst der ganze Monat im persönlichen Durchlauf:

60 lähmende Jahre:  Erst eine Militärdiktatur, dann eine mit demokratischem Mäntelchen getarnte Parteidiktatur der „Colorados“.
Und jetzt das Wunder eines Wechsels?
Wird der demokratische Sozialist Fernando Lugo  -  ehemaliger Befreiungstheologe im Bischofsamt und heutiger Präsidentschaftskandidat, dem Vatikan und dem konservativen Klerus unbequem, von seinen politischen Gegnern gehasst, hingegen heftig geliebt und verehrt von einer offensichtlich großen Mehrheit des Volkes, vor allem den Ärmsten der Armen, an denen Paraguay reich ist  -  wird dieser Kandidat mit der höchst ungewöhnlichen Karriere es schaffen, die “Bananenrepublik ohne Bananen“ allmählich in die Gemeinschaft zivilisierter Länder zu führen?

Das war die spannendste und aufregendste Frage Anfang April

Dienstag, 01. April

Meine Brille, ein selbst nach Fielmann - Maßstäben teures Stück, bleibt am Gate 4 B auf dem Nebensitz liegen, erst auf dem Flug nach Asunción bemerke ich ihr Fehlen.
Verdammt, ich muss aufpassen, schon auf der ersten Eisenbahn - Etappe hatte mir der freundliche Herr meine Umhängetasche auf den Bahnsteig hinterher geworfen, er hatte beobachtet, wie der mit zwei Riesenkoffern bestückte Reisende sie auf dem Nebenplatz liegen ließ.
Pass, Flugtickets, eine Kreditkarte  -  es war schon gut, das alles nachgereicht zu bekommen, es reist sich besser damit.
Und jetzt die Brille. War mein Ärger über die miese Behandlung der Paraguayreisenden schuld, die auf diesem brasilianischen Flughafen  unübersehbar ist?
Als europäischer Passagier wird man gleichsam in Mithaftung genommen, wenn das Flughafenpersonal mit den „paraguayos“ so geringschätzig umgeht, als wollten sie alle um Asyl nachsuchen.
Und dann schicken sie einen in den Keller, zum berüchtigten Gate 4B, dritte Klasse Wartesaal.
Der TAM - Pilot ist winzig, trägt eine unordentliche Uniform und wirkt überaltert für seinen Beruf. Vielleicht ist es ja Einbildung, aber auf der Strecke nach Asunción sind auch regelmäßig die unattraktivsten Stewardessen an Bord  -  kann das sein? Bei der TAM muss ja eine von ihnen mitsamt Pilot an der Bordtür stramm stehen und jeden Passagier einzeln begrüßen, als flögen sie nur auf bzw. für ihn.
(Wahrscheinlich trägt jetzt der Pilot meine Brille, altersmäßig passt die Sehstärke, da sieht er doch gleich besser und auch aus! Ersatz gab es übrigens schon 1 Tag später in Asunción beim Optiker, zum Viertelfielmannpreis, nach 2 Stunden fertig, passt, sieht gut aus, steht mir, wird nicht mehr liegen gelassen).
Am Flughafen das alte Trauma: Wenn die Zöllner die Schalke 04 – Hemden entdecken, die ich natürlich wieder im Gepäck habe, erinnert sich dann womöglich einer von ihnen an jenen Deutschen, der die Zollbande wegen des damaligen Hemdenklaus angezeigt hatte? Und schaffen sie mich dann in den Flughafenkeller, viel schlimmer als der in São Paulo?
Und würgen mich mit den Hemden?
Da nehme ich mich wohl zu wichtig.
Der Zollbeamte, „Colorado“ - Parteianhänger wie alle seine  Kollegen, ist freundlich und öffnet nur flüchtig einen der Koffer, den ohne Hemden, dafür mit Unmengen Schokolade. Nichts. Lächeln. „Pase nomá ....“ Und ich sah meine Schokoladenvorräte schon schmilzen.
Ist das die neue Generation Antikorruptionszöllner?

Keine Sorge! Wie eh und je wird hierzulande Zollbeamter oder sonstiger Staatsdiener nur, wer ausgewiesener Parteisoldat bei den Colorados ist. Als Belohnung gibt´s ein öffentliches Amt, Schmier- und Klaulizenz inklusive.
Auch heute bei einem deutschen Mennoniten der alte Trick: Koffer im Untergrund des Flughafens geöffnet, die vielen neuwertigen Waren gesehen, Koffer zu, oben den Besitzer angesprochen:
„Sie haben doch sicher etwas zu verzollen, ich bring´ Sie durch  -  ohne Kontrolle.“
Der Mennonit kriegt es mit der Angst, der Mann in Zivil ist um 50 Euro reicher und schleust den Geneppten an seinen Kollegen vorbei, geteilt wird am Abend.
„Der paraguayische Zoll  -  dein Freund und Helfer bei kleinen und großen Schmuggeleien“, das gilt unvermindert.

Und dieser Ex-Bischof Lugo will Spielverderber werden! Das muss mit allen Mitteln  verhindert werden!
Allenthalben finden jetzt „Betriebsschulungen“ zur Wahl am 20. April statt, in denen auch dem letzten öffentlichen Angestellten unmissverständlich und in aller Offenheit klar gemacht wird, dass sein Kreuz nur den Colorados gehört!
„Du willst doch nicht deine Stelle verlieren?!“

Bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt fällt mir vor allem die
Plakatierungswut der Parteien auf, nichts ist vor den Klebekommandos sicher, kein Baum, keine Wand, kein Haus. Und auch das letzte in Asunción noch saubere oder gar historisch annäherungsweise bedeutsame Gebäude wird erbarmungslos verunziert. Dabei tun sich vor allem die Colorados hervor, sie haben ihre Kandidatin Blanca de Ovelar wohl zigmillionenfach  auf Lager, vor ihrem Lächeln, ebenso falsch wie ihr Gebiss, ist man an fast keiner Stelle der Stadt  sicher. Wir fahren an einer Mauer mit einer schier endlosen Plakatstrecke vorbei, Tausende Blancas  -  eine neben und über der anderen.
Die Klebekolonnen werden offensichtlich nach Stückzahl bezahlt.
Masse statt Klasse.

Mittwoch, 2. April

Meine Pension hat inzwischen einen wirelessen Internetzugang, das ist schon mal was. Wohl ist mein Zimmer leider zu weit entfernt, also sehen mich meine jungen studentischen Mitbewohner aus Deutschland in nächster Zeit mit eingeschaltetem Schlepptop unterm Arm die Nähe der weltweiten Wellen suchen, um die mails zu empfangen und zu versenden. Immerhin  -  wenn ich an die vergangenen Jahre denke, als ich umständlich und oft erfolglos in Internetcafés saß ...
Mein Handy war seit meinem letzten Aufenthalt in  der Obhut einer jungen Frau, allerdings mit Benutzungserlaubnis. Das führt in der ersten Zeit zu einer Reihe von Anrufen, denen ich mit der immer gleichen Abfuhr begegnen muss, ich bin ja nicht Beatriz, ich bin Hermann. Das hört erst auf, als mir bei einer Großveranstaltung das Teil dankenswerterweise geklaut wird: Neues Handy, neue Nummer, neues Glück, Beatriz ist ausgetrickst.
(Handy heißt hier übrigens „celular“, jeder hat eins, meist am Ohr, die allenthalben grassierende Handymanie kann hier also als „celularitis“ bezeichnet werden.)

Die 64jährige Hausangestellte Graciela, eine wunderbare, liebenswerte kleine Frau, deren Lachen oft bis in mein entfernt liegendes Zimmer dringt, hat ein fast religiöses Verhältnis zu Fernando Lugo, was ja bei einem ehemaligen Bischof nicht allzu fern liegt. Sie ist aber nicht nur Feuer und Flamme, sondern vermag durchaus mit kühlem Kopf Lugos Stärken beschreiben und die Versäumnisse und Verbrechen der Colorados dagegen setzen.
Sie fühlt sich dabei, recht untypisch für Paraguay, keineswegs als Opfer, ihre kämpferische Haltung  -  auch in ihrem Barrio Trinidad  -  hat sie davor bewahrt.
Graciela verdient 700.000 Guaraníes, ca. 110.- Euro, also weit unter dem Mindestlohn von 1.250.000 G.
Trotzdem ist sie ganz zufrieden, denn ihr Lohn liegt immer noch über dem Durchschnitt bei den ausgebeuteten „empleadas“. Vielleicht ändert sich das bald ein wenig zu deren Gunsten:
Tausende von Paraguayern, die meisten von ihnen Frauen, fliehen vor dem Elend nach Argentinien und zunehmend nach Spanien (wo man sie am Flughafen als „indios“ empfängt). Somit werden die Dienstmägde im Land allmählich knapp.
Die verheerende Politik der Colorados hat das Land ausbluten lassen, durch eine „Auswanderungs“ –Bewegung, die von Lugo zu Recht „erzwungenes Exil“ genannt wird.
Und diese Politik wird auch noch belohnt, denn die „remesas“, die Überweisungen der sparsamen Exilanten an ihre Familien, machen inzwischen einen immensen Anteil am paraguayischen Staatshaushalt aus.
Als weiteres Paradox kommt hinzu, dass  -  im gleichen Maße wie die Paraguayer ihrem Land den Rücken kehren  -  zahlungskräftige Brasilianer herein strömen und ganze Landstriche schon zu ihrem Territorium gemacht haben. Bei den  „Brasiguayos“ spricht man portugiesisch, die wenigen verbliebenen Einheimischen „portuñol“ ....

Donnerstag, 03. April

Lugo in Brasilien bei Lula de Silva. Treffen sich da zwei “compañeros de lucha“, alte Kampfgefährten, die sich Zeit ihres Lebens für die Armen und Unterdrückten ihrer Länder eingesetzt haben  -  der eine als Kirchenmann, der andere als Gewerkschafter? Müsste doch ein Traumpaar sein.
Lula ist ein pragmatischer Staatschef geworden, auch in Brasilien sind die wahren Machthaber in der Wirtschaft, beim Kapital zu finden, da ist auch einem wie Lula die eigene Vergangenheit bisweilen unbequem, da passt man sich an, macht Kompromisse, geht kleine Schritte  -  glatt und geschmeidig wie ein „lula“ eben, ein Tintenfisch!
Lugo steht das alles noch bevor, viele vermuten, er werde als möglicher Präsident  einen ganz ähnlichen Weg wie sein mächtiger Amtskollege gehen (müssen), auch er weiß allzu gut, dass er manche von denen brauchen wird, deren Praktiken er im Wahlkampf zu Recht geißelt.
Hauptanliegen Lugos bei Lula ist natürlich  -  neben dem Problem der „brasiguayos“ und dem ewigen Konflikt um das direkt an der Grenze liegende Schmugglerparadies Ciudad del Este  -  eine Neuverhandlung des Itaipú – Vertrages, damit Paraguay endlich einen fairen Preis für seine Energieanteil am weltgrößten Wasserkraftwerk erhält. (Heißes Streitthema auch zwischen den paraguayischen Kontrahenten.)
Doch die diesbezüglichen Gespräche sind ein Schlag ins Wasser. Zitat aus dem Kommuniqué:
„Lula signalisierte die Möglichkeit zur Einrichtung einer breiten und ernsthaften Gesprächsplattform, wo das Thema vernünftig, respektvoll und in die Tiefe gehend analysiert werden soll.“ 
Und Lugo?
„Ich habe Lula als mir nahestehend und offen erlebt, und ehe wir den ´Internationalen Gerichtshof in Den Haag´ anrufen, versuchen wir das Problem vor Ort mit dem Bruderland zu lösen.“
Erste Prüfung in Diplomatie und Leerformulieren bestanden!

Für die 200.000 Staatsangestellten haben sich die Colorados eine weitere produktive Beschäftigung ausgedacht:
In freiwilligen Überstunden muss ein(e) jede(r) zehn nachweislich nicht beim Staat angestellte Personen auf „Liste 1“ trimmen. Gleichzeitig kürzt man ihnen willkürlich den Lohn um Beträge zwischen 15 und 45 Euro, das merkten sie erst beim Geldziehen am Automaten (die weitaus meisten erhalten so ihren Lohn).
Einspruch zwecklos: „Es gibt Finanzierungsprobleme  ....“
Dreimal darf geraten werden, wobei.
Andererseits wird das Monatsgehalt für Mai  schon am 15. April ausgezahlt. Dann sind die meisten Angestellten zwar im Mai früher blank, aber man macht sie auch damit geneigter.
Die Wahlfang - Kampagne beginnt Schlag 12 Uhr, u. a. müssen Abordnungen des Erziehungs- und Gesundheitsministeriums an 25 Ampelkreuzungen der Innenstadt nach Dienstschluss, um 18 Uhr, Plakate kleben und Autofahrer für die Liste 1 begeistern..
Und da stehen sie, ich habe sie alle gesehen! Kaum hatte ich die Fischsuppe in der Lidobar aufgegessen, ertönte von der Kreuzung am Pantheon gegenüber ohrenbetäubender Lärm  -  aus Mündern, Trompeten und Lautsprechern.
Breite Propagandastreifen wurden den Autos auf die Windschutzscheibe geklebt, kleine Werbegeschenke verteilt und zum Singen (das heißt Brüllen) aufgefordert. Ich war zu neugierig, zumal „meine“ Abordnung durchgängig aus aufreizenden Coloradoschönheiten bestand, die auch mich als Fußgänger nicht unbeworben lassen wollten. Im Nu hatte ich ein rotes Liste 1 -  Käppi auf dem Kopf, und als sie meinen Fotoapparat sahen, wurde ich von zwei Schönen eingerahmt und fremdfotografiert ...
Es sind nette Fotos geworden, und das war auch alles nicht unangenehm. Die Colorados verstehen sich jedenfalls auf Charme- und Erotikoffensiven mit zwangsrekrutiertem Personal, das muss man ihnen lassen. Geht doch ....

Mit Graciela mache ich ein Interview, es ist bestimmt ihr erstes, und ich bin berührt, wie ernst sie ihre Antworten nimmt:
„Fernando will sich auch für uns Hausangestellte einsetzen, und es ist ihm ernst damit. Ich freue mich vor allem für die Mädchen und Frauen, die viel schlechter dran sind als ich, dass sie dann vielleicht etwas mehr verdienen, krankenversichert werden und wenigstens eine kleine Rente bekommen!“
Und mit großem Ernst fügt sie hinzu: “Wir sind doch auch wichtig für die Gesellschaft, nur weil wir im Haus arbeiten, können Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte ihren Beruf ausüben. Das wird überhaupt nicht anerkannt!“
Als ich das Interview fertig habe, mit vielen Fotos von Graciela bei ihrer Arbeit, im Garten und bei der Wahlveranstaltung am Abend, drucke ich ein Exemplar aus und gebe es ihr, lese ihr Teile auf spanisch vor. Graciela ist beglückt und tief befriedigt.

Abends mit Graciela und anderen Hausangestellten zur Wahlveranstaltung der PLRA (Partido Liberal Radical Auténtico = Liberalradikale authentische Partei), die ein wichtiger Bündnispartner in Lugos „Patriotischer Allianz für den Wechsel“ ist. Der PLRA - Kandidat für den Bezirk, ein behäbiger Universitätsprofessor namens Marcos, ist angekündigt  -  und auch Lugo, das elektrisiert nicht nur Graciela. Aber wird er kommen?
Er war doch am Nachmittag noch oben im Norden,  im „Alto Paraná“.
Sagte ich Wahlveranstaltung? Was hatte ich mir eigentlich darunter vorgestellt?
Ich folgte Graciela über die inzwischen grasüberwucherten Gleise der alten paraguayischen Eisenbahnlinie bis zu einer „plaza“, nicht mehr als ein mit vielfach stolperfreundlich  verkanteten Steinplatten ausgelegtes, mit ein paar Büschen und alten Holzbänken bestandenes Areal, eingezwängt zwischen der tosenden Avenida Artigas und einer Fabrikruine. Eine notdürftig aufgestellte Bühne, Fahnen, ein paar Reihen weißer Plastikstühle von der Sorte, die schon bei leichtem Zurücklehnen zusammen brechen, und Lautsprecher, aus denen in unaufhörlicher Wiederholung der inzwischen berühmte Lugo – Song dröhnte  -  mit dem Refrain zum Mitsingen „ ...Lugo tiene corazón!“
Bald waren an die Hundert Bewohner des einfachen Trinidadviertels beisammen, Frauen, die sich so fein wie möglich ausstaffiert hatten, Männer in ihrem besten Hemd  -  und Kinder und Jugendliche, letztere offensichtlich nur des Spektakels wegen gekommen.
Das hielt sich zunächst allerdings in Grenzen, wenn man von der Trommlergruppe, der Musik aus den Lautsprechern und dem explodierenden frischen Popcorn absieht, welches der Alte an seinem Spezialkarren verkaufte.
Und Lugo? Soll in einer halben Stunde da sein .....hat das Flugzeug verpasst .....ist schon unten am Botanischen Garten ... Graciela wurde unruhig, ich bangte mit ihr: Kommt er, kommt er nicht ...?
Jetzt aber erst die Ansprachen von PLRA – Politikern der zweiten und dritten Garde, allesamt stimmlich schon ziemlich mitgenommen, aber nichtsdestotrotz  die letzten Reserven aufbietend: Mein Gott, wie halten die das bis zum 20. April bloß durch?
Als Krönung nuschelt der dröge Professor vor sich hin, längst hört keiner mehr zu, Graciela plaudert angeregt mit den Nachbarn, spaßt herum, lässt sich jetzt die weiß-rot-blaue Nationalflagge umhängen und in diesem Aufzug gern von mir fotografieren, das Bild findet sie später in der Interviewmappe.
Und jetzt, kaum ist der liberalradikalauthentische Redner ans gnädige Ende seiner Rede gelangt, schallt es aus inzwischen gut 200 Kehlen: Lugo, Lugo, Lugo!....
Dann, lauter: „Se siente, se siente, Lugo presente! Se siente, se…!” Und schließlich, als auch die lauteste Beschwörung den Kandidaten nicht herbei zaubert: „Se siente, se siente, Lugo presidente! Se siente ….”
Man tut einfach so, als sei er leibhaftig anwesend, auch noch, als eine Autopanne als Grund für sein Nichterscheinen verkündet wird. Was keiner in Zweifel zieht,  so weit ich das mit bekomme. Und was auch stimmte.
Graciela und ein paar weitere Frauen lassen es sich nicht nehmen, mich an der Avenida Artigas entlang bis zur Pension zu bringen, da kann ich noch so abwehren.
„Te pueden robar tu camara, es peligroso !"
Und ich habe mich wirklich vor einem Kamerauklau sicher gefühlt in Begleitung dieser liebenswerten Frauen, die trotz Nichterscheinen ihres Hoffnungsträgers heiter blieben.

Samstag, 05. April

Hunderte von staatlichen Angestellten rufen bei den Zeitungen an und berichten über „Einladungen“ zu Wahlveranstaltungen der Colorados. Wenn sie nicht erscheinen, droht ihnen der Rausschmiss.
Einige von ihnen trauen sich, gegenüber der Presse ihre Gefühle der Entwürdigung, ja Erniedrigung, die sie bei solchem Druck empfinden, auszudrücken.
Die katholischen Laien des Landes sind gespalten, eine starke Gruppe spricht sich offen gegen eine Wahl ihres ehemaligen klerikalen Oberen aus. Den Konservativen  -  und das sind hier fast alle  -  ist er zu unkatholisch.

Die Polizei liefert sich ein offenes Schießduell mit Drogenhändlern: Drei Tote, zwei Verletzte.

Ich dagegen kämpfe nur mit der Bürokratie im „Deutschen Turn- und Sportverein“. Deren Schwimmbad darf man nur besteigen, wenn man einen Mitgliedsausweis für „transeuntes“  -  ist das nicht ein schönes Wort!  -  also für „Vorübergehende“, beantragt, mit Foto, nur zu den Bürozeiten. Freitags stehe ich, hoffnungsvoll, bei 35 Grad, das lockende Nass vor Augen, am bewachten Eingang. Keine Chance, alle meine erprobten Taktiken verfangen nicht, „....kommen Sie Montag wieder, Sie dürfen aber gern ein Bier trinken...“. Drei Tage Schwimmverbot, Höchststrafe.
Man kann es nicht präzise einschätzen, aber ein hoher Anteil der rund 10000 Deutschstämmigen im Lande mit paraguayischem Pass dürfte „rot“ wählen.

Sonntag, 06. April

Ein bleierner Asuncioner Sonntag. Ist es im Zentrum schon während der Woche spätestens ab 19 Uhr zum Sterben langweilig, so sind die Sonntage definitiv tot.
Die meisten Wahlkämpfer sind heute auf dem Land unterwegs, „pescar votos“, auf Stimmenfang.

Ich bin morgens um 10 mit Pater Oliva verabredet, der im ärmsten Viertel Asuncións unten am Rio Paraguay wohnt. Die „Bañados del Sur“ stehen immer mal wieder unter Wasser, ein ungesundes, von Mücken und vielfachen Krankheiten heimgesuchtes „Wohn“gebiet, zumal dicht nebenan sich die riesige Müllkippe der Hauptstadt befindet, die das gesamte Klima in der Umgebung vergiftet.
Oliva ist Begründer und gleichermaßen geistiger wie geistlicher Übervater des „Parlamento Jóven“:
Jugendliche lernen Politik in ihrem eigenen Parlament, mischen sich ein, veröffentlichen, laden zu Sitzungen ein. Das Niveau des Jugendparlaments übersteigt das ihrer amtlichen Kollegen beträchtlich.
Oliva lebt in großer Einfachheit inmitten eines seiner weiteren Projekte mit dem Namen „Mil Solidarios“  -  und er sagt, es sind schon mehr als tausend Personen, vor allem Jugendliche, die in den „Bañados“ anpacken, wo es Not tut.
Wie schon im letzten Jahr, treffe ich Paí Oliva (Paterchen Oliva, wie ihn die Leute zärtlich nennen) an einer verabredeten Stelle, das hört sich konspirativer an als es ist, der Grund ist ein einfacher: Man findet ihn nicht!
Bald sitzen wir im nicht sonderlich einladenden Büro des Achtzigjährigen  -  und sofort sind wir im Gespräch, das heißt ich beschränke mich auf Fragen und kurze Kommentare und habe kaum Zeit, mein Einfachaufnahmegerät einzuschalten.
Das Geld der Pro Paraguay Initiative, vorgesehen für ein juristisches Beratungsprojekt zugunsten der Armen aus den „Bañados“, brauche ich gar nicht erst aus dem Schuh zu holen: „Nehmen Sie es bitte wieder mit, der Gesamtbetrag für das Projekt ist nicht zustande gekommen, es ist mir nicht gelungen, bei Paraguayern Geld dafür aufzutreiben.“
Und eine sonstige Verwendung  -  bei seinen vielfältigen Aufgaben?? Nein, er will es nicht, er geht auf unser Entgegenkommen nicht ein, Geld ist nicht alles.

Und die Lage im Land, 14 Tage vor den Wahlen?
Oliva liebt die einfachen Metaphern: „Wenn jetzt nicht wirklich der Frühling kommt, werden wir mit dem gleichen schädlichen, 60 Jahre bestehenden ´continuismo´ fortfahren und werden damit zurückgefallen sein in die Epoche der Diktatur. Und das ist tatsächlich möglich! Das wäre eine wahrhaftige Schande für Paraguay!“
Und dann zählt er all die Missstände auf und legt dar, wie diese sich weiter verschlimmern würden, lässt auch die massive Abwanderung seiner Landsleute ins ehemalige Kolonialreich Spanien und das ungezähmte Eindringen der Brasilianer nicht aus:
„Es wäre ja eigentlich verlogen, unter diesen Umständen den zweihundertsten Jahrestag der nationalen Unabhängigkeit zu feiern.“
Zwei Bücher zeigt mit Pater Oliva, das Thomas a Kempis – Werk „Über die Nachfolge Christi“ (er weiß ,dass unsere Initiative in Kempen beheimatet ist), und das zentrale theologische Werk seines gleichaltrigen Kollegen Hans Küng, den er kennt und sehr schätzt. In diesem Werk, dessen Titel ich leider vergaß, habe er alles gefunden, was seine eigene christliche Laufbahn („...´carrera teológica´ sage ich nicht mehr ..“) bestimmt.
Er berichtet von den Elenden seines Viertels, von den drogensüchtigen, kriminellen Jugendlichen, den zahllosen Überfällen und Morden, von den routinemäßigen Übergriffen, bis hin zur Folter, von Seiten der Polizei. Auch er selbst ist bedroht, weniger von den Kriminellen als von möglichen Killern, die nach Auftrag eine unbequeme Stimme zum Schweigen bringen sollen.
Er zeigt mir seine „antibala“, die Weste „gegen Kugeln“  -  ein Achtzigjähriger!!!
Er bringt mich noch ein Stück  -  friedlich  -   „um die Ecke“:
„Pass´ auf dein Geld auf!“ Ich spüre die Scheine unter den qualmenden Socken, auf die ich mich jetzt mache.

Mittwoch, 09. April


Meine ersten Fahrradrunden im Botanischen Garten habe ich hinter mir: Was für eine Wohltat! Alte Bäume, einige trotz Kalenderherbst in voller Blüte, viel Grün über rotem Sand, frische Luft und vergleichsweise himmlische Ruhe! Nur der einzige Löwe brüllt kläglich (ein weiterer befindet sich unerklärlicherweise  -  oder weiß es einer?  -  im Nationalwappen Paraguays, obwohl es hierzulande überhaupt keine Löwen gibt!)
Ist das nicht zu idyllisch? Natürlich, erst einmal muss ich nämlich über die am meisten gefürchtete Avenida fahren  -  per Auto wohlgemerkt, mit dem Rad wäre Selbstmord!  -  aber auch so bin ich jedes Mal froh, wenn ich die vier km auf der „Avenida Artigas“ hinter mir habe, mein Rad aus der abenteuerlichen Werkstatt geholt und  -  wie all die anderen Leute kaninchengleich gejagt  -  die Straße überquert habe, auf deren ganzer Länge kein einziger Fußgängerüberweg ist, von einer Überführung ganz zu schweigen.
Um eine Schattenseite Paraguay kennen zu lernen, genügt das Erlebnis „Artigas“ als Beispiel:
Tote, Verletzte, Raserei und Rücksichtslosigkeit, schrottreife Autos  und Busse. Deren Fahrer sind gefürchtet für ihren kriminellen Fahrstil und die Tatsache, dass sie in der Regel straffrei ausgehen, da die Buslinien, eine wahre Goldgrube, von einflussreichen Bonzen unterhalten werden.
So, nun stehe ich also endlich vor dem Einlasshäuschen am Eingang des „Botánico“, zahle meine 1000 Guaraníes Eintritt (15 Cent) und erkundige mich bei dem Mann nach der aktuellen Sicherheitslage, das ist hier inzwischen so selbstverständlich wie die Frage nach dem Wetter oder der Uhrzeit.
No, tranquilo, hoy está pasando policia“, ich soll also beruhigt sein, heute sei eine Polizeistreife (1 Polizist auf 100 ha, hab´ nie einen gesehen) unterwegs.
Mich beruhigen mehr die vereinzelten Jogger  -  sogar zwei Frauen sichte ich  -  sowie die Tatsache, dass der letzte Überfall im Botánico 3 Monate zurück liegt, ich nur 100000 G. (ca. 13 Euro, man muss einem Räuber ein Angebot machen, sonst kann es auch übel ausgehen) und mein Rad, das dann sicher auch futsch ist, schon recht betagt ist. Die (Zweit-)Kamera habe ich allerdings dabei, macht aber nichts, wenn die futsch ist, da von Aldi, 50 Euro, taugt nicht viel.

Eine der größten Sorgen der Opposition in Bezug auf die Wahlen ist die reiche Erfahrung der Colorados in der Wahlfälschungspraxis: 10% Stimmenplus, so die Faustregel, muss Fernando Lugo einfahren, um nur den Anteil an Coloradostimmen „auszugleichen“, den diese Experten per Fälschung reinholen.
Da ist einmal die klassische Fälschung: Abkaufen der Personalausweise, Fälschung derselben, Manipulationen div. Art bei den Wählerlisten, Stimmabgabe durch Tote, Einschüchterungen (siehe oben), Unruhen anzetteln  -  um nur die wichtigsten zu nennen, die sozusagen im Vorfeld angesiedelt sind.
Dann gibt es die mannigfachen Formen der Manipulationen am Wahltag selber im, am und um das Wahllokal herum.
Es sind Dutzende, man kann sie nicht alle aufzählen, sie werden möglich durch die Art der Zusammensetzung der Wahlmannschaft (Übergewicht der Colorados), durch feingesponnene, taschenspielertrickähnliche Aktionen bis hin zu plumperen Formen wie z. B. Außergefechtsetzen des oppositionellen Wahlhelfers durch eine Gabe von Abführmittel im Mate-Tee.
„Tekojojá“ (Gleichberechtigung), Lugos eigentliche politische Hausmacht und jetzt Mitglied in der „Alianza Patriótica para el Cambio“, hat Wahlbeobachter geschult und noch mal geschult, in einer nie da gewesenen Anzahl und Intensität. Unser Partner Sixto Pereira, Mitbegründer von Tekojojá: „100.000 Paraguayerinnen und Paraguayer stehen am Sonntag bereit, den Betrügern ins Handwerk zu pfuschen, allein schon mit unseren Stimmen werden wir die Fälschungen begraben.“
Starke Worte, es wird sehr schwer, sie einzulösen.
Und schließlich sind da noch die Fälschungsmöglichkeiten nach der Wahl, da haben die Colorados ganz spezielle, bei ihrer internen Kandidatenwahl erworbene Kenntnisse, als sie unter der Führerschaft des Präsidenten Nicanor so lange täuschten und tricksten, bis der seine Wunschkandidatin Blanca Ovelar durchgesetzt hatte.

Freitag, 11. April

Entscheidung von einer Stunde auf die andere: Ich fahre nach San Pedro, Hauptstadt des gleichnamigen, ärmsten der paraguayischen Departamentos, in dem Fernando Lugo 11 Jahre als Bischof gearbeitet hat.
Genau dahin kehrt er nämlich an diesem Freitag Nachmittag zurück, für seine letzte Wahlveranstaltung an seinem ehemaligen Dienstort, ein „Heimspiel“ sozusagen, er wird dort geliebt und sehnsüchtig erwartet.
Hauptstadt? San Pedro ist ein verschlafenes, aber liebenswertes Nest mit vielleicht 10 bis 15000 Einwohnern, seit Ewigkeiten von den Liberalen regiert, die auch bei dieser Wahl wieder ihren Kandidaten durch bringen wollen, Lugo und das Wahlbündnis „Alianza Patriótica por el Cambio“ werden es leichter machen.

Ich nehme Emilia mit, Schulleiterin einer „Escuela Taller“, einer Werkschule, in welcher grob benachteiligte Jugendliche aus dem Hinterland um San Pedro praktische Fertigkeiten erlernen. (Das macht natürlich nicht der Staat, sondern eine mit spanischen Hilfsgeldern geförderte NGO). Unterwegs hält uns ein junger Polizist an, der mitten auf der Straße steht und die Fahrer bewusst im Unklaren lässt, ob er kontrollieren oder nur mitgenommen werden will.  Der da ist gar kein Verkehrspolizist, folglich darf er das sowieso nicht. Aber ich stehe schon brav, in Erinnerung an üble Erlebnisse, da ruft Emilia aus: “Den kenne ich doch, das ist Ramón, ein ehemaliger Schüler!“
Dann geigt sie ihm ihre Meinung, er wisse doch genau, dass ihnen forciertes Anhalten von Autos zwecks Mitnahme verboten wurde ...u.s.w.“
Tut gut, das Spiel „Polizei maßregelt Bürger“ heute einmal umgekehrt zu erleben. Ich entspanne die Situation  -  bereits zu dritt im Auto  -  und hole meine eiserne Ration HARIBO heraus, und als ich die Tüte so herum reiche, sehe ich etwas, das mir noch nie aufgefallen war: Auf der Tüte steht unten dick und groß  COLOR-RADO  -  also so gut wie COLORADO, nur mit einem Zusatz – R und dem Bindestrich. Ich erzähle Ramón, die Bonbons seien in Deutschland extra für die Colorados hergestellt, zur Unterstützung bei der Wahl, man habe es nur ein wenig verändert, damit die Werbung nicht so sehr auffalle.....
Ramón ist begeistert, zweifelt nicht einen Moment, der Schriftzug ist aber auch zu überzeugend. Das ist gemein von mir, ich gebe es zu, aber die Strafe folgt auf dem Fuße, als wir Ramón bei der nächsten Polizeistation absetzen. Er trommelt sofort seine zahlreichen compañeros zusammen (alle Polizisten sind Colorados, sonst wären sie keine Polizisten) und erzählt von den Wunderbonbons. Wir werden umzingelt, ich muss die Packung zeigen, großes Staunen und Stolz,  aber auch der Wunsch nach Einverleibung dieses magischen Produkts aus Alemania, hergestellt zu Ehren der COLOR-RADOS. Im Nu ist die Tüte leer, zu Hause habe ich noch welche, ich freue mich schon auf ihren Einsatz bei den höheren Polizei- und Militärkräften.

Esther Díaz, die in der Stadtverwaltung arbeitet und den liberalen Bürgermeisterkandidaten genau so unterstützt wie sie Fernando Lugo liebt, führt mich durch den Ort und in die Umgebung, ich sehe manches Schöne, das an Kolonialstädtchen erinnert, erlebe eine entspannte und äußerst geruhsame Atmosphäre, trotz des bevorstehenden Besuchs des Kandidaten.
Und auffallend aufgeschlossenen und freundliche Menschen. Für mich sind nach so vielen Tagen Aufenthalt in der hektischen Hauptstadt die Stunden hier in San Pedro die reine Erholung.

Esther spricht von der ganz besonderen Mentalität ihrer „sanpedranos“,  ein wacher Bürgersinn, gutnachbarschaftlicher Umgang und Solidarität seien hier zu Hause. Und die vielbeschrieben Kriminalität im Departament San Pedro?
„Sicher, in den Gebieten mit Marihuanaanbau gibt es Tote und Verletzte, meist machen das die Kriminellen unter sich aus. Aber auch einfache Bauern werden unter Druck gesetzt, wenn sie nicht die Droge anbauen wollen, bzw. wenn sie damit aufhören wollen wie jetzt, weil der Anbau von Sesam mindestens genau so viel einbringt.“

Um 6 Uhr morgens bin ich los gefahren, fast sechs Stunden habe ich für die 300 km  gebraucht, Lugo ist mit seinem rasenden Wahlkampfkonvoi sicher doppelt so schnell.
Um 16 Uhr soll die Veranstaltung beginnen, die Plaza ist schon um 15 Uhr zur Hälfte gefüllt, allenthalben Lugoplakate und Porträts, sogar die Vorderfront der schönen alten Kirche mit dem gesondert stehenden, hölzernen Glockenturm, in der Lugo seine „aufrührerischen“ Predigten gehalten hat, sieht wie verpflastert aus, was auch durch das Konterfei des Exbischofs nicht schöner wird.
Die Stimmung heizt sich auf, das will etwas heißen bei 35 Grad. Ich sehe viel ausgesprochen bürgerlich aussehende und angezogene Menschen, viel junges Volk, auch die Schüler der Werkschule, die Emilia leitet, sind fast vollzählig erschienen.
Einige Vorreden werden gehalten, auch ich habe als anscheinend einziger Ausländer vor Ort das Vergnügen, in einer kurzen Ansprache meine ganz persönliche Hoffnung auf einen Wandel im Land auszudrücken,  „ ....nach 35 Jahren, in denen ich mit vielen Menschen in Deutschland euer Land solidarisch begleitet habe. Alle wünschen wir uns Lugo als Präsident, mit ihm kann Paraguay endlich wieder anerkannt und ernst genommen werden!“

Die Musikgruppe mit den drei Harfenspielern, diesem für Paraguay so charakteristischen Instrument, hören mitten in der Polka auf, der Bürgermeister hat von Lugos Konvoi den erlösenden Anruf erhalten, und als er jetzt lautstark verkündet, „Monseñor Fernando“ sei soeben am Ortseingang angekommen, bricht ein gewaltiger Jubel aus, wieder mit dem stets skandierten „Se siente, se siente, Lugo presente!“
Als er endlich auf der Bühne steht, schwarze Hose, einfache Sandalen und weißes Hemd, kennt die Begeisterung keine Grenzen, und ich schaue lieber in die vielen Gesichter um mich herum als auf die Bühne, dazu ist noch Zeit genug.
Manche rot vor Freude, Aufregung und von der Hitze, manche  andächtig oder auch von Ergriffenheit gezeichnet. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, als sei den Leuten hier den Erlöser erschienen, sie feiern den Besuch „ihres“ Bischofs, der lange nicht mehr an seiner alten Wirkungsstätte war, den sie aus seiner Arbeit für die Campesinos ohne Land, die arbeits- und perspektivlosen Jugendlichen, die alleinerziehenden Mütter und die vergessene indigene Bevölkerung kennen. Hier in San Pedro fehlt auch die blasierte, steinreiche Oberschicht der Hauptstadt Asunción, wo einem wie Lugo eine Mischung aus Verachtung und Angst entgegen schlägt.
Erst reden die unteren Chargen, dann der Bürgermeister, und als Lugo endlich das Wort ergreift, ist der Jubel nur ganz kurz, danach herrscht eine fast gespenstische, erwartungsvolle Stille.
Ist Lugo ein guter Redner, hat er gar Charisma, kann er Menschen mitreißen  -  oft diskutierte Fragen, die sich an diesem Nachmittag in San Pedro auf unspektakuläre Weise beantworten:
Lugo redet langsam, ein wenig nuschelig (sind da noch Reste von tausendfach gesprochenen Litaneien?), aber seine Sätze sind klar und einfach.
Neben den sicher auch hier vorgestellten, eher umrissenen Regierungszielen  - Universales Gesundheitssystem, Bildungs- und Landreform, Schaffung von Arbeitsplätzen, Bau von Verkehrswegen  -   spricht er die Sojaproblematik an, die auch in San Pedro immer mehr sich zuspitzt: Wuchernde Landverbrauch mit genmanipulierter Soja, Bauern ohne Land, gewissenloser Einsatz von Pestiziden mit oft schlimmen gesundheitlichen Folgen für Anrainer, ein völlig ungebremster Ansturm von Brasilianern  -  er nennt das alles, und dennoch:
„Wir werden das Sojamodell, das wir allein schon wegen der Deviseneinnahmen nicht abschaffen können, versöhnen mit den vielen Formen kleinbäuerlicher Landwirtschaft, allerdings werden wir auf die Einhaltung nicht nur der Umweltgesetze achten und Vergehen bestrafen......Unsere Programme sind nicht radikal, sie sind rational.“
So in einem Interview, in San Pedro sagt er es in einfacheren Sätzen, aber ebenso klar. Lugo bedient keine Rache- oder Ausgrenzungswünsche, das Präfix „Pluri“ taucht bei ihm immer wieder auf. Pluri-ethnisch, pluri-kulturell, pluri-konfessionell, pluri-politisch  soll es im Land zugehen.  Sogar die Colorados lädt er ein zur Mitarbeit, den Hartleibigen gibt er auf, sich zu ändern.
„An unserer Regierung sollen sich alle Bevölkerungsschichten beteiligen, wir laden alle ein, mitzumachen!“
Am Ende der kurzen Rede reichen sie ihm einen großen Plastiksack, er greift
hinein und beginnt, Medikamentenpackungen in die Menge zu werfen.
Ich kann es nicht fassen: Macht dieser Mann das Gleiche wie die Colorados, die  zur Wahlwerbung Paracetamol und Vitamintabletten wie Kamellen über dem Volk ausschütten??!!
Ich erwische eine Packung, die  -  täuschend echt nachgemacht  -  mit Lugos Konterfei bedruckt ist und dem Hinweis, wozu dieses Medikament eingesetzt werden soll: „Tratamiento contra la Rosca Mafiosa“, also ein Mittel zur Bekämpfung der Mafiabande.
Ich muss sagen, dass ich sehr beruhigt bin.
Familiär geht es an diesem Nachmittag in San Pedro zu, Lugo erkennt in der Menge unter ihm immer wieder vertraute Gesichter, und als er plötzlich eines alten Mannes gewahr wird, mit dem ihn eine innige Freundschaft verband, muss er  mit seiner Rührung kämpfen, ein Kloß im Hals verändert die Stimme.
Mit einer rasanten Polka endet Lugos Familienbesuch bei mindestens 5000 Menschen, so viel wie nie auf diesem Platz versammelt waren.
Nach der Veranstaltung gemeinschaftliches Aufräumen des Platzes  -  nanu, was ist in die Paraguayer gefahren, das habe ich ja noch nie erlebt!

Es fällt dem Kandidaten sichtlich schwer, hier, wo er Seelsorger war, seine neue Rolle auszufüllen, ja den Ort überhaupt zu verlassen, die Bewacher und der Teamleiter müssen ihn regelrecht drängen. Aber wie soll er auch die vielen Menschen, mit denen er zu tun hatte und die nur kurz mit ihm reden, ihn umarmen oder ihm wenigstens die Hand geben wollen, einfach stehen lassen. Er kann es nicht, und er erscheint, mit entschuldigendem Gesichtsausdruck, viel später als vorgesehen, beim Imbiss und Abschied in dem restaurierten Kolonialhaus von Dona Miriam Vera. Auch Emilia und mich bittet die Hausherrin ganz selbstverständlich  mit hinein in den schönen Innenhof und anschließend an die Riesentafel, in deren Mitte der ehemalige Bischof kräftig zulangt. Eine Abendmahlassoziation erzeugt das Bild bei mir.
Der bullige Bewacher neben mir, der im Moment eher sein Essen bewacht als den Gefährdeten, hebt diesen Eindruck allerdings wieder auf. So wie der isst, hat damals bestimmt kein Jünger zugelangt ...

Samstag, 12. April

Gestern geriet ich zufällig in eine Demonstration der „Sintechos“ mitten im Zentrum von Asunción. Die gut organisierten Obdachlosen marschierten, mit Knüppeln bewaffnet, in Richtung Regierungspalast, ohne die Bannmeile zu beachten. Hunderte von Polizisten, auch Beamtinnen darunter, die gefürchteten sog. „Blauhelme“, berittene Polizei und fünf schwere Wasserwerfer, die schon zu Stroessnerzeiten die protestierenden Studenten auseinander getrieben hatten, hielten dagegen.
Im Nu entbrannte eine wilde Straßenschlacht, später beschuldigten sich beide Seiten, angefangen zu haben. Ich sah eine Gewaltorgie, sodass ich am liebsten weggelaufen wäre, erbarmungslos knüppelnde Polizisten, die sogar auf Frauen eindroschen und einen regelrechte Hetzjagd auf die Demonstranten veranstalteten.
Ich konnte  -  zusammen mit sofort erschienener Presse und Fernsehen  -  in Ruhe fotografieren, mein Hinweis „Journalist aus Alemania“ zog  wie fast immer.
Ein Polizeikapo redete auf mich ein und beteuerte, die Sintechos hätten angefangen, ich solle mal die eingesammelten Knüppel fotografieren, mit denen sie auf seine Beamten blutig geschlagen hätten.
Ich sah allerdings nur einfache Stöcke, die gegen die Polizeiknüppel aus Spezialmaterial wie Kinderspielzeug wirkten.
Festgenommene wurden  wie Kartoffelsäcke auf die Polizei – Pickups geworfen, allerdings nur, wenn vermeintlich kein Beobachter zugegen war.
Was geschieht mit ihnen? Alberto Rojas von den Sintechos ist sicher, dass systematisch misshandelt wird, er legt im übrigen dar, wie die Polizei bewusst die friedliche Demonstration eskalieren ließ.
Kein Beamter, der auch nur unfreundlich mir gegenüber gewesen wäre, sie wünschten mir einen guten Tag als handele es sich hier um einen „Tag der Polizei“, ließen sich seelenruhig fotografieren. Nur als ich den Regierungspalast ablichten wollte, hielt mich ein finsterer Offizier an und verlangte meine Papiere. Ich entlockte ihm, erstaunlich genug, die Begründung dafür:
Terroristen seien im Land unterwegs, aus Venezuela und Kolumbien eingeschleust, um Attentate gegen die Regierung durchzuführen, überhaupt Unruhe zu verbreiten, um die Wahl zu stören.
Dahinter stecke Lugo mit seinen guten Verbindungen zu den kolumbianischen FARC – Terroristen, ob ich nicht Nicanor gehört habe, der das bekannt gemacht habe ....
Fazit: Solches gefährliche Geschwätz eines Regierungschefs, der an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit operiert, kann gar nicht dumm genug sein, dass es nicht von beschränkten Polizeidumpfschädeln geglaubt wird, leider auch von so manch Unbedarftem im Lande.
Andererseits ist die Polizeiausbildung fortschrittlicher geworden, man hat in Schulungen gelernt, positiv „rüber zu kommen“ und sogar zu deeskalieren, hinter dem Rücken allerdings gehen Misshandlungen bis zur Folter weiter.
Und: Unter Stroessner hätte man sich für keine noch so brutale Schandtat Verständnis zu erreichen versucht, die Pressevertreter wurden regelmäßig als Staatsfeinde gleich mit verprügelt.

Sonntag, 13. April

Nicanor Duarte Frutos geifert wieder einmal gegen die Presse, die sei „verlogen und unprofessionell“  -  eher ein Lob, denn es zeigt, dass es  -  manche halten es für ein Wunder  -  durchaus eine regierungskritische Presse im Land gibt.
Nur habe ich den Eindruck, als gebe es eine Art stillschweigender  Übereinkunft
zwischen den Medien und den Colorados: „Wir dürfen über all eure Schandtaten berichten, weil wir beide wissen, dass dies ohne die geringsten Folgen bleibt.“  Beide großen Zeitungen, „ABC Color“ und „Ultima Hora“, berichten einigermaßen fair über Lugo, nehmen allerdings jeden Schwachsinn ins Blatt, den wer auch immer absondert. Ultima Hora ist Lugofreundlicher.

„Marcha de la Esperanza“  -  beim Marsch der Hoffnung ziehen 5 bis 10.000 Menschen friedlich, aber laut, von der „Catedral Metropolitana“ um ein großräumiges Straßengeviert und zurück zum Kongressplatz. Kerzen und Fackeln leuchteten zu Tausenden, ein wenig fühlte ich mich an den Martinsumzug in Kempen erinnert.
Lugo erscheint vor dem Eingang zum größten Gotteshaus des Landes, in dem noch am Tag zuvor der Erzbischof Cuquejo eine windelweiche Predigt zur bevorstehenden Wahl gehalten hatte, die mich vermuten lässt, dass zumindest er seinen ehemaligen Kollegen nicht wählen wird .
„Lugo, Lugo ...!“ Alles drängt, ich dränge mit in Richtung auf den Hoffnungsträger, als habe der ein Magnet eingebaut. Hektisches Hantieren mir der Kamera, dem Blitzgerät und den Objektiven   -  vielleicht hatte man mir da schon Geldbörse und Handy geklaut, für einen einigermaßen Geschickten seines Fachs kein Problem in diesem Gewühl.
(Das mit dem Handy tut weh, weniger wegen der relativ geringen Kosten als in der Vorfreude auf die mühselige Arbeit der Wiederbeantragung und  das Zusammensuchen der Nummern).
Ich kürze den Weg ab und stehe schon auf der großen Bühne  -  Kameraausrüstung, Reporterweste (von Aldi) und PPI-Ausweis machen es möglich  -  und kann prima Fotos von Lugo und der fahnenschwenkenden Menge unter uns machen.
Ich entdecke ein (Foto)jagdfieber an mir, wie ich es bislang nicht kannte.
Gleichzeitig beunruhigt mich die Frage, wer wohl all die Bilder sehen will.
Beim Heimtragen und Sichten der (Aus)beute bin ich folglich superkritisch und schmeiße so viel wie möglich raus.
Lugo steht vorn am Bühnenrand und reißt die Arme hoch, währen der einschmeichelnde Song der „Luguistas“ ertönt, mit dem Refrain „....Lugo tiene corazón“, den ich tausend Mal gehört habe. Dann spricht erst sein designierter Vize Federico Franco von der Liberalen Partei, der sich vor allem an die vielen Funktionäre (die meisten wohl abwesend) wendet, denen man eingeredet hatte, bei einem Wahlsieg Lugos flögen sie aus dem Amt: „Keiner  -  ob bei Polizei, Militär oder im öffentlichen Dienst, wird entlassen! Nur wer zu viel verdient und nichts dafür tut, nur wer das Volk bestiehlt, muss uns fürchten.“
Lugo, wieder im Outfit seines Ao poí – Stickhemdes, der schwarzen Hose und der Turnschuhe. Er sprach auch von Liebe zur „patria“, seinem Glauben an die Menschen des Landes und davon, das Land „mit Liebe“ reformieren zu wollen.
„Unsere Herzen gehören euch, wir sind ein Teil von euch. Unseren Sieg kann nicht einmal der Wahlbetrug verhindern!“  ....“Sie können weiter morden, wie sie es in der Stroessnerdiktatur gemacht haben“, spielte er auf das Attentat gegen ein Ehepaar aus seiner ´Tekojojá´- Bewegung an, „sie können uns verfolgen, aber die Hoffnung des Volkes stirbt niemals!“
„Die Mafiabande ist an ihr Ende gekommen! Sie fürchten uns! Aber wir hassen sie nicht, wir zählen sogar auf sie, aber sie müssen sich ändern, und viele werden sich einer sauberen, unabhängigen Justiz stellen müssen. Heute stehen wir hier in brüderlicher Umarmung, das ärgert sie, denn sie können sich  untereinander nicht verständigen.“

Unterdessen veranstaltet die „Asociación Nacional Republcana“ (ANR), so der offizielle Namen der Colorados, ihren letzten Großauftritt in der Stadt  -  mit Hunderten von Reitern, die vom Sitz der ANR zum Parque Caballero ziehen, wo sie später ihre Reitkunststücke vorführen.
Vorneweg, in einer prächtigen weißen Karosse und von der „Polca Colorada“ begleitet, zieht wie eine Königin Blanca (die Weiße) Ovelar, Ziehtochter des scheidenden Präsidenten Nicanor und Kandidatin auf seine Nachfolge.

Auf 6 Punkte hat sich nach neuesten Umfragen der Abstand Lugos auf seine gleichauf liegenden Verfolger, General Lino Oviedo und Blanca Ovelar, verkürzt. Nur Ovelar hat zulegen können.
Der Umfragen sind viele, sie haben mit den bei uns gewohnten ARD- oder ZDF-umfragen nur den Namen gemeinsam.

Papst Benedikt bewegt sich, er ließ verlauten, dass er im Falle einer Wahl seines abtrünnigen Schafes Lugo diesem den „Dispens“ erteilt, womit er ein normaler Laie wie du und ich würde und frei sein Amt führen könne,  „sodass man nicht mehr sagen müsste, ein Bischof übe das Amt des Präsidenten der Republik Paraguay aus“. Er habe zwar gegen Kirchengesetze verstoßen, sei aber vor den Gesetzen Paraguays „habilitiert“.
Auch gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber Papst Benedikt zeigt Lugo Verständnis und Verzeihensbereitschaft:
„Der Papst hat schlüssig reagiert, denn es gab noch keinen solchen Fall, ich verstehe, dass er keinen Präzedenzfall haben wollte.“

Montag, 14. April

Besuch im Hospital „Barrio Obrero“, dem ältesten Projekt der PPI.
Noch nie hatte ich einen so positiven Eindruck von der Kinderstation, durch die ich, begleitet von Dr. Cano, einen ausgiebigen Rundgang mache. Ich spüre die
Sorge um die kleinen Patienten, aber auch eine wohlwollende Haltung gegenüber deren Eltern, die ja oft stunden- oder gar tagelang ihrer Kinder betreuen. Es herrscht eine professionelle Arbeitsatmosphäre, die Station wirkt sauber und aufgeräumt. Wie auch im letzten Jahr ist die „Sala de Pediatría“ Motor und Vorbild für das ganze Krankenhaus.
Dr. Baudo, der behäbige ältere Kollege von Cano, hat eine Statistik der Belegung und der Krankheiten u.a.m. angefertigt, die er mir stolz übergibt.
Er hat sich mehr auf die Verwaltungsarbeit verlegt, gar nicht schlecht, denn motivieren und durch das eigene Beispiel Vorgaben machen  -  das ist Sache von Dr. Estanislao Cano, und es ist sicher auch in erster Linie sein Verdienst, dass die Station sich so entwickelt hat.
Ganz zweifellos spielt auch die Renovierung der Station mit Geldern der japanischen Botschaft eine große Rolle, Kacheln sehen besser aus als die alten verunzierten Wände.
Aber was da in einer Ecke steht, soll ein Kühlschrank sein?  Cano wirkt etwas hilflos, will weiter gehen. Verbeult, innen mit Folien geflickt, entnervend brummend, soll dieses Teil wichtige Medizin kühlen. Wir beschließen, einen Kostenvoranschlag einzuholen und einen neuen zu kaufen.
Wir verabreden eine neue Medikamentenlieferung, sie fällt  -  wie erfreulich  -  bescheidener aus als früher, da der Staat mehr als üblich getan hat. Das hört sich fast zu schön an um wahr zu sein, ist aber sehr relativ! Wer eine deutsche Kinderstation vor Augen hat und mir nichts dir nichts ins Barrio Obrero geriete, würde erst einmal einen Schock bekommen.
Die Medikamente habe ich gleich bei MEDEOR bestellt, zu gern würde ich ihre Ankunft im paraguayischen Zoll erleben und dokumentieren.
Es ist auch mehr in der Apotheke als sonst, weil das Gesundheitsministerium im Vorfeld der Wahlen großzügig war mit der unverhohlenen Bedingung, dass das Gesundheitspersonal die „Weiße Liste“ von Blanca Ovelar zu wählen hat.
Dr. Baudo zeigt mir eine Einladung der ANR und der „Asociación de Médicos Colorados“ an alle Beschäftigten des Hospitals zu einer „Cena de Confraternidd Republicana“ , einem „Abendessen republikanischer Brüderlichkeit“ mit Colorado – Kandidaten. Es ist geschmückt mit einem Foto von Blanca de Ovelar und enthält u. a.  die launige, aber unmissverständliche Formulierung „Blancos con Blanca“  -  die „Weißen“ (so nennt man Krankenschwestern und Ärzte) wählen weiß!“
Baudo hält sich bedeckt, er sei ein „aufgeklärter Colorado“ (was das wohl ist), Cano isst nicht mit, und er ist auch nicht für Blanca.

15.000 paraguayische Lugoanhänger aus dem argentinischen Exil, so die Schätzung, wollen zum Wählen in ihre Heimat kommen  -  per Auto, mit gecharterten Bussen und mit dem „Zug der Hoffnung“, eine Sonderfahrt der alten Eisenbahnlinie von Buenos Aires bis in die paraguayische Grenzstadt Encarnación, organisiert von der „Alianza Patriótica para el Cambio“ der Exilparaguayer.
„Die Stimmen der Paraguayer aus dem Ausland sind nicht käuflich, es sind Stimmen der Würde, der Erinnerung, des Widerstandes und der Hoffnung, die sich vervielfältigen“, so unter anderem sind die Waggons plakatiert.

Dienstag, 15. April

Auf der Anhöhe kurz vor der Stadt Caacupé, dem Wallfahrtsort mit der Nationalheiligen, ist der Treffpunkt für eine ganz andere Unternehmung, die „Wahlfahrt“ Lugos nämlich durch das bevölkerungsreichste und der Hauptstadt nächste Departament Cordillera. Die grünen Hügel haben zwar keineswegs Kordillerenformat, wie der Name vermuten lassen könnte, prägen aber eine anmutige Landschaft mit vielen kleinen Orten, u. a. die deutschen Gründungen San Bernadino am Ypacaraí – See und das oberhalb gelegene Altos.
Etwa 30 bis 40 Fahrzeuge parken am Straßenrand, Fahrer und Passagiere bilden eine Art Korridor und grüßen mit Trompetengetöse und unter Fahnenschwenken die vorbeifahrenden Autos.
(Dabei fällt mir wieder einmal auf, dass kaum Rücksicht genommen wird, kein Fahrer vom Gas geht, sie brausen fast alle, manche regelrecht aggressiv, durch die Menge  -  ein Wunder, dass nichts passiert)
Lugo erscheint in seinem großen roten Toyota, aufwendige Begrüßung, es dauert, bis auch der letzte Kandidat der lokalen „Alianza“ den Oberkandidaten umarmt hat.

Währenddessen beobachte ich ein kleines, uraltes Weiblein. Einen riesigen Ochsen an der Leine führend, kommt es den Hügel herunter, als ginge sie das Ganze überhaupt nichts an. Sie spannt das mächtige Tier dann seelenruhig und unter gutem Zureden in eine handgefertigte Zuckerrohrpresse ein, wo es auch bald seine Arbeit aufnimmt, sich geduldig im Kreis bewegt und so die hölzernen Zahnräder und Walzen bewegt, zwischen denen das von der Alten eingelegte Rohr zerquetscht wird. Brauner Zuckerrohrsaft plätschert in die große Aluminiumschüssel, bald lassen sich die ersten einen Becher einschenken.

Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung (CCDA)

Hilfsverein Solidarität - Solidaridad

Fundación Vida Plena

Kinderstation Hospital Barrio Obrero

Fundación Celestina Pérez de Almada

Padre Oliva - Bañados del Sur

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