|
Im Oktober des letzten Jahres war Hermann Schmitz, Leiter der Pro Paraguay Initiative, zuletzt in Paraguay unterwegs - folgende skurrile Geschichte hat er mitgebracht:
Schalke 04 goes Paraguay (eine wahre Geschichte aus einer wahren Bananen-Republik)
56 Schalke-Trikots minus 5 Schalke-Trikots minus 1 Schalke-Trikot plus 1 Schalke-Trikot plus 5 Schalke-Trikots minus 1 Schalke-Trikot plus 1 Schalke-Trikot (und noch „1 im Sinn“) Die obige Gleichung scheint „Banane“. Vielleicht wird es ja interessanter, wenn ich die einzelnen Rechenschritte - vorwärts und rückwärts - einmal nachzeichne. An den Anfang stelle ich - original - den ersten Tag aus meinem Reisetagebuch:
“Asunción, 15. Oktober 2005
|

|
Alte DC - Maschine im Flughafen Asunción
|
|
Es ist doch ein ganz anderes Gefühl, auf dem „Pettirossi“ - Flughafen in Asunción zu landen, wenn man weiß, dass endlich die seit Jahren kaputte Radaranlage erneuert und auch sonst ein bisschen gewerkelt wurde am „Aeropuerto Internacional“. Und tatsächlich erkenne ich beim Blick durch das Flugzeugfenster Ausbesserungen im Rollfeld, es wachsen keine Sträucher mehr aus den Betonritzen, beim Rollen der Maschine in die Parkposition rappelt es deutlich weniger als es früher der Fall war.
Die Gestalten, die den Reisenden im Flughafengebäude erwarten, lungern aber noch genau so herum wie eh und je; es wird nicht deutlich, was die da eigentlich sollen. Wohl aber, was sie wollen: Nachdem er sämtliche sechsundfünfzig Schalke 04 –Fußballhemden, bestimmt für die Landwirtschaftsschüler in Juan de Mena, ausgiebig durchwühlt hat, will der fette Zollmensch das besonders schöne Torwart - Trikot von mir haben!! Er hat es sich erst vor die Wampe gehalten - man muss schließlich Maß nehmen - um sogleich erfreut festzustellen: ´Me queda bien - passt und steht mir´, und um es sodann hinter sich in seinem Asservatenbereich zu deponieren. Ich war eines seiner ersten Opfer, dort würde noch mehr landen, der Mann hat schließlich Familie ...... ´Bienvenido - estoy en Paraguay!´, traute ich mich zu sagen, mehr aber nicht, denn der aduanero konnte ja leicht die ganze Ladung konfiszieren, hatte er doch was von ´mercadería comercial´ gemurmelt, ohne auf meine Geschichte von den Schülern in Juan de Mena einzugehen. Auch meine schöne Visitenkarte, die mich doch als Wohltäter seines Landes ausweist, hatte ihn nicht beeindruckt. Mich dagegen um so mehr die Tatsache, dass alles ohne die geringste Spur von Heimlichkeit ablief; jeder durfte Zeuge sein, der Mann hatte nichts zu verbergen noch zu befürchten. Und von mir etwa auch nicht?? Ja - soll ich denn zwei Wochen hinter meinen Hemden herlaufen, von Pontio nach Pilato - und wenn ich Glück habe, sind dann vielleicht noch 30 übrig geblieben (die Schalke-Trikots sind so was von begehrt!), und die Einweihungsfeier der Schule ist womöglich längst vorbei !!?
So leicht wird man in diesem Land Teil der Korruption - was heißt Teil, man ist korrupt! (Paraguay hält übrigens wieder Platz 2 der Korruptionshitliste in Südamerika, das nur am Rande. ´Platz 1 haben die Paraguayer verkauft´, so der gängige und sehr treffende Witz zu diesem Thema ....) Das Ende der Story glaubt mir allerdings so leicht keiner, für den Fall ist meine Frau Ute Zeuge: In meiner ersten Mail in die Heimat berichte ich ihr von der Zollgeschichte. Ute antwortet umgehend - ich zitiere: ´Ich kann mir alles genau vorstellen, auch den schmierigen Typ vom Zoll. Ich habe dir daher vorausschauend ein Hemd mehr eingepackt.´Kann man sich eine intimere Landeskennerin vorstellen??!! ......“
So weit aus dem ersten Teil meines Tagebuches. Als ich dort vom „Ende der Story“ schrieb, hatte ich nicht die blasseste Ahnung von der Dynamik der weiteren Ereignisse, die folgen sollten ...
Freund Oscar, der mich am Pettirossi - Flughafen abholt, ist der erste, dem ich die Zollstory erzähle - eher beiläufig, denn sie ist ausgesprochen “normal“ in diesem Land, wo wir in 30 Jahren doch wahrlich schon ganz andere Sachen erlebt haben! Auch Oscar reagiert also nur mäßig erstaunt, nach dem Motto: “Ist ja diesmal gut gelaufen ...“ Utes Vorausschau allerdings nötigt ihm wortreiche Bewunderung ab. „Increíble, esta mujer, qué inteligente!”
In den nächsten Tagen gebe ich die Story das ein oder andere Mal zum Besten. Und auch dabei steht - Hand aufs Hemd - nicht etwa der schnöde Klau des Zöllners, sondern allein der schlaue Clou der Ute im Vordergrund!
Nach 14 Tagen kann die Einweihung der Landwirtschaftsschule in Juan de Mena, wegen Regen mehrfach verschoben, endlich stattfinden. Fast ist über das geklaute Hemd schon Gras gewachsen .... In meiner Festrede vor einem Publikum, das in dieser Umgebung schon „erlesen“ zu nennen ist, einschließlich Minister, Presse und deutschem Botschafter, erwähne ich zu Beginn, launig-anekdotisch, den Vorfall am „Pettirossi“. Auch hier kein Aufschrei, sondern eher ein wissendes Sichanlächeln, befreites Lachen dann bei Utes „Auftritt“ in der Story. Am Ende stehen 56 Landwirtschaftsschüler und – schülerinnen vor mir, aufgereiht zum Empfang meines Gastgeschenks: Schalketrikots - in der wiederhergestellten Anzahl von 56! Sie ruhen in dem großen Koffer, den ich seit meiner Ankunft nicht mehr angefasst hatte, und warten auf ihre Verteilung. Am Schluss des munteren Anprobierens - wem passt welches Hemd - bemerke ich Unruhe, dann betretenes Schweigen: Drei Mädchen und zwei Jungen stehen da - ohne Hemd! Ratlosigkeit, Peinlichkeitsgefühle bei mir. Es bleibt dabei: 51 Hemden sind´s, keins mehr und keins weniger!
Die Lösung ist einfach: Der Zoll arbeitet koordiniert, mit System. Schon im Gepäckkeller des Flughafens bedient man sich gern aus unverschlossenen Koffern, das hatte ich doch schon öfter erlebt, einmal sogar bei einer Medikamentenladung für ein staatliches Krankenhaus! Ja, aber muss man denn - zum Teufel - auch Fußballtrikots sichern?! Man sollte! In diesem Moment, als fünf enttäuschte Gesichter mich anblicken, weiß ich es. Beim nächsten Mal! Nur so jedenfalls kann man den Schwund -wenigstens begrenzen .... Lösung für dieses Mal: Ein paraguayischer Freund, der bald nach Deutschland kommt und beim Festakt anwesend ist, wird auf dem Rückweg die fehlenden fünf Trikots mitnehmen. Nein - besser sechs!!!
2
|

|
Zeitungverkäufer im Bus
|
|
Tage später erscheint im Sensationsblatt „Popular“ in Asunción ein großer Artikel mit der Überschrift: “Aduanero cobró de ´peaje´ una remera a alemán“ - Zollbeamter nimmt einem Deutschen als ´Zahlung´ ein Hemd ab Darüber ein Foto, das mich bei meiner Ansprache mit einem hoch gehaltenen Trikot zeigt. Einer der anwesenden Reporter hatte „seine“ Story gefunden, wir waren alle total überrascht! Originaltext „Popular“: „Thomas (??) Hermann Schmizt (??) ist Deutscher, Vorsitzender einer Nichtregierungsorganisation, die Pro Paraguay heißt und seit 14 Jahren in der Kolonie Regina Marecos Hilfe leistet, u. a. beim Aufbau der Ökologischen Landwirtschaftsschule San Juan, in der die Schüler zu Fachleuten in der ökologischen Produktionsweise ausgebildet werden. Der Teutone (teuton!) besucht die Kommune Regina Marecos jedes Jahr und hat auch immer Mitbringsel für die Schüler dabei. Auch in diesem Jahr hatte er sich wieder etwas überlegt - und weil der deutsche Botschafter in unserem Land, Dr. Horst-Wolfram Kerll (richtig geschrieben!), seine Anwesenheit bei dem offiziellen Akt angekündigt hatte, dachte Schmizt an den Lieblingsclub des Diplomaten (frei erfunden!) , und er packte einen enormen Koffer voll mit Trikots des Fußballclubs Shalke (!) 04, um sie an die Schüler zu verteilen. Der Deutsche konnte nicht im entferntesten ahnen, dass einer der ´muchachos´ im Zoll ihm als ´Zahlung´ ein Hemd abknöpfen würde, um sein Gepäck durchzulassen. ´Ein fetter Zollbeamter nahm mir, völlig schamlos, das Torwarthemd ab, erst dann durfte ich weiter´, berichtete fassungslos der Ausländer. ´Er wollte mich nicht passieren lassen, ohne meinen Koffer zu öffnen, er nahm, ganz selbstverständlich und ohne sich um die Blicke der Leute zu kümmern, das größte Hemd an sich, ein Torwarthemd, und danach konnte ich durch´, berichtete er in Anwesenheit des Deutschen Botschafters, der sich indigniert zeigte angesichts der schlechten Behandlung, die seinem Landsmann durch den ´fetten Zollbeamten´ zuteil wurde.
Der empörte Deutsche berichtete weiter, dass er diesen Vorfall sogleich seiner Ehefrau, mit Namen Ute Schmizt, mitteilte, die ihn dieses Mal nicht begleitet hatte. ´Ich schrieb es Ute per E- Mail und sie antwortete mir umgehend, ich solle mich nicht beunruhigen, da sie sich Ähnliches gedacht habe und mir vorsorglich ein Extra-Hemd eingepackt habe. Sie ist eine wahre Kennerin Paraguays´, so der Germane (germano!).“
Der „Popular“ – Artikel löste einen ungeheuren Wirbel aus. Als sei man einem Vergehen sondergleichen auf die Spur gekommen. In Paraguay! Das ist ja ein Witz - dafür machen die sich ins Hemd! Was haben wir uns schief gelacht - mit den Freunden und Partnern und mit den Studenten in meiner Pension! Am meisten haben sich die Paraguayer amüsiert.
Als dann aber am gleichen Abend der Fernseh – „Canal 9“ von der Einweihungsfeier berichtet und einen hemdsärmeligen Kommentar zur Korruption im paraguayischen Zoll anhängt, wird die Sache allmählich zur Farce. Der erste Taxifahrer am nächsten Morgen: “Te conozco, te ví en el ´Popular´ y mi Señora me dijo que saliste en ´Canal 9´“. Er kannte mich also, und seine Frau hatte mich im Fernsehen erblickt - nicht zu glauben! Der „Popular“ ist Paraguays Bildzeitung und Pflichtlektüre der Taxifahrer, kein Wunder also, dass mich der nächste Kollege begeistert ansprach: „Vós sós el hombre de la remera, verdad!? Du bist doch der Mann mit dem Hemd. Oder?!“ In den nächsten Tagen war ich zum „Hemdenmann“ geworden - es half nichts! (In ersten Umrissen zeichnete sich der peinliche Wandel vom Hemden- zum Heldenmann ab …)
Margarita Díaz de Vivar heißt die neue Chefin der paraguayischen Zollbehörden, die sich anscheinend vorgenommen hat, die mafiösen Strukturen beim Schmuggel und bei der Korruption wenigstens ein bisschen aufzubrechen. Kein Mensch glaubt, dass sie wirklich die Unterstützung des Staatschefs hat, der mindestens von der Duldung eben dieser Korruption zugunsten seiner „Colorado“-Parteigenossen politisch (über-)lebt. Ihr persönlicher Einsatz scheint glaubwürdig, sie ist allerdings eine eher tragische Figur, ihre Tage sind gezählt, weil sie allzu vielen der - fast ausnahmslos korrupten - Mächtigen und ihren dubiosen „Geschäften“ in die Quere kommt. Die „Jefa de las Aduanas Paraguayas“ erfährt vom „caso remera“, von der Hemdenaffäre. Sie liest schließlich Zeitung.
Jetzt erscheint in der „ABC – Color“, der größten paraguayischen Tageszeitung, neben dem Foto der Zollchefin ein Artikel mit der geradezu beängstigenden Überschrift: „Ermittlungsverfahren beim „Pettirossi“-Zoll aufgrund von Hemdendiebstahl
Die Nationale Zollbehörde ordnet die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gegen alle Beamten des Internationalen Flughafens Silvio Pettirossi an - aufgrund der ´denuncia´ des deutschen Bürgers Thomas Hermann Schmizt, der ..... (Es folgt wortreich meine „Anzeige“) Dann weiter im Text: Angesichts dieser Situation ordnet Zollchefin Margarita Díaz de Vivar die Auswechslung sämtlicher Zollbeamter des Flughafens an ... (Und noch mal der „Vorgang“ in epischer Breite) Ende: ´Das Verfahren wird den beteiligten Beamten überführen und die angemessene Bestrafung über ihn verhängen. Jede korrupte Handlung ist schlimm für uns, ob es sich um ein Hemd oder Höherwertiges handelt. Das tut uns in der Seele weh (sentimos en el alma), weil dies nicht nur dem Zoll schadet, sondern das Bild der Seriosität zu beschädigen droht, welches Paraguay nach außen hin zu verbreiten beginnt. Die Zollbehörden befinden sich in einem Prozess der Umwandlung, wir müssen Transparenz herstellen. Daher führen wir diese internen Säuberungen durch, wenn solche Fälle wie dieser im Flughafen vorkommen´, so Díaz de Vivar.“
Jetzt war ich dem Heldenstatus schon ein ganzes Stück näher gerückt - völlig unfreiwillig - und das Lachen war mir vergangen. Ich hatte doch überhaupt keine „denuncia“ gemacht, nicht mal die leiseste Absicht in der Richtung gehegt, hatte den entsprechenden Passus in meiner Ansprache als Beitrag zur paraguayischen Folklore gesehen! Was denn sonst?! Irgend etwas lief da auf einmal völlig an mir vorbei! Ich kann mich nun vor lobenden Kommentaren und Schulterklopfen kaum mehr retten, ein wenig ertappe ich mich sogar dabei, den Rummel auch zu genießen. Doch immer beteuere ich natürlich wortreich meine „Unschuld“. Auch eine gewisse Furcht bemächtigt sich jetzt meiner. Bald muss ich doch über „Pettirossi“ ausreisen! Wenn mich die „Jungs“ da wieder erkennen würden, den Denunzianten .... Ich fühle schon das ein oder andere Messer im Rücken ....
Am Tag darauf ein neuer Artikel:
„Aduanas devuelve camiseta alemana - Zoll gibt deutsches Hemd zurück
Den Aufsichtsbeamten der Zollbehörden gelang es, aus den Händen eines ihrer Funktionäre das Sporthemd mit den Farben eines deutschen Fußballvereins zurück zu erlangen, welches einem Vertreter jener Nation als ´Bezahlung´ abverlangt worden war, als er über den Flughafen Pettirossi paraguayisches Territorium betrat. .......(Und noch mal - zum Dritten - die ganze Geschichte) Dann weiter: ....Aduana verfügte die Aushändigung des Objekts an den Botschafter Deutschlands in unserem Land, Horst-Wolfram Kerll, mit einer entsprechenden offiziellen Note der Entschuldigung für diesen bedauerlichen Vorfall. ´Diese Art Vergehen bekämpfen wir ja gerade, hierbei spielt der Wert keine Rolle, es ist gleichgültig, ob es sich um ein Hemd oder einen Container handelt´, so heißt es u. a. in dem Dokument an die Botschaft. Und es fügt hinzu, dass es gelungen sei, den Übeltäter zu überführen, der in seiner Einlassung angegeben hatte, das Hemd als´ Geschenk´ erhalten zu haben.“
....die Aushändigung des Objekts an den Botschafter ...!!!???
Mein Hemd! Unglaublich - was hat der Botschafter mit meinem Hemd am Hut?! Ich bin ärgerlich, als ich das lese, meine paraguayischen Freunde allerdings scheinen mich nicht zu verstehen. Ich vermittele ihnen meine Gefühlslage pathetisch: „Hier wird doch eine gute Tat durch neues Unrecht wieder aufgehoben!! Mein Hemd wird mir erneut gestohlen - es posible?!“ Natürlich wurmt mich auch, dass der „Señor Embajador“ - kraft seines hohen Amtes - im Vordergrund steht. Er kriegt mein Hemd - und mich fragt man nicht einmal! Dabei sehe ich das ganz und gar nicht persönlich, der Mann ist nämlich wirklich ein prima „Kerll“!
Señora Maria Margarita Díaz de Vivar hat ihr Büro im Hafengebäude. Es gelingt mir, mich bis in den zweiten Stock zu ihrem Stellvertreter Mendieta vorzuarbeiten, auf dem Weg dahin werde ich 2 Visitenkarten ( unverzichtbares Requisit in Paraguay!) und meinen Pass los, dafür bekomme ich eine Art Passierschein. Ich bin erstaunt, dass man mich nicht nach Waffen absucht .... Der Stellvertreter ist kein bisschen begeistert von meinem Besuch. Ach so, ich sei also der „alemán de la remera“, jaja, natürlich kenne er den Fall, mein Hemd sei ja sozusagen in aller Munde ... Scheinheilig beglückwünscht er mich zu meinem „Beitrag zur Säuberung des paraguayischen Zolls“, sein Gesicht drückt exakt das Gegenteil aus. Die „jefa“ sei soeben nach Ciudad del Este abgereist, ich habe ja sicher mitbekommen, worum es da geht ...
Ciudad del Este, östliche Grenzstadt zu Brasilien, ist berüchtigter Umschlagplatz für Drogen, Waffen, Autos, Zigaretten, Waren aller Art, ist Ort der Geldwäsche, der Produktpiraterie und Schmugglerparadies schlechthin. Ein paar Tage zuvor war die dortige lokale Zollchefin, auch eine von der übereifrigen Art, ermordet worden, der Fall war wie üblich unaufgeklärt geblieben, Frau Díaz de Vivar losgefahren, um Druck zu machen. Zyniker meinten, das könne ihre letzte Dienstreise werden ... Señor Mendieta würde in diesem Fall wohl nicht zu den Untröstlichen gehören, ich erfuhr später, dass er sauer war, als ihm die neue Chefin vor die Nase gesetzt wurde. Mit der konnte er nur verlieren ... So sah der Mann auch aus! „Donde está mi camiseta?! WO IST MEIN HEMD ?!!“ Endlich kam ich zur entscheidenden Frage. Ergebnis: Das Hemd war (soeben!) zur Deutschen Botschaft gesandt worden, zusammen mit besagter schon in der Presse angekündigten Note. „Pero es mi camiseta, ist aber doch MEIN HEMD!!!“ ... Kopfschütteln des Señor Mendieta, nicht des Bedauerns, sondern des völligen Unverständnisses. Er ist sichtlich froh, als ich gehe.
Der deutsche Botschafter schickt jetzt eine Erklärung an die Presse - na klar, denkt ihr etwa, die Geschichte sei schon zu Ende?! Überschrift:
" Devolución de la Aduana de remera destinada a alumnos de la Escuela Agrícola en Juan de Mena " Rückgabe des für Schüler der Landwirtschaftsschule Juan de Mena bestimmten Hemdes durch paraguayischen Zoll Zum xten Male kann ich in diesem Dokument nachlesen, was mir widerfahren ist, dann wird die „rápida y efectiva acción de la Dirección de Aduanas“ gelobt,am Ende kommt gar Diplomatisches und Zwischenstaatliches ins Spiel: „ Bei der Fülle negativer Informationen, welche diese Botschaft - wie auch andere, nicht nur europäische - zum Thema Korruption und Straflosigkeit in unserem Gastland erhält, und über die wir unsere jeweiligen Regierungen unterrichten müssen, wissen wir in diesem Fall die Arbeit und die besondere Tatkraft der Zolldirektorin als äußerst korrekt und beispielhaft zu würdigen. So konnten wir also in positiver Weise die deutschen Regierungsstellen informieren und wir geben unserer Hoffnung Ausdruck, dass wir dies auch in Zukunft häufig werden tun können.“
So erleben wir hier ein schönes Beispiel, wie Diplomatie - werden nur ordentlich die Hemdsärmel aufgekrempelt - schlimmere Folgen erfolgreich zu verhindern imstande ist! Es sind schon aus geringfügigeren Anlässen als einem Hemd Kriege entstanden ... Doch was ist mit meiner Rolle? Sie wird in keinem Geschichtsbuch auftauchen, ganz abgesehen davon, dass ich ja offiziell Thomas Hermann Schmizt bin, wobei ich schon froh sein kann, dass sie mir wenigstens den Hermann gelassen haben.
Um nicht ganz im Hemd dazustehen, gehe ich in die Offensive: Ich sende dem Herrn Botschafter eine Mail, verkneife mir alle Hinweise auf Eigentumsrechte oder gar Aufforderungen zur Rückerstattung, stattdessen biete ich ihm großmütig MEIN HEMD ALS GESCHENK an! ( „...für Ihre Kuriositätensammlung und als Andenken an den „caso remera“)! So glaube ich meine Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen und gleichzeitig ein diplomatisches Meisterstück abzuliefern. Doch nichts von alledem!! Das Hemd wird, zusammen mit Büchern, Deutschlandpostern und einem freundlichen Begleitschreiben an Schulleiterin Raquel, an die Schule geschickt. Nun ja, da gehört es ja auch hin. (Allerdings bin ich später mit Schülern und Lehrern einig, dass das „Objekt“ nur bis zur Ankunft der Ersatzlieferung benutzt werden soll - danach gehört es ins Schulmuseum. Mindestens!) Also muss der paraguayische Freund im Dezember 7 Hemden mitnehmen. Wieso 7 ? Nun, der aufmerksame unter den Lesern meiner Hemdreportage dürfte es wissen: Fünf als Ersatz für die ganz zu Beginn im Flughafen geklauten, eins anstelle des „Museums“hemdes - und eins ...? Na klar - die „muchachos“ vom Pettirossi lernen doch ständig dazu! Und die Neuen von den Alten!
Doch so weit sind wir noch nicht. Während meiner letzten Tage in Asunción vergeht kein Treffen, kein Gespräch ohne Thema Nummer 1. Mein letztes Hemd hätte ich dafür gegeben, doch den Mund gehalten zu haben! Mittlerweile kann ich meine „Entlastungsrede“ auswendig, es hilft aber nicht immer. Bisweilen geht die Rede bis hin zu Erörterungen über „Teutonisches“ und „Germanisches“.... ob Paraguay davon nicht mehr brauche ....Peinlich! Aber da muss ich nun durch.
Und noch mal durch den Zoll im „Pettirossi“! Oscar bringt mich. Und beruhigt mich. „No pasa nada, han cambiado a todos! Nix wird passieren, die haben doch alle ausgetauscht …” Und wenn sie meinen Abflug rausgekriegt haben und ein paar „Jungs“ auf mich warten? Typisch germanische Überschätzung. No pasa nada. Aber nur bis zur Gepäckkontrolle beim Zolldurchgang. Da piept es erst mal - verflucht, die Metalldose mit den braunen „Fisherman´s Friend“ Anis – Pastillen! Immer vergesse ich, die rauszuholen. „Abrí un poco tu latita!“, brabbelt der Beamte. Mach´ dein Döschen mal ´n bisschen auf. („ein bisschen“ sagt man gern in Paraguay, und geduzt wird man grundsätzlich). Der Typ redet und riecht so komisch, ist der besoffen? Als er die braunen Plättchen sieht, weiß er sofort Bescheid: Marihuana! Davon gibt es in seinem Land schließlich jede Menge! Ist das die Rache der muchachos? „No es marihuana!!“ Ich kaue 3 Fisherman´s auf einmal, dass mir die Zähne weh tun, und schlucke sie runter. „Es remedio para la garganta, das sind Pillen für den Hals!” Ich biete ihm sogar eine an, es nützt nichts. Jetzt wird der Drogenhund geholt, ein lieber hellbrauner Cockerspaniel, der aufgeregt auf der Ablage herumwuselt, mein „Marihuana“ aber souverän missachtet. Dafür schnüffelt er umso ausdauernder an meinem Rucksack. Auch das noch - verdammt noch mal! „Abrí un poco tu muchila!” Es hilft nichts, alle 5 Flaschen “Caña”, paraguayischer Zuckerrohrschnaps der Marke “Aristócrata“, 3 kleine und 2 große, kommen zum Vorschein. In 30 Jahren habe ich Unmengen von dem Gesöff aus dem Land gebracht - nie hat sich einer darum geschert. Und jetzt erzählt mir der Typ was von „Mengenbegrenzung“. Schnell wird klar, der will das Zeugs für sich, hat wohl auch sofort gesehen, dass es sich um „añejo“ handelt, den 6 Jahre alten caña. Ich erzähle ihm, dass dieses typische und vorzügliche Produkt seines Landes in Alemania sehr gut ankommt, dass wir es bei Versammlungen unseres Vereins anbieten, um die Stimmung und die Spendenfreudigkeit zu heben ... Dieser Appell an seinen „patriotismo“ hat wohl den Ausschlag gegeben, weniger der Umstand, dass ich ihm am Ende entnervt die Flaschen hinknallte: „Quedáte con tu caña! Behalt´doch deinen caña!“ Jedenfalls reicht er mir seine feucht-schwammige Hand, wünscht mir viel Glück und hilft beim Einpacken der 5 Flaschen ... In der Abflughalle nehme ich einen großen Schluck aus einer kleinen Flasche.
Ich bin schon 2 Wochen zurück in der Heimat, da erzählt mir ein Freund auf die Stichwörter „Hemd“ und „Paraguay“ von einem Artikel, den er kürzlich in der „Frankfurter Rundschau“ gelesen habe. Da sei es um einen Deutschen und ein „Hemd“ gegangen ... und um „Zoll“.... und um eine „Säuberungsaktion“.... Und überhaupt um eine Wende zum Positiven in diesem Land ... Warum er mir denn einen solch wichtigen Artikel vorenthalten habe?? „Der Tenor war irgendwie so positiv, ich dachte, das gefällt dir bestimmt nicht so gut ...“ Und hier holt mich die Hemdenstory zum vorläufig letzten Mal ein - zum Abgewöhnen - und per Internet:
|

|
Schüler der Landwirtschaftsschule
|
|
„Frankfurter Rundschau“, 18. November 2005, Ressort: PLUS_FR, 158 Zeilen „Auf dem Weg der Besserung Die Geschichte von den Schalke-04-Trikots spricht sich in diesen Tagen langsam herum in Asunción, der nicht gerade weltstädtischen Kapitale Paraguays (wohl wahr!): Einem Deutschen, der mit 56 Fußballer-Hemden nach Paraguay einreiste, die er für ein Sozialprojekt im Gepäck hatte, nahm der Zöllner bei der Einreise eins ab - als Zoll sozusagen. Der Mann erzählte bei der Eröffnung des Projekts beiläufig davon, so kam die Sache in die Zeitung - und tags darauf lieferte ein Abgesandter der Zollverwaltung das Trikot bei der deutschen Botschaft ab....“ Danach noch über 100 Zeilen zu Paraguay. Zunächst leitet der Autor von der Zollgeschichte über zu einigen recht positiv dargestellten Veränderungen. Ob das alles so stimmt - dafür würde ich nicht mein Hemd verwetten. Ich lese es trotzdem gern, als etwas andere Sicht, kann ja nicht schaden. Dann aber berichtet er ziemlich detailliert und in wünschenswerter Klarheit über die ganze Misere dieses Landes. (Bericht können Sie gerne bei mir anfordern).
Fazit: Ein Hemd kann man aufhängen - man kann auch viel dran aufhängen. Wenn ihr in Zukunft bei „Hemd“ oder „Schalke“ an Paraguay denkt, hat diese Hemdenreportage ihr Ziel erreicht! (Vielleicht ist die Geschichte auch noch gar nicht zu Ende ...) |