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1992 - 2020
28 Jahre entwicklungspolitische Arbeit

 

Ein Reisebericht anlässlich der Wahlen (2)
von Hermann Schmitz † 30.03.2019
30.04.08     Klicks:2787     A+ | a-
Die Alte ist´s zufrieden, der Verdienst stimmt, sie wird bestimmt der „Virgen de Caacupé“ ein Dankgebet sprechen.
Lugo steht nun auf der Ladefläche eines Pickup, die Nationalfahne um den Hals, und los geht die „Caravana de la Esperanza“, auch wir hinterher, ruckizucki mit dem Suzuki... Mich begleiten Michael, Voluntär beim deutschen Käseblatt (er besteht selber auf dieser Bezeichnung) „Aktuelle Rundschau“ und die zierliche Sonja, die ein Praxisjahr bei der „Deutschen Industrie- und Handelskammer macht.
Die beiden sind mindestens ebenso daran interessiert, mal aus Asunción rauszukommen wie daran, Lugo im Wahlkampf zu erleben  -  und so sind sie auch nicht traurig, als wir nach der fünften Etappe den Anschluss an die Karawane verlieren und auf eigene Faust die Gegend erkundigen.

Vorher erleben wir einen Wahlkämpfer, der in jedem Ort die versammelte und seiner harrende Menschenmenge in seinen Bann zu ziehen vermag, meist nur 5 bis 10  Minuten, denn der Fahrplan sah an die 15 Stationen vor  -  Stress pur.
Oft gibt es nur einen Halt auf der Straße, die Ansprache von der Ladefläche herunter, das tut der Begeisterung keinen Abbruch.
70 % der Wahlstimmen werden  auf dem Land eingefahren, der Rest in Asunción und den wenigen größeren Städten.
Wir setzen uns ab nach San Bernadino am Lago Ypacaraí, verschlafen zu dieser Jahreszeit, schauen deutsche Siedlerhäuser an und bewundern das alte, nostalgische „Hotel del Lago“ aus dem vorletzten Jahrhundert, seit meinem letzten Besuch wundervoll restauriert von einem  -  Argentinier!                   

Mittwoch, 16. April

Die Schlammschlacht gegen Lugo geht weiter und nimmt immer heftigere und zugleich skurrilere Formen an. Dass der Exbischof ein Mittäter sein soll  bei der Entführung und Ermordung von Cecilia Cubas Grau, Tochter des Kurzzeitpräsidenten Cubas in 2001, wird vom wild gewordenen Präsidenten Nicanor gebetsmühlenartig  wiederholt, jetzt sieht man den Ex – Bischof auf einem Wahlkampfplakat der Coloradojugend sogar in Häftlingskleidung hinter Gittern.
„Lugo  -  der Antichrist“,   „ Gescheiterter Priester, vom Vatikan bestraft, weil er ungläubig und treulos war“, „krimineller Bischof“ u.s.f.  -  so wettert Duarte Frutos bei jeder Gelegenheit gegen den gefürchteten und gehassten Kandidaten der Alianza.
Duarte Frutos lässt keine keine Gelegenheit aus, auf die angebliche Präsenz ausländischer (sprich ekuadorianischer oder venezolanischer) Terroristen hinzuweisen, die nichts anderes im Sinn hätten, als das Land im Falle eines Wahlsieges von Blanca Ovelar zu destabilisieren.
Chávez reagiert darauf gar nicht, die ecuadorianische Botschafterin verbittet sich in selten undiplomatischer Klarheit die Verbreitung derartigen Unsinns, in Paraguay selber reagiert keiner mehr so recht auf den Amok laufenden Präsidenten. Das Team Lugo – Franco übt sich in Ironie.
„Die einzige Bombe, die wir einsetzen, ist die Wahlurne am Sonntag.“
Die Nerven liegen blank bei den Colorados, sie sind zwar machtbesessen und fühlen sich weiterhin als die Herren des Landes, sind aber nicht so dumm, dass sie nicht Wahlprognosen verstehen könnten.

Ab 17 Uhr ist Asuncions Zentrum heute in der Hand der Colorados, sie haben ihre Schlussveranstaltung, und die „Marea Colorada“, die rote Flut, ergießt sich über die Straßen und Plätze, um schließlich den großen Kongressplatz zu füllen.
Ich bin beeindruckt  -  und fast ein bisschen eingeschüchtert angesichts dieser tobenden Masse mit Tausenden roter Fahnen, markerschütternder Musik, brüllenden Rednern und viel Alkohol: Wie soll die “Alianza Patriótica para el Cambio“ am Sonntag dagegen halten?!
Sixto Pereira, jetzt Anwärter auf ein Senatorenamt der Alianza, vormals Leiter unserer Partnerorganisation „Ländliches Ausbildungszentrum“, beruhigt mich und meint seelenruhig: „Das ist ihr letzte große Aufmarsch, ab Sonntag ist Schluss damit!“
Woher nehmen die alianzistas ihre Sicherheit, ist das nur Taktik, machen sie sich etwas vor? Die letzten Umfragen sahen Lugo doch nur noch sechs Punkte vor der Konkurrentin  -  aber der Optimismus eines Sixto und all der anderen  wirkt keineswegs blauäugig.
Dann wäre das, was der Präsident da gerade auf der Bühne aufführt, ja nach Lesart der Herausforderer sein letzter großer Auftritt?  Nicanor wütet und tobt, springt bei seine heftigsten Redepassagen wie eine Gummipuppe in die Luft, das hat etwas von einem Rockstar  -  unfreiwillig allerdings.
Gerd Dilger von der „taz“ ist wieder mit mir “oben“, wir schauen gemeinsam diesem seltsamen Spektakel zu. Ich fühle mich  an Rumpelstilzchen erinnert, weil die ganze Wut über den nicht auszuschließenden Erfolg dieses verdammten Bischofs sich in diesen grotesken Sprüngen entlädt.
Die Rede ist substanzlos, das tut dem Jubel  allerdings keinen Abbruch, der auf jeden noch so platten patriotischen Satz oder eine Beleidigung des politischen Gegners begleitet.
Blanca Ovelar, schwarze Hose und rotes Jackett, wirkt wenig überzeugend, als sie zu Beginn ihrer Ansprache erst einmal die üblichen Elogen auf ihren Förderer Duarte Frutos ablässt, das hört sich allenfalls wie eine Pflichtübung an.
Sie ist ihm rhetorisch weit überlegen, formuliert geschickt in klarer und akzentuierter Sprache  -  und man spürt die akademische Herkunft der Psychologin. Trotzdem war es eine Rede ohne Inhalt, wie die „Ultima Hora“ am Folgetag richtig vermerkte, ein Lehrstück in Sachen Leerstück.
Mit schöner Regelmäßigkeit begegnen sich Gerd Dilger, u. a. Korrespondent der „taz“ mit Wohnsitz in Porto Alegre/Brasilien, und Hermann Schmitz, Hobbyjournalist der PPI. Wir beide verstehen uns prima und freunden uns kollegial an. An den unmöglichsten, da eigentlich unerreichbaren Orten, treffen wir aufeinander. Er schafft das vermittels seines Presseausweises, obwohl auch das nicht immer so selbstverständlich geht  -  und ich mit dem selbstgebastelten Plastikanhänger, sorgfältig eingeschweißt, mit Foto versehen und mich als PPI-Korrespondenten ausweisend. Dazu die dicke Kamera hoch gehalten (das neue Weitwinkelobjektiv hat sich allein dafür schon bezahlt gemacht) und etwas von „Jornalista de Alemania“ gemurmelt  -  und schon ist man drin.
Das heißt meistens drauf, nämlich auf der Bühne, wo man mit der diversen Prominenz auf Tuchfühlung ist, noch intimer mit „Kollegen“, unter denen es bisweilen heftige Rangeleien gibt um den besten Platz.
Gerd und ich blinzeln uns dann vertrauensvoll zu, blitzen uns auch gern zwischendurch, die Fotos tauschen wir dann aus, auf diese Weise habe ich endlich einmal auch Fotos von mir.
Ein Genuss besonderer Art, auch diesen Coloradobonzen einmal so nahe zu sein, deren Charakter sich erstaunlicherweise oft in ihrer Hässlichkeit auszudrücken scheint. Ihr Verlangen, von uns abgelichtet zu werden, bleibt davon ganz unberührt. Gerd und ich allein könnten ein ganzes Fotoarchiv füllen.
Er fragt sich nach der Verwendung desselben, da leider selten seine eigenen Fotos zur Illustration seiner Berichte genommen würden (da greifen die Zeitungen in aller Regel auf Agenturen zurück)  -  und mich quält der Gedanke, dass das ganze schöne Material kaum Verwendung finden wird. Also übe ich mich weiterhin im Löschen, bis die Maus quietscht, Dutzende Lugos, Blancas etc landen im elektronischen Papierkorb.

Donnerstag, 17. April

Derselbe Ort, die selbe Bühne, die gleiche Veranstaltung, dieses Mal allerdings sind die Fahnen und Plakate blau, das ist die Farbe der Liberalen.
Und was sofort ins Auge fällt: Die Menge ist größer, bestimmt an die 100.000 Menschen drängen auf den Platz, der sich fast in seiner ganzen Länge bis hin zur Kathedrale füllt.
Auch die Musik ist eine andere, anspruchsvoller, lebendiger und von Livegruppen im Wechsel dargeboten. Daniel Viglietti, der legendäre Sänger aus Uruguay, ist unter ihnen, auch eine bekannte argentinische Sängerin, die nicht nur durch ihre Lieder, sondern auch mit ihren Worten der Solidarität Jubelstürme auslöst.
Ist es Einbildung, oder sehen auch die Menschen anders als gestern aus, freundlicher, entspannter? Ich jedenfalls bin sicher, hier „das andere Paraguay“ zu sehen, das sich so entschlossen, kämpferisch und geeint nie zu Wort gemeldet hat.
Wir haben wieder unseren sicheren Platz auf der Bühne, diese euphorische Menge hoffnungsfröhlicher Menschen von hier oben zu sehen, ist eindrucksvoll.
Ich habe sogar José, 16jähriges befreundetes Fußballtalent, mit hinein lotsen können, dazu reichte es, in einem lustvoll radebrecherischen Spanisch zu sagen, ihn brauche ich dringend als Übersetzer. José war selig.
Auch hier natürlich stürmische Begrüßung von Lugo, den man zur Verwunderung vieler Skeptiker mit seiner zahlreichen Begleitung auf das Dach des neuen, modernen Kongressgebäudes ließ, von wo aus er die Szenerie überblickte. War das schon ein symbolischer Akt  -  das vorweg genommene Sicheinrichten im wichtigsten Politgebäude?
„Am Sonntag wird Paraguay als Volk wieder auferstehen!“ ist der zentrale, sich religiöser Symbolik bedienende Satz, den Lugo an den Anfang seiner kurzen Ansprache stellt, und jede und jeder da unten versteht ihn und wünscht genau das von ganzem Herzen.
„Ich habe zwei Nachrichten für euch, eine schlechte und eine gute: die schlechte ist, dass die Diebe, die unser Land ´entführt´ haben, mitten unter uns sind. Die gute Nachricht ist, dass ihnen nur noch drei Tage bleiben, weil wir mit euch allen die Hoffnung und die Würde des Volkes wieder zurück gewinnen werden!“
Den paraguayischen Frauen, der Jugend und der indigenen Bevölkerung  widmet er je einen besonderen Redeteil:
„Schluss damit, dass die Frauen und Mütter des Landes, die ich so sehr wertschätze, nur in Wahlkampfzeiten medizinische Betreuung erhalten  -  sie haben das ganze Jahr Anspruch darauf! Die Jugend ist für die Allianz immer eine ´Leidenschaft ´gewesen, wir wollen ihren Anspruch einlösen, glücklich zu sein!“ In Guaraní wendet er sich an die Urbevölkerung, sie sollen wieder von Wäldern träumen können.
„Ich werde nur euer Weggefährte sein, ihr werdet die Sieger am Sonntag sein, die Gewinner. Seid stark und habt Ausdauer!“
Ich bin nicht der Einzige, der besorgt und beunruhigt ist  -  besorgt wegen eines vorweg genommenen Sieges, der womöglich in eine gigantische Enttäuschung umschlägt, beunruhigt aufgrund von Gerüchten von „Gegenmaßnahmen“ der Colorados zur „Rettung des Vaterlandes“.

Ich  habe wie immer „Kiki“ dabei, den kleinen Spielzeughahn meiner Enkeltochter Kira, der ihr und ihrem Bruder aus Paraguay schreibt und von seinen Erlebnissen erzählt.
(Einmal, im letzten Jahr, war der kleine Hahn auch bei einem Abendessen mit Lugo und Sixto dabei und hatte sich dem Kandidaten als Leibwächter angeboten. Lugo lehnte lachend ab, er brauche ´noch´ keinen Wächter. Zum Ausgleich spielte er aber ein wenig mit dem Hähnchen.)
Dieses Mal soll Kiki etwas Besonderes zu berichten haben!
Langsam aber auffällig nähere ich mich der Sitzreihe mit Lugo, Federico Franco und weiterer Prominenz, Kiki schaut aus der oberen Jackentasche heraus, ich rücke weiter vor. Ein Bulle wird unruhig, was führt der erwachsene Mann da mit diesem Spielzeug im Schilde. Ich muss Kiki zur Prüfung übergeben, er wird als unbedenklich eingestuft. Jetzt aber zurück zu den Presseleuten, „porrr favorrr“!!
Aber Lugo hatte Kiki längst wieder erkannt, so einen Hahn kriegt man ja nicht alle Tage angeboten. Er rief mich heran, die Bullen machten Platz, und schon hatte Kiki den Besitzer gewechselt.
„Fernando, Kiki ist, wie du ja schon weißt, ein starker Hahn, jetzt brauchst du ihn, er wird dich beschützen. Das möchte auch Kira, sie schenkt ihn dir!“
Lugo nimmt Kiki dankend entgegen, bestellt Grüße an die Enkel, ich schieße noch ein Foto, damit ist mein Beitrag zum Schutz des möglichen neuen Präsidenten Paraguays erfüllt, mehr kann man doch nun wirklich nicht tun!
Kiki wird nicht Geschichte schreiben, aber ich kann den Enkeln eine schöne Geschichte aufschreiben ....
(Diebisch täte es mich freuen, wenn in irgendeiner Zeitung der Welt ein Foto mit Lugo auftauchen würde, auf dem man ein merkwürdiges Tierchen in seiner Hand auszumachen glaubt. Ist dieser Lugo vielleicht doch nicht ganz dicht .   .?)

In Asunción werden verdächtige „Ausländer“ in Polizeigewahrsam genommen. Als Nicanors „soziale Aufrührer aus dem Ausland“ ausgemacht, müssen sie nach ein paar Stunden wieder frei gelassen werden, es sind kolumbianische Fußballfans.
Die Beziehungen zu Ecuador, Venezuela und Bolivien sind auf einem Tiefpunkt.
Lugo erscheint nicht zur  Fernsehdebatte bei „Telefuturo“, er sagt eine Stunde vorher ab, das Bild der Diskussionsrunde mit dem leeren Stuhl beherrscht die Titelseiten, es gibt heftige Diskussionen. Als wahrscheinlichster Grund wird die Version gehandelt, man habe eine Frau mit drei Kindern überraschend in die laufende Sendung einschleusen wollen, die verkünden sollte, dies sei Lugos Brut. Dass die allermeisten, mit  denen ich spreche, dies für absolut möglich halten, ist schon ein ganz eigenes Ding!
Moderator Humberto Rubín ist so sauer, dass er öffentlich Lugo zuruft: “Für mich bist du gestorben! Wenn du dich eine Stunde vor der Debatte  entscheidest, nicht zu erscheinen, was kann das Land von dir erwarten?!“

Die „Organisation amerikanischer Staaten“, die Wahlbeobachter nach Paraguay entsandt hat, übt heftige Kritik an den Wahlmodalitäten und bekräftigt ausdrücklich die Kritik der Allianz an fehlender Transparenz. So sollen die vorläufigen Ergebnisse nur von Coloradowahlhelfern ausgegeben werden.
Man kann die Einwände gar nicht mehr zählen, die  -  in ihrer Mehrzahl berechtigt  -  von der Allianz inzwischen vorgetragen werden.
Auch das Oberste Wahlgericht ist schon lange in der Schusslinie. Mehrheitlich mit Colorados besetzt, verwechseln diese ihr Wächteramt mit Parteinahme für ihre Partei.
Sixto ist trotzdem entspannt: “Noch nie hatten wir so viele freiwillige Wahlbeobachter, auch Scharen von Jugendlichen sind dabei. Wir haben sie monatelang geschult, die Colorados haben diesmal keine leichtes Spiel wie früher. Aber sie glauben immer noch, es ginge so weiter mit ihnen.“

Samstag, 19. April

Völlige Ruhe herrscht in Asunción, einen Tag vor der Wahl. Und Alkoholverbot. Die, welche samstags immer ihr Wochenendbesäufnis starten, tun das auch jetzt, fallen aber weniger auf.
Keine Wahlwerbung mehr, nur noch gespannt auf den morgigen Sonntag blicken  -  „starren“ wäre der passendere Ausdruck für die Colorados, die Angst haben und spüren, dass nach über 60 Jahren ihre Stunde als Staatspartei geschlagen haben könnte.
Ich schreibe und telefoniere, „Kollege“ Dilger rotiert mit all seinen Schreibverpflichtungen für verschiedene Zeitungen in Deutschland und Österreich. Auch wegen der 6stündigen Zeitverschiebung gerät er aus dem Tritt und macht oft die Nacht zum Tage. Mir geht es nicht viel anders. Mir dämmert zudem, dass ich Zeuge eines für Paraguay wahrhaft historischen Ereignisses werden könnte, bislang war nur die vage Hoffnung, war Hektik und Anspannung.

Die neue Kinderhortleiterin vom Großmarkt, Elisabeth Gavilán und ich laden viele Leute zur Eröffnungsfeier des neuen Gebäudes ein, auch Martín Almada  und Frau Maria Stella, die ich mit Gerd Dilger besuche, wollen kommen. Martín will bei der Gelegenheit mit Elisabeth über seinen Plan sprechen, im Hort von den Kindern Bananenchips fabrizieren zu lassen  -  natürlich mit Sonnenenergie.
Bananen gibt es dort genug, geschenkt oder zu Spottpreisen, die Trockenanlagen liefert seine Solarstiftung, und die Bananen„bonbons“   -  von Kindern hierzulande weit lieber gegessen als die langweiligen Bananen  -  sollen die Ernährung verbessern helfen.

Das Thema Itaipú, die ungerechten Preise, die Paraguay für sein „goldwertes Wasser“ erhält, beherrscht seltsamerweise einen Tag vor der Wahl die Berichterstattung bei der größten Tageszeitung „abc color“.
Das werde der „clavo“, der Stachel im Fleisch, für Lugo. In der Tat ist es sein Thema  -  mit dem Ziel, mehr Gelder für die Armutsbekämpfung frei zu haben.

Auch hier in der Pension gibt es nur ein Thema: Wie geht es morgen aus?
Die jungen Leute sind in ihrer Mehrzahl ziemlich unpolitisch, Gerd und ich übernehmen ein wenig die Rolle der Erklärer und Vermittler. Man hört uns zu und fragt, das freut uns.
Der blut(wurst)junge deutsche Unternehmer, der hier Wurst in großem Stil herstellen will, hat die Sorge im Sinn, ob Lugo seinen Würsten schadet, ich versuche ihn zu beruhigen. Eine Studentin scheint nicht besonders interessiert. Nur Graciela, die Hausangestellte, ist im Lugofieber, wir beide waren uns noch nie so nahe.

Sonntag, 20. April

Martín Almada hat mich eingeladen, ihn zu besuchen „an diesem besonderen Tag“, ich solle Gerd bitten, mitzukommen. Wir nehmen gern an, zumal Almada um 9 Uhr in dem nahe gelegenen Colegio seiner Wahlpflicht nachzukommen.
So können wir ja unsere private Wahlbeobachtung bei einem prominenten Bürger des Landes beginnen.
Juan Bordenave, der achtzigjährige, springlebendige Soziologe, ist schon da, ich kenne ihn aus früheren Jahren, wir hören interessiert den Einschätzungen und Analysen de beiden klugen alten Männern zu, und ich komme mir ein wenig „alt“ vor.
Das „Colegio Maria Auxiliadora“ liegt praktisch um die Ecke, wir spazieren durch einen wunderschönen, sonnigen Morgen und sind dann, als wir um die Ecke biegen, erstaunt, wie viel Bewegung da schon ist.
Hunderte Menschen von 18 bis 88 stehen, sonntäglich gekleidet, jeder wie er kann, vor den insgesamt 30 Wahltischen und warten geduldig und äußerst diszipliniert, bis sie an der Reihe sind.
Das Verfahren pro Wähler dauert relativ lange, da kompliziert und mehrere Politikebenen einschließend. Der obligatorische Fingerabdruck mit Tinte ist Routine, manche lassen sich sogar den Finger mit Klopapier säubern.
Die Tische sind gut besetzt: Parteienvertreter als Beobachter, „Bevollmächtigte“ der Parteien außerdem, Wahlleiter und Wahlhelfer.
Seitlich hocken Jugendliche, einige auch aus Pater Olivas „Parlamento Jóven“, die als private „Observadores“ mit heiligem Ernst alles genau verfolgen.
Martín hat noch einen Wähler vor sich, lässt aber immer wieder dem nächsten den Vortritt, weil er sofort von Reportern umzingelt ist, denen er bereitwillig Live – Kommentare in die hingehaltenen Mikrofone spricht, die oft nur Handys sind. Das ist sein tägliches Brot, seine Kommentare sind scharfzüngig und kompromisslos wie immer, und die mitgekommene Maria Stella, als Argentinierin nicht wahlberechtigt, zuckt mehr als einmal zusammen und denkt vermutlich schon an weitere Klagen gegen ihren Mann.
Drei Verfahren hat Martín zur Zeit am Hals  -  wegen übler Nachrede und Beleidigung, mit erheblichen Geldsummen bewehrt. Er sagt öffentlich den Personen, die ihn haben verfolgen und quälen lassen in jenen schrecklichen Jahren der Diktatur, seine Meinung ins Gesicht. Er kann belegen, verfügt er doch über das reiche „Archiv des Terrors“, verklagt wird er trotzdem, Recht bekommt man in Paraguay nach politischer Farbe und nach Geld.
Ob Almada immer klug handelt, sei dahin gestellt, zumindest seine Frau zweifelt bisweilen daran.

Siesta, Ausruhen vor dem Sturm, Nachholen reichlich versäumten Schlafes.
Was dann folgt, ist eine Abfolge von sich steigernden Höhepunkten, was ja eigentlich nicht geht, man lasse mir den inflationären Sprachgebrauch in diesem Fall durchgehen ....

Zuerst ins Quartier von Tekojojá, der Basisbewegung Lugos und gleichsam seine politische Wiege.
Hier wuseln die Aktivisten durcheinander, ich begrüße alte Bekannte und treffe auch solche, die ich gar nicht bei Tekojojá vermutet hatte.
An Tafeln werden die ersten eingehenden Meldungen zur Wahl geschrieben, an Computern sitzen Frauen, die mit Daten hantieren.
Es ist 16 Uhr, um 17 Uhr schließen die Wahllokale, die Spannung wächst, erste von Kollegen eingehenden gute Resultate lösen  -  noch sehr verhaltenen  -  Jubel aus, der aber schnell wieder verstummt.
Wir warten auf die klassische erste Wählerumfrage „Boca de Urna“ nach Schließung der Wahllokale, die zumeist recht genau am Endergebnis liegt.
Sixto erscheint, wird freudig begrüßt, sehe ich in dem langjährigen Freund und Partner schon den zukünftigen Senator? Komische Vorstellung! Sixto in üblichen Jeans, kurzärmligen Hemd und ausgelatschten Turnschuhen  -  wie passt das zusammen?
Er kommt gerade aus dem 150 km entfernten Juan de Mena zurück, wo er in seinem Wahlkreis seine Stimme abgegeben und anschließend seinen alten Campesinovater besucht hat. Sechs Stunden Fahrt, so ganz nebenbei.
Welche Kräfte verleiht dieses heiß ersehnte Ziel den Menschen, da habe ich immer wieder gestaunt.
Ich flachse: „Willst du so zur Vereidigung erscheinen, wie damals unser Minister Fischer?“ Kann er sich vorstellen.
17 Uhr  -  dann noch mal eine halbe Stunde warten, dann verkündet „Canal 9“ das Ergebnis der „Boca de Urnas“. 43 % für Fernando Lugo von der  „Alianza Patriótica para el cambio“, 37 % für Blanca Ovelar von den Colorados.
Erstaunlich weit abgeschlagen der General mit knapp über 20%  -  aber das ist jetzt nicht wichtig:
Ein unbeschreiblicher Jubel, Umarmungen, Küsse, gestammelte Sätze, ungläubige Gesichter  -  das Unfassbare, vor nicht allzu langer Zeit nicht für mögliche gehaltene Unmögliche scheint erreicht zu sein. Ist es zu fassen?!
Aber Vorsicht!  Einige raten, mit der Euphorie sparsam umzugehen, den stabilen Trend abzuwarten und die (Re)aktionen der Colorados.
Draußen auf der Straße ein Gefühl, als sei die Zeit angehalten worden, verstärkt durch beinahe stille Straßen ohne Autos.

Wir fahren ins „Hauptquartier“ der Alianza gegenüber dem Busbahnhof, lassen den Wagen weit vorab stehen, was sich als klug erweist. Autos kreisen hupend um den Block auf Parkplatzsuche, der Eingang ist belagert von einer ansehnlichen Menge, und wir kommen auch nur rein mit den echten und unechten Ausweisen und viel Überredung. Grund ist natürlich die Anwesenheit von Lugo.
Die riesige Halle von an die 1000 m2 mit dem balkonartigen ersten Stockwerk vibriert. Oben verraten zwei schwerbewaffnete Polizisten vor einer unauffälligen Tür Lugos Anwesenheit im Raum dahinter. Wieder die Reporterschlacht um den besten Platz zum Fotografieren, wenn „er“ raus kommt.
Ich ziehe diesmal den kürzeren, was soll´s, ich habe Lugo bis zum Abwinken.
Kurze Ansprache, „...am Pantheon de los Héroes sehen wir uns wieder.
Dass er überhaupt redet, wird als Zeichen dafür gesehen, dass auch er inzwischen an einen Sieg glaubt, alle anderen im Saal haben längst den neuen Präsidenten bejubelt.
Viele Kämpferinnen weinen (Männer tun sich in Paraguay noch schwer mit Tränen), fallen sich um den Hals. Was haben wir gearbeitet bis zum Umfallen!
Wie verzagt waren wir zwischendurch! Aber wir haben durchgehalten, wir jagen Nicanor aus dem (Regierungs)-Palacio López! Was für ein Tag!
Und immer wieder höre ich das Wort „histórico“  -  qué dia histórico!
Der stärkste Bündnispartner der Alianza, die liberale Partei (PLRA) ist routinierter, aber auch sie erleben ihren ersten richtigen Wahlsieg.
Weil sie die üblichen Parteiegoismen zurück stellen konnten  -  hoffentlich bleibt das so!
Die bange Frage überhaupt, hinter all dem Jubel  -  aber das darf nur ich in diesem unbeschreiblichen Augenblick sagen  -  lautet: Wird Lugo das Bündnis zusammen halten können, das für viele ein „Saco de gatos“, ein Sack voller Katzen, ist?

Dritter Teil, öffentliche Jubelfeier mitten in Asunción vor und um den „Panteón de los Héroes“. Hier feiert jetzt das Volk, und die Bude wackelt! So viel Jubel, ausgelassene Freude und unbändige Genugtuung habe ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt! Es ist ergreifend, ich kann meine tiefe Berührung nicht verbergen  -  und will es auch gar nicht, teile ich sie doch mit so vielen, die mir, dem Fremden, die Hand schütteln, mich umarmen. Das ein „alemán“ sich fast genau so freut wie sie selber, steigert offensichtlich noch ihre euphorische Stimmung.
Hier ist keiner, der nicht über eine üble persönliche  Erfahrung mit diesen vergangenen Colorado-Regierungen zu berichten wüsste, manch einer hat „mit denen“ noch eine Rechnung offen. Aber Lugos konstantes Mahnen für einen friedlichen Übergang, nach Aussöhnen mit den vergangenen Feinden, scheint nicht umsonst gewesen zu sein, ich erlebe keinen Hass, nur grenzenlose Genugtuung.
Hier sind auch die an der Feier beteiligt, um die es der neuen Regierung vornehmlich geht: Da sind die Schuhputzer, die Autobewacher und Wagenwäscher, die Kleinhändler von ihren lumpigen Ständen und die Kräuterverkäuferinnen.
Auch die ganz Elenden aus der „Chacarita“ sind in Scharen gekommen und die wilden Jugendlichern, einige auch alkoholisiert oder gar im Drogenrausch. Bin auch ich benebelt, oder glaube ich schon jetzt einen anderen Gesichtsausdruck, gar eine andere Haltung bei ihnen zu bemerken, erst recht, als Lugo sie später in bewegenden Worten anspricht.
Über sie ist schon viel geredet worden, als „Wahlhelfer“ sind sie auch oft genug mit falschen Versprechungen zugequatscht worden, aber mit ihnen hat noch niemand so geredet, auf den Hunderten von Begegnungen im ganzen Land, bei denen Lugo ihnen stundenlang zugehört und ihre Nöte ernst genommen hat.
Bei aller Freude passe ich gut auf Kamera, Geldbörse und Handy auf, einmal Klauen reicht, und die Jugendlichen werden mir bestimmt nicht sympathischer, wenn sie mich um einiges davon erleichtern.
Die Kamera  aber ist wieder einmal mehr gefährdet beim Gerempele und Geschubse auf der verlängerten Lastwagenladefläche, die als Bühne dienen soll.
Irgendwie schaffe ich es wieder nach oben, Gerd ist auch schon da, und was wir da sehen, lohnt die Trickserei allemal. Es ist das spontane, unorganisierte, vor dem angestrahlten Allerheiligsten, dem Pantheon, stattfindende Volksfest, das noch eindrucksvoller ist als es die Veranstaltungen in koordiniertem Rahmen waren.
Erst als Lugo erfahren hat, dass die Konkurrentin Ovelar eindeutig seinen Wahlsieg im Fernsehen bestätigt und sogar von einer Niederlage der Colorados gesprochen hat (auch Nicanor!), kommt er auf die Bühne, und es bricht fast eine Art Begeisterungspanik aus. Sein erster Satz:

„Jetzt beginnt in Paraguay die Demokratie!“

Er dankt allen in bewegten Worten, bittet gleichzeitig um die Mithilfe aller und lädt auch die Wahlverlierer ein.
Lange lasse ich mich in der Menge treiben, juble mit ihnen, Wildfremde umarmen mich, weil sie auch meine Freude und Bewegung spüren.

Ich bin glücklich: 35 Jahre haben wir dieses geschundene Land begleitet, viel haben wir zurück erhalten, hatten fast den Glauben an eine Veränderung aufgegeben, und jetzt hat eine Bewegung aus dem Volk, aus der Zivilgesellschaft  -  in einem historischen Bündnis mit veränderungsbereiten
Parteien und unter der charismatischen Führung eines ehemaligen Bischofs, der überzeugt was, als Politiker noch mehr für die Menschen tun zu können  -  alle zusammen haben sie das unmöglich Erscheinende geschafft.
Und es freut mich besonders, dass alle unsere paraguayischen Partner an dieser Entwicklung Anteil haben!
Ich denke an meine Familie, die Freunde und Mitglieder der Paraguay Initiative und all die, denen wir dieses vergessene Land näher bringen konnten, und ich weiß, dass sie alle sich jetzt mit den Paraguayern und mir mitfreuen.

Graciela fällt mir am nächsten Morgen um den Hals, sie ist die glücklichste Paraguayerin, die ich kenne. Und ich bin der glücklichste Ausländer.

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