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Paraguay drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen
Paraguay - mehr Grund zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft?
Nachfolgend ein allgemeiner Kommentar zur politisch - moralischen Verfassung des Landes in der Vorwahlzeit, angereichert mit einigen Überlegungen des schon vorgestellten Pater Oliva aus Asunción. Der auch gleich die Überschrift liefert:
"Ein Land kurz vor der Nutzung einer schon verspielten Gelegenheit?"
Die Paraguayer können sich in ihrer großen Mehrzahl nicht an glückliche Zeiten ihrer Geschichte erinnern, nicht in der geschriebenen, noch weniger aber in der selbst erlebten. Natürlich, da sind die ewig Gestrigen, die Mächtigen von damals und heute, die sich in die Zeiten der Stroessner - Diktatur zurück träumen, sie haben einen extra kitschigen Nostalgiespruch dafür auf Lager: "Estabamos felices - y no lo sabiamos" ! "Wir waren glücklich, ohne es zu wissen!" Ihr Glück war das Glück der Unterdrücker und Ausbeuter. Das Glück der Verbrecher, die nie erwischt wurden.
Das unter Paraguayern bis heute weit verbreitete Gefühl aber ist: Noch hat unserer Nation die Gunst der Stunde nicht geschlagen ... Ihr düsterstes Geschichtskapitel - obwohl bald 150 Jahre zurück liegend - ist für die Paraguayer präsent als immerwährendes Trauma, das nie heilen will: In den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde Paraguay vom damaligen brasilianischen Reich in der Allianz mit den Republiken Argentinien und Uruguay gründlich zerstört, geografisch zurück gestutzt, und seine Bevölkerung wurde dezimiert wie in kaum keinem anderen Krieg. Dieses Schlachtfest, auch "Guerra Grande" genannt, bleibt für die Paraguayer wohl immer das Symbol einer schrecklichen Kränkung, aber auch einer die Realität leugnenden Verherrlichung. Da bis heute von so überragender Bedeutung, gehe ich noch etwas näher darauf ein und zitiere .....
...... ein Kapitel aus meinem Paraguay-Reisetagebuch 2005: (Mit 35 Landwirtschaftschülern an Orten des "Großen Krieges")
"Wir fahren nach "Humaitá", einem geschichtsträchtigen Ort, genau am Zusammenfluss der beiden großen Ströme Paraná und Paraguay gelegen, nur 50 km von Pilar entfernt. Im berühmten "Guerra de la Triple Alianza", im "Dreibundkrieg" von 1865 bis 1870, den Brasilien, Argentinien und Uruguay - mit freundlicher Unterstützung der Engländer - gegen das kleine Paraguay führte, schlug hier der "Mariscal" Francisco Solano López, ein größenwahnsinniger Diktator, eine seiner ersten verlorenen Schlachten. Die Flussfestung wurde gestürmt, die brasilianischen Kriegsschiffe hatten nun freie Fahrt ins Land. In seiner Wahnvorstellung eines "Imperio del Paraguay" hatte Diktator López diesen Krieg gesucht, was der Großmacht Brasilien freilich nicht ungelegen kam. Nach einem unvorstellbar grausamen Gemetzel auf beiden Seiten wurde Paraguay nieder gemacht; nur ca. 25.000 Männer überlebten - beispiellos in der Geschichte - und es waren die Frauen, die, ebenso beispiellos, Paraguay weiter existieren ließen.
Man muss nur die goldfarben angepinselte Gipsbüste des "Mariscal" Francisco Solano López auf einem Sockel vor der Ruine der Festung Humaitá sehen, um etwas zu ahnen von der bewussten Instrumentalisierung und kritiklosen Heroisierung, die bis zum heutigen Tage mit Paraguays Geschichte betrieben werden. Wer seine eigenen Übeltaten dem Volk als Heldentum verkaufen will, muss fragwürdige Herrscher, die vor seiner Zeit am Werk waren, als "héroes" in die Gehirne und Seelen pflanzen; darin hatten Paraguays Machthaber immer schon große Übung. Da stehen sie nun vor einer der historischen Stätten ihrer Geschichte, die sechzig Landwirtschaftsschüler aus Juan de Mena, und ich würde gern in ihren Kopf schauen statt auf den in der Sonne glänzenden Gipsschädel vor ihnen. Aber erst mal heißt es, brav den Ausführungen des "Señor Profesor Morínigo" zu lauschen; bei den seltenen Besuchen an diesem Ort traf die Wahl als Fremdenführer auf ihn, den Sekundarschullehrer für Sport und Mathematik.
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Und da turnt er nun vor, gestenreich und gedankenarm, Rolle vorwärts in Patriotismus, Rolle rückwärts in Geschichte - diese atemlosen, stolzen Reden sind den Schülern wohl vertraut. Ist es ein gutes Zeichen, dass viele Gesichter Langeweile ausdrücken, andere gar Erstaunen? Mancher Blick geht auch nur zu den nagelneuen "champions", den Turnschuhen des Herrn Morínigo, die unaufhörlich auf und ab wippen - gleichsam im Takt zu seinen patriotischen Hervorbringungen. Die alten Schanzanlagen am Paraguayufer haben fast 150 Jahre dem Zahn der Zeit getrotzt, die mächtigen Holzbalken sind nur leicht angemodert. Die Schüler nutzen sie als Absprunganlage für einen kleinen Weitsprungwettbewerb, man kann das ja auch als Zeichen eines entspannten Umgangs mit der heiligen Geschichte nehmen. Ein Marinesoldat, höchstens 16 Jahre alt, öffnet uns die Tür zum kleinen Museum. Aber ja, Paraguay hat zwar kein Meer, aber dafür eine richtige Marine, und bis heute jede Menge Soldaten, die noch halbe Kinder sind (s. u.) - "Soldätchen", soldaditos, wie sie hier heißen. Der Kadett öffnet die Fenster in dem ehemaligen Quartier des Kriegsherrn López, und die Schüler betrachten die wenigen, dürftig angeordneten Stücke: Ausrüstungsgegenstände, Waffen, ein paar Schriftstücke. Auf einer "Ehrentafel" sind die Präsidenten Paraguays der vergangenen 200 Jahre abgebildet, als letzter in der Reihe "Presidente General Alfredo Stroessner, Héroe de la Patria". Diese Tafel ist nicht etwa Museumsstück, sondern von heute und ernst gemeint. Auf der "Plaza" von Humaitá, die eigentlich nur ein großes, grasbewachsenes Viereck ist, ruhen unsere Schüler, vor der Rückfahrt mit dem Bus, von den Anstrengungen der Geschichtslektionen aus, sie essen die mitgebrachte Tagesverpflegung, jeder bekommt zwei Bananen und ein paar "galletas", diese Beton gewordene Brotsorte Paraguays, die mir schon immer eher als Wurfwaffe denn zum menschlichen Verzehr geeignet schien. Ich überlege, ob es eher gut oder schlecht ist, dass diese Mädchen und Jungen keine Vorstellung davon haben, wie ein Picknick bei einem Klassenausflug in Alemania aussieht ... Hier auf der Plaza wird noch einmal Geschichte nachdekliniert und -diskutiert, mit erfreulich kritischem Unterton. Der 18jährige Gustavo gerät mit dem nur einige Jahre älteren Landwirtschaftslehrer Carlos richtig aneinander. Der hatte nämlich die berühmte Schlacht von "Acosta Ñu" verteidigt - das muss ich kurz erläutern: Nach dem Debakel von Humaitá zog sich das paraguayische Heer, oder was davon noch übrig war, immer weiter nach Norden zurück, verfolgt von den Streitkräften der "Triple-Alianza". Weitere schreckliche Niederlagen an verschiedenen Orten folgten. Als Mariscal López kaum noch über Soldaten verfügte, mussten Frauen und Kinder ran. Das war bei der Ortschaft Acosta Ñu. Als Soldaten verkleidet - die Kinder mit Bärten aus Riedgras - sollten sie dem Feind Kampfstärke vorgaukeln. (Der Mariscal litt längst an Paranoia. Die Ermordung Dutzender angeblicher Verräter war nicht genug, er ließ sogar die eigene Mutter in Ketten legen und brutal auspeitschen).
Und die Lumpenarmee aus Kindersoldaten kämpfte wirklich stark und mit verzweifelter Tapferkeit, aber es war natürlich vollkommen vergeblich; sie wurden allesamt in einem grausamen Gemetzel von den feindlichen Soldaten vernichtet.
Die "Batalla Gloriosa de Acosta Ñu" und die "Niños Mártires de Acosta Ñu", die Märtyrerkinder der ruhmreichen Schlacht, gingen in die Geschichte ein - natürlich als Heldenkapitel, mit einem eigenen Feiertag bis heute - und nicht etwa als Beispiel des Verbrechens eines verblendeten Diktators gegen das eigene Volk. Gustavo und Carlos beziehen in ihrer Redeschlacht nun genau diese beiden entgegengesetzten Positionen, und es ist der Schüler, der die kritische und aufgeklärte vertrat. Lehrer Carlos kämpft auf verlorenem Posten; weder aus dem Schüler - noch dem Kollegenlager kommen ihm Truppen zu Hilfe ....." (So weit aus dem Tagebuch.)
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Nie wieder nach diesem nationalen Debakel hat Paraguay sein Selbstvertrauen als Nation zurück gewinnen können. Stattdessen herrscht angestrengter Nationalismus, der bei jeder Gelegenheit - nebst Hymne mit schönfärberischem Text, martialischem Gesang und wahren Fahnenmeeren - beschworen wird. (Auch die kleine bürgerliche kritisch - intellektuelle Schicht tut´s nicht ohne flatterndes Blau-Weiß-Rot und Schmettern des Nationalsongs). Diese Hingabe ans Nationale wird eifrig genutzt von den Machthabern, die sich als Patrioten gebärden und mit den dazu präsentierten Gefühlen das Volk einnebeln. Und ausplündern.
Das ist die aktuelle politische Anordnung in Paraguay: Ein pseudo-demokratisches Regime, beherrscht von einer immer gleichen politischen Partei, die seit 60 Jahren an der Macht ist: Klüngelwirtschaft, Korruption, Pfründeverwaltung, Ausverkauf der nationalen Souveränität, das sind ihre Markenzeichen. Dazu ihre universelle Unfähigkeit, die sich beinahe von selbst versteht.
Paraguay ist eine Nation ohne Orientierung und Ziel. Es gilt auch hier, der Fairness halber, kleine Einschränkungen zu machen: Ein paar Unternehmer und Großbauern, einige wenige Politiker kleiner oder großer Parteien und eine langsam wachsende Zahl von Paraguayern aus Stadt und Land werden mündig, d. h. sie erfüllen ihre Aufgaben als Staatsbürger, sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und organisieren sich. Hierhin gehört auch die Geschichte der Emanzipation "unserer" Campesinos von Juan de Mena und ihrer Söhne und Töchter (die Ausflugsteilnehmer):
Dazu wieder ein Ausschnitt aus meinem Tagebuch 2005:
Besuch in Landwirtschaftsschule "San Juan" in Juan de Mena
"... Hinter dem ein wenig umständlich und altbacken wirkenden Namen verbirgt sich - aus Sicht der Kleinbauern von Juan de Mena - etwas durchaus Fortschrittliches: Das "Fest des heimischen Saatgutes und der Campesino-Kultur" richtet sich auch gegen das im Land vorherrschende landwirtschaftliche Produktionsmodell der Monokulturen mit seiner arbeitsplatzvernichtenden Mechanisierung und Landschaftszerstörung: Auch in Paraguay diktieren die großen Agrar- und Chemiemultis mit ihrer Monopolstellung immer stärker den Agrarmarkt. Genmanipuliertes Getreide oder Soja sind längst Realität, die hier benötigten Chemikalien sind ein lukratives, milliardenschweres Geschäft, ebenso der monopolisierte Verkauf des speziellen Saatgutes, das die Bauern jedes Jahr von neuem kaufen (sollen) müssen. "Moderne" Unterhaltungsformen, vor allem per Fernsehen aus den USA importiert, verdrängen die traditionelle Kultur, die "Coca-Colarisierung" ist weit fortgeschritten (die "Dollarisierung" sowieso). Beiden Tendenzen versuchen unsere Partner - gemeinsam mit Campesino -gruppen z. B. aus Juan de Mena - ein auf größere Eigenständigkeit und Unabhängigkeit gegründetes Lebens- und Landwirtschaftsmodell entgegen zu setzen, in dem auch die alten kulturellen Bräuche und die Musik der Campesinos ihren Platz behalten.
Also auf zur "Fiesta de la semilla nativa y de la cultura campesina"! ( s. o.) Das Fest findet zum dritten Mal statt, diesmal haben die Partner vom "Centro de Capacitación de Desarrollo Agrícola" (CCDA), dem Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung, einen Bus organisiert, der Gäste aus der Hauptstadt in das ca. 120 km entfernte Juan de Mena bringt. Die Fahrt birgt, wie immer, ein Risiko - denn bei Regen fallen die letzten 45 km „ins Wasser“. Ein CCDA - Toyota bildet die Nachhut, in die auch ich mich einreihe. Mit mir im Fahrzeug Ramon, Aurora und David von der Musikgruppe "Los Corales", Sixto als Fahrer und der alte Widerstandskämpfer Juan Bordenave. Hinten auf der Ladefläche befinden sich heute ausnahmsweise keine Personen, da es kalt ist und ein eisiger Wind geht. Dafür aber Lautsprecher, zwei Gitarren und eine monströse Harfe, dick vermummt, als gelte es, sie gegen die Kälte zu schützen, dabei soll sie nur die Rüttelpartie überleben. Wenn wir halten, lässt der Wind manchmal ein paar Harfensaiten unter der flatternden Stoffverpackung erklingen - es hört sich an wie ein Klagelaut .... Am Abend auf der Bühne der Schule ist von all der Improvisiererei nichts mehr zu merken. Die Gruppe "Los Corales" kommt gut rüber, an die 500 Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung - eine für die Schule und die junge Kolonie "Regina Marecos" geradezu unglaubliche Zahl - sind von ihrer Musik begeistert. Ihre "Choräle" sind politische Protestlieder, Lieder zu sozialen und Umweltproblemen oder über die Not der Straßenkinder. Das Fest kommt erst richtig in Fahrt, als es dunkel wird.
Auf langen Reihen provisorisch aufgestellter Bänke sitzt die einfache Landbevölkerung, die kleinen Kinder und Alten mit Schals und Wollmützen, die jüngeren in Sommerbekleidung der Kälte trotzend. Sie sind so unendlich dankbar für alles, was sie da oben auf der Schulbühne geboten bekommen! In der Kolonie ist ja so gut wie nie etwas los - außer Fußball- und Volleyballspiel. Oder "Pool-Billard" - auf uralten Billardtischen, deren einstmals grüne Oberflächen längst die Farbe des ewigen roten Staubs angenommen haben. Die Landwirtschaftsschule erfüllt also eine wichtige Rolle als Gemeinschaftszentrum, das wird an diesem Abend ganz deutlich. Für die Besucher ist unser Schulfest das Ereignis! Am meisten begeistert es sie, den Schülerinnen und Schülern bei ihren Theaterstückchen und Sketchen zuzuschauen, die diese Wochen vorher eingeübt haben und mit viel Spiellaune und Sicherheit vorspielen. Auch einfachste Scherze ernten Riesengelächter. (Bei mir leider immer noch mit Verspätung, denn wenn Guaraní gesprochen wird, muss mir jemand erst ins "castellano" übersetzen, außer bei ganz einfachen Zusammenhängen, die ich inzwischen halbwegs mit bekomme). Im nunmehr vierten Jahr des Bestehens der Schule hat sich das Verhalten der Schüler sehr positiv verändert, aus eher scheuen Campesinokindern sind selbstbewusste junge Leute geworden. Nahm ich sie in den Anfängen der Schule mehr im Hintergrund wahr, so kommen sie inzwischen neugierig auf mich zu - und sie sind es jetzt, die Fragen stellen. Mir fällt auf, dass sie sich an viele der Namen und Begebenheiten erinnern, von denen ich bei den zurückliegenden Besuchen erzählt hatte. Sie wollen wissen, wie es diesem oder jenem Besucher aus Deutschland, wie es den Schülern aus Kempen oder Mönchengladbach geht, was sie machen, ob sie immer noch an ihnen - hier in diesem fernen Winkel Paraguays - interessiert sind.
Fast alle Vorbereitungen zu dem Fest haben sie selber getroffen, ihre Schulleiterin Raquel und ihre Lehrer geben ihrer Eigeninitiative und Mitsprache großen Raum. Sie haben die Plakate gestaltet, die Eintrittskarten, sie kassieren am Eingang, stellen das Saatgut mit Schautafeln vor, preisen ihre selbstgemachten Marmeladen und den Likör an, verkaufen das aus ihren Feldprodukten zubereitete Essen, und auch die Begrüßung der großen Besucherschar und die Ansagen auf der Bühne übernehmen sie. Was für eine positive Veränderung! Ich hatte ihnen erzählt, dass ihr für Oktober geplanter dreitägiger Schulausflug gesichert ist (s. o.) - weil Schülerinnen und Schüler aus Kempen dafür Geld gesammelt haben bei einem Abitursgottesdienst und durch den Verkauf von alten Büchern. Und dass eine ganze Hauptschule in Mönchengladbach mehr als 5000.- Euro "erlaufen" hat für die dringend notwendige Renovierung und den Ausbau der Schule mit drei weiteren Klassenräumen, einer richtigen Schulküche und dem Gebäude für die Lehrerinnen und Lehrer. Dazu Sport- und Spielgeräte für sie und ein Geld-Fond für die gesundheitliche Betreuung der 50 Schülerinnen und Schüler. So viel kann mit dem Geld gemacht werden! Da kommt, mit künstlichem Riesenbauch, Edgar auf die Bühne, und dann noch eine andere, hinter einem wilden Kostüm aus Bananen- und Maisblättern verborgene Figur. Das ist "Ronaldo", eigentlich Künstler am Ball, heute aber
Künstler im kleinen Spielstück über den fetten Polizeikommissar, der die Campesinos wie in alten Zeiten drangsalieren will, aber von ihnen nur verlacht wird und schließlich aufgibt. Am frechsten gegenüber dem korrupten Beamten sind die Campesinofrauen, da können sich Mirta, Daisi und Claudia so richtig austoben. Dann wieder etwas Ernstes: Eine Gruppe von Schülern erläutert den Zuhörern, wie sie an ihrer Schule versuchen, ohne chemische Gifte und genmanipuliertes Saatgut auszukommen. Sie tun das sehr geschickt in Form einer Unterhaltung zwischen Gegnern und Befürwortern, im Austausch von Pro- und Contra - Argumenten.
Am Schluss der Fiesta sind alle zufrieden: Die Zuschauer haben ihren Spaß gehabt, sind mit leckerem, gesundem Essen, aber auch mit Anregungen versorgt worden, die Schüler haben viel Anerkennung erfahren und gute Einnahmen für die Schulkasse erwirtschaftet - fast 1 Million Guaraníes, etwa 150.- Euro, für hiesige Verhältnisse sehr viel Geld. Auch die Lehrerinnen und Lehrer freuen sich über den Erfolg "ihrer" Schule. Und dass die "Supervisora" vom Unterrichtsministerium sich erstaunt und anerkennend äußert, kann nur nützlich sein für die Verhandlungen über die noch ausstehenden Lehrergehälter ... Selig torkelt eine Gruppe Campesinos, darunter einige Väter, vom Festplatz. Sie haben einigen Caña geschluckt, Zuckerrohrschnaps, den sie heimlich eingeschmuggelt haben. Ganz bestimmt sind sie auch satt geworden: Fast allein haben sie sich den Kuhkopf geteilt, den sie in Bananenblätter verpackt und vier Stunden lang in einem zugedeckten Erdloch geschmort hatten. Mir hatte der Blick in die glänzenden, toten Kuhaugen gereicht: Trotz ihrer hartnäckigen Einladung und der Versicherung, dass es sich um eine der größten Delikatessen handele, habe ich tapfer das Kopfangebot abgelehnt ....." (So weit aus dem Tagebuch)
Der oben erwähnte Juan Díaz Bordenave, bekannter südamerikanischer Soziologe und Mitglied im Leitungsgremium von "Tekojojá", der Unterstützergruppe des Präsidentschaftskandidaten Fernando Lugo, hält eine bewegende Rede auf diesem Fest, da geht es nicht um heimisches Saatgut und Kultur, sondern um die Souveränität der Völker - anlässlich der ...
.... FIESTA NACIONAL POR LA SOBERANIA DE LOS PUEBLOS (Nationales Fest für die Unabhängigkeit der Völker)
" Heute, am 12. Oktober, bin auch ich gern in Juan de Mena und nehme teil an der "Fiesta Nacional por la Soberanía de los Pueblos“. Das Datum ist nicht zufällig: Es erinnert uns daran, dass vor über 500 Jahren eine Handvoll Europäer hier ankam. Sie gierten nach dem Reichtum, den sie in ihren eigenen Ländern nicht erlangen konnten, brachten ihre Flinten und Rüstungen, ihre Pferde und Bluthunde mit, um uns zu "kolonisieren", zu "missionieren und zivilisieren" - uns also zu erobern und zu unterwerfen! Sie trafen hier auf eine Zivilisation, die völlig verschieden von ihrer eigenen war. Das kulturelle Leben der Einheimischen kreiste um ihre Feste, in denen sie Aussaat und Ernte feierten, Geburt und Tod. Ihre "Wirtschaft" bestand darin, die Gaben der Natur zu teilen. Niemand kaufte oder verkaufte, sie tauschten das Notwendige untereinander; es gab kein Geld, keinen Gewinn und auch kein Anhäufen von Gütern. Es gab keinen "Kapitalismus", keine Exportlandwirtschaft, keine Unkrautvernichter und keine Umweltgifte. Damals ließen die Europäer Lateinamerika zur Ader - im Namen ihres heruntergekommenen Christentums. Sie raubten uns unser Land, unser Gold, Silber und Zinn, unsere Baumwolle, den Kaffee und den Zucker, unsere Identität und unsere Unabhängigkeit. Was also gibt es an diesem 12. Oktober zu feiern? Wie kann man ein solches Fest begehen, während in Paraguay so sehr gelitten wird? Wo beinahe täglich Campesinos umgebracht, Kinder und Frauen entführt werden, wo es Vertreibungen gibt, Tod durch chemische Gifte, Raub und Betrug? In der Offenbarung heißt es: "Es gibt eine Zeit des Weinens und des Lachens; eine Zeit zum Wehklagen und für Freudentänze; eine Zeit zu lieben und eine andere für den Hass; eine Zeit für den Krieg und eine andere für den Frieden." Wir haben schon so viel geweint und auch gehasst; jetzt fängt die Zeit zu lieben und zu tanzen an. Ein neues Paraguay ist im Entstehen! Als Zeugen für diese Geburt sind sie hier versammelt: Campesinos und Mbyá-Guaraní-Indígenas tauschen ihr Saatgut und ihren Honig, ihre Erfahrungen und Hoffnungen. Wir, die Städter, sind Teilnehmer an dieser Geburtsstunde, weil wir hier zu unseren Wurzeln zurückkehren können. Daher reihen wir uns in die Tänze ein und drehen uns mit in dem Kreis, der den beständigen und nie endenden Kreislauf des Lebens symbolisiert - alle die wir hier sind, Campesinos, Zeitungs-, Land- und Wirtschaftsfachleute, Soziologen, Nonnen und Priester, Lehrer und Studenten, Männer und Frauen, Alte und Junge. Wir tanzen den schlichten und brüderlichen Tanz unserer Eingeborenen mit und fühlen uns wieder rein und unschuldig, solidarisch und mutig. Sagte ich mutig ? Ja. Weil hier, bei dieser`Nationalen Feier der Souveränität der Völker´, unsere Entscheidung bestärkt wird, dafür zu kämpfen, wieder wir selbst zu sein! Für unser Saatgut und unsere heimischen Bäume. Für sauberes Wasser und reine Luft. Für eine solidarische Wirtschaft und eine wirkliche Demokratie der Teilhabe. Für unsere Souveränität und für das Leben. Sagt mir nicht, dass ich träume oder Sachen erfinde. Hunderte von Paraguayern haben mitgewirkt an der Vorbereitung dieser Feier. Tatsächlich wurde dieses Fest von einem Zusammenschluss einer Unzahl von Nichtregierungsorganisationen ermöglicht und vorbereitet (er zählt zahlreiche zivilgesellschaftliche, gewerkschaftliche, kirchliche und Campesinogruppen auf, darunter auch unsere Partner von CCDA, dem ländlichen Ausbildungszentrum). ICCO, eine internationale Organisation, gab finanzielle Unterstützung, die Kommune Caaguazú stellte die Infrastruktur zur Verfügung. Die Musikgruppe "Los Corales" und die Theaterleute von "Tetãgua" führten die Nacht der Künstler an, in der verschiedene Departamentos ihre Musik, Gedichte, Tänze und Theater darboten. Mehr als 1000 Personen nahmen an dem Fest teil, alles verlief in völligem Frieden. Weder Polizei noch Militär waren zugegen, keine Vertreter der politischen Parteien. Sie wurden nicht gebraucht. Ein neues Paraguay entsteht." (So weit Juan Díaz Bordenave)
Ein hoffnungsvoller, beschwörender Text. Ob das Maß an Aufgeklärtheit und Angstfreiheit im Lande allerdings für einen Politikwechsel bei der Wahl am 20.April 2008 schon ausreicht, ist sehr zweifelhaft.
Was in den USA mit "change", derzeit ein beinahe magisch aufgeladenes Wort, zum Ausdruck kommt, ist in Paraguay der fällige "cambio". Cambio steht für einen Wechsel im Sinne einer wirklichen Veränderung, nicht aber der seit Jahrzehnten gewohnte bloße Austausch von Figuren.
"El cambio pasa por una alternancia con alternativa", schreibt Pater Oliva: Das bedeutet zum einen, dass ein Wandel (alternancia) stattfinden muss, ein langwieriger, evolutiver Prozess - und zum anderen, dass im seinem Verlauf echte Alternativen zum herkömmlichen Politikstil sichtbar werden müssen. Ziel ist der wirkliche Wechsel.
Die Mehrheit der Menschen in Paraguay ist der herrschenden Zustände überdrüssig. In ihrer "Mikroökonomie" sieht es mehr als mickrig aus, es geht ständig bergab. Ganz anders läuft es in der Makrovariante, da gibt es sogar Gewinnsteigerungen, allerdings nur für die kleine Oberschicht, die berühmten „Dreihundert Familien“. "Asociación Nacional Republicana" (ANR), Nationale Republikanische Vereinigung: Den stolzen Namen trägt die Coloradopartei seit 60 Jahren, doch jetzt ist er verbraucht, und nicht nur der Name: Obwohl mit mehr als 1.700.000 Mitgliedern die größte Partei Südamerikas, befindet sich die ANR in einem Zustand der Agonie, es herrscht eine Art Endzeitstimmung, als ahne man, dass nun wohl doch bald Schluss sein wird mit der alten Herrlichkeit. Mit allen Mitteln versucht man, an der Macht zu bleiben und noch mitzunehmen was geht, solange die alte Lizenz zum Schachern gültig ist. Die andere große Partei (der Opposition), "Partido Liberal Radical Auténtico" (PLRA), die Liberalradikale authentische Partei, hat niemals auch nur einer ihrer sich selbst zuerkannten drei Eigenschaften entsprochen, und sie ist genau so abgewirtschaftet wie die ANR.
Und jetzt ist Fernando Lugo aufgetaucht, der Exbischof, der seinem Amt den Rücken gekehrt hat und ein neues als Präsident anvisiert. Was wird nicht alles gegen ihn ins Feld geführt! Besonders beliebt: Lugo, der Chávez Paraguays...!? Wir haben Fernando Lugo für seinen Wahlkampf ein Maskottchen geschenkt, er wird es, vielleicht sogar als Bodygard, brauchen können. Wie hatte Pater Oliva gesagt:“ Sie werden dich kreuzigen!“ Er ist nicht der einzige, der Lugo umso mehr in Gefahr sieht, je wahrscheinlicher seine Wahl wird ... Aber Lugo ist weder Messias noch Revoluzzer, sondern ein ebenso rational wie ethisch denkender und handelnder Mann, der Paraguay endlich in einen sozialen Rechtsstaat verwandeln will. Wir begleiten - hier wie dort - solidarisch seinen Weg.
Noch liegt er in den Umfragen vorn, da wird aus dem Gefängnis sein Widersacher entlassen, Lino Oviedo, ein weiterer "Ex", ehemaliger Heeresgeneral, ebenso wie Lugo mit Charisma ausgestattet, allerdings von der demagogischen Sorte, und mit der Fähigkeit, mit schneidigen Reden Massen zu mobilisieren. Bekannt als skupelloser Volkstribun, dem man so ziemlich alles zutraut, wurde er dennoch vom Vorwurf eines Staatsstreiches freigesprochen, dafür aber schwebt noch ein Verfahren gegen ihn wegen seiner Rolle beim sog. "Marzo Paraguayo" und bei der Ermordung des damaligen Vizepräsidenten Luis María Argaña. Im März 2001 hatten bei einer Demonstration sieben Jugendliche den Tod gefunden, regelrecht hingerichtet von Scharfschützen. Oviedo ist noch als Anstifter unter Verdacht, es gibt allerdings inzwischen sogar Kritiker des Exgenerals, die ihn in dieser Sache als unschuldig ansehen.
Hinreichende Bedingungen für einen Wechsel sind kaum gegeben
Zum ersten müsste es eine Opposition geben, die diesen Namen verdient. Die real existierende ist, trotz der vielen Bündnisse, äußerst schwach, weil ihre Mitglieder eher einen sicheren Platz in der möglichen zukünftigen Regierung suchen als den Wechsel zu unterstützen. Der Streit der letzten eineinhalb Jahre war immer der Streit um Posten. Man könnte sagen, dass sie wohl den Wechsel im Munde führten, aber kein irgendwie geartetes alternatives Programm zu bieten hatten. Allerdings hat, zweitens, auch Fernando Lugo noch kein solches Programm vorgelegt, das gänzlich überzeugt. Er hat auch (noch) nicht konsequent die besten Leute ausgewählt, mit denen er seine Sache voran treiben kann. Auch Lino Oviedo hat, drittens, eher die Menschen mit Versprechungen fanatisiert (nach Art der ANR, der er ja entstammt),
statt zu sagen, was er vorhat. Sein diktatorisches Gehabe und die Möglichkeit, dass er Präsident werden könnte, haben schon 1999 das Volk im "Paraguayischen März" sich gegen ihn erheben lassen. Viertens muss der Wechsel in einem Rahmen demokratischer Wahlen stattfinden. Aber wer wacht darüber? Das Oberste Wahlgericht (TSJE) wird von den Colorados dominiert, unter diesem Gremium faire Wahlen zu erwarten ist so, als würde man Fußball spielen mit Regeln des Gegners auf´s eigene Tor und an den Sieg glauben. Und fünftens fehlen ganz einfach die progressiven politischen Kräfte, die imstande wären, die täglichen, teilweise chaotischen, Kämpfe in geordnete Bahnen zu lenken. Es gibt also keinerlei Garantien für eine faire Wahl
Die Paraguayer waren soeben noch Zeugen der internen Wahlen der beiden großen Parteien, Vorgeschmack auf die Nationalwahlen am 20. April: Haben sie nicht eher eine Versteigerung von Stimmen erlebt, bei welcher jeweils der beste Bieter gewann? Die ewig gleiche Leier? Alles ist gefilmt, gesehen, dokumentiert worden, ohne irgendeinen Anflug von Scham in den Medien veröffentlicht. Da haben Verstorbene gewählt, Ausweise wurden gekauft, Akten gefälscht, u. s. w. Das alles ist sozusagen Gemeingut in Paraguay - ebenso, dass der Oberste Gerichtshof, wie üblich, nichts zu beanstanden hatte. Ein oberstes Manipulationsamt. Dazu passend erreicht uns eine Nachricht unseres Partners Martín Almada
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Almada mit BP Köhler
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( an anderer Stelle unserer Homepage schon vorgestellt) , in der es um den Präsidenten des Obersten Gerichtshofes geht: Almada schreibt: "Juan M. Morales war ein ´pyragué (´Haarfüßler´ wurden die Denunzianten aus der Zeit der Stroessnerdiktatur wegen ihrer verräterischen und leisen Arbeit genannt), er hat, auch im Rahmen der ´Operation Condor´ wiederholt den paraguayischen Repressionsapparat über angebliche ´marxistische Infiltration´ in unseren Arbeiterorganisationen informiert. Aufgrund dieser Denunziationen wurden zahlreiche Politiker und Menschenrechtskämpfer, die Stroessners Gewaltregime in Frage stellten, gefoltert, vertrieben und drangsaliert....... Morales gehört auf die Liste der Paraguayer, für die in den Gefängnissen Roms Platz ist." (So weit Almada)
Almada erläutert dazu, dass die italienische Justiz bei den Partnerbehörden Paraguays um die Namen der Personen nachgesucht hat, die mit der "Operation Condor" zusammen gearbeitet haben, damit sie ihre Strafen in der italienischen Hauptstadt verbüßen. Im Museo de las Memorias, aufgebaut von Almadas Frau Maria Stella de Cáceres, kann sich jeder ein Bild von den Gräueln der Diktatur machen. Es ist das einzige im Land (s. Bild)
Also wieder eine verschenkte Gelegenheit?
Traurig zu sagen, aber gut möglich, meint Pater Oliva ....
...es sei denn, Lugo bringt doch noch die Besten hinter sich und begeistert die Mehrheit (in einigen früheren Umfragen hatte er über 60% Zustimmung). In allen Parteien sind Bürger, die den Wechsel wollen, ... es sei denn, diese so gebildete starke Gruppierung stellt einen nationalen Rettungsplan auf die Beine, der wirklich die immensen Probleme des Volkes berührt, .... es sei denn, man erzwänge einen radikalen Wechsel im Obersten Gerichtshof und ersetzt ihn durch eine neutrale und gerechte Instanz, ..... es sei denn, wir öffnen endlich die Augen, übernehmen unsere historische Verantwortung und beginnen auf der Stelle eine zweimonatige Volkskampagne!
Schwierig? Sehr schwierig, aber nicht unmöglich, wenn alle Paraguayer, die den Wechsel wollen, einig sind und sich verbünden. Das ist das Schwierigste von allem.
Soeben (12. Januar 08) hat sich das Präsidentschaftsanwärterteam der "Alianza Patriótica para el Cambio", APC ("Patriotische Allianz für den Wechsel"), bestehend aus Fernando Lugo und dem Liberalen Federico Franco offiziell vorgestellt. Dazu wieder ein paar Erläuterungen:
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Fernando Lugo
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Lugos Kandidatur um das Präsidentenamt ergab sich vor etwa einem Jahr, als die Bewegung "Tekokojá" ihn aufforderte, sich in die politische Arena zu stürzen, um ein "Projekt 2008" anzuführen. Im Juli 2007 beschloss eine Mehrheitsgruppe aus Parteien in der - inzwischen aufgelösten -"Concertación Nacional" (Nationales Bündnis), die Kandidatur des Exbischofs zu unterstützen und zu akzeptieren, dass ihm ein Liberaler zur Seite steht. Daraufhin traten die Parteien UNACE (eine Abspaltung der Colorados), Patria Querida (Geliebtes Vaterland) und die Independientes aus dem Bündnis aus. Ihnen gefiel weder die Beteiligung der PLRA - noch weniger aber die schwindende Aussicht auf lukrative Posten. Im September wurde die Alianza Patriótica begründet, die zur Zeit aus einer bunten Mischung aus neun Parteien, von schwer konservativ bis links, zusammen gesetzt ist. Auch politische Bewegungen wie z. B. Tekojojá, Gewerkschafts- und Campesinoorganisationen sind Teil der Alianza.Der Liberale Federico Franco, Lugos "compañero de fórmula", hatte die internen Wahlen der PLRA gewonnen und wurde so "automatisch der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten". Bei ihrer Vorstellung lobte Lugo die Qualitäten seines „Kopiloten“ als Gouverneur des Departaments Central. Lugo braucht den Vertreter einer Partei an seiner Seite. Sicher trennt ihn vieles von Franco, aber Lugo ist erstens konsensfähig und als Befreiungstheologe außerdem taktisch und ideologisch geschult. Ende Januar geht es in die letzten Etappen vor der Wahl, zunächst auf Wahlkampftournee in den bevölkerungsreichsten Departamenten Capital und Central, danach noch einmal (für Lugo zum dritten Mal) ins Landesinnere.
Gleichzeitig wird die "Alianza Patriótica para el Cambio" ein Dokument vorlegen in der Art eines Manifestes, in dem die zahllosen Manipulationen des Obersten Wahlgerichts aufgelistet sind und die große Befürchtung eines erneuten, gigantischen Wahlbetrugs für die Aprilwahlen begründet wird. Um das zu verhindern, ist eine ganze Welle von Demonstrationen im Vorfeld der Wahlen geplant. (Das ist eine verkürzte und vereinfachte Darstellung, Paraguays Wahlrecht, und noch mehr was daraus gemacht wird, ist sehr kompliziert, die politische Landschaft äußerst unübersichtlich)
Und noch eine Nachricht erreicht uns: Der Leiter unserer Partnerorganisation "Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung" (CCDA), Sixto Pereira, teilt uns mit, dass er die Liste der zukünftigen Senatoren für das neue Parlament anführt. Er hatte vor etwa einem Jahr die Leitung von CCDA an seine Frau Ada Vera abgegeben, das 12köpfige Team arbeitete weiter wie bisher (u. a. finanziert von MISEREOR), und Sixto führte das Wahlkampfteam von Fernando Lugo an. Wir als PPI werden einen unserer langjährigsten Partner nun womöglich an die Politik abgeben müssen, ein zwiespältiges Gefühl, bedauerlich, aber gleichzeitig Grund zur Genugtuung: Als entwicklungspolitische Initiative freut es uns, dass unsere wichtigsten Partner nicht nur ihre jeweiligen Projekte verfolgen, sondern sich aktiv für den überfälligen Wandel in ihrem Land einsetzen. Das bestärkt uns in der Überzeugung, auf die richtigen Verbündeten gesetzt zu haben, denn was nützen noch so gute Projekte, wenn nicht endlich auch in Paraguay das politisch - gesellschaftliche Umfeld sich wandelt?! Wie sieht das Engagement der Partner im einzelnen aus?
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Sixto Pereira mit Tochter Amanda und Ute Schmitz (PPI)
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Das "Ausbildungszentrum für ländliche Entwicklung" (CCDA) bildet die arme Landbevölkerung (Campesinos) zu ökologisch wirtschaftenden, selbstständig handelnden Kleinbauern aus, die neben der Bearbeitung des Bodens auch lernen, ihre Regierung zu "bearbeiten" und ihre verfassungsmäßigen Rechte einzufordern. CCDA - Leiter Sixto Pereira ist nun auch Akteur in der politischen Arena.
Unsere Partner von "Solidaridad" in Pilar vermitteln Bürgern ihres Umfeldes - neben der gesundheitlichen Betreuung - dass sie ein Anrecht auf medizinische Dienstleistung durch ihren Staates haben. Wir arbeiten seit 15 Jahren mit „Solidaridad“ zusammen. Ihr Präsident Santiago Brizuela leitet gleichzeitig die Unterstützergruppe "Tekojojá" für den Kandidaten Fernando Lugo.
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Santiago Brizuela mit Hermann Schmitz (PPI) in der Apotheke der „Clínica Pilar“
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Martín Almada ist politischer Aktivist seit Jahrzehnten, hat dafür in Stroessner´s Kerkern gelitten. Er kämpft für die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur, Bestrafung der Täter (s. o.) und für die Aufklärung der Bevölkerung über diese Zeit. Almada hat außerdem eine Stiftung für den Einsatz von Solarenergie. PPI kooperiert mit Almada.
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Martin Amada (Anzug) mit Besuchern vor dem “Museo de las Memorias”
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Dr. Silverio Gavilán vom Kinderhort "Niños del Abasto", Ehemann der Leiterin Elisabeth Gavilán, aktives Mitglied in Lugos Basisgruppe "Tekojojá" in Asunción. Er setzt sich, ebenso wie seine Frau, mit ganzer Kraft für die Wahl des Ex-Bischofs ein. Im Vorstand des Kinderhortes, den PPI seit 4 Jahren unterhält (zusammen mit dem Kindermissionswerk), arbeitet Silverio in der päd. Beratung und dokumentiert die Ergebnisse der Arbeit.
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Dr. Gavilán (re) mit Ute Schmitz und Sixto Pereira
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Pater Oliva erläutert dem Besuch seine Sicht der Dinge
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Francisco P. Oliva, Jesuitenpater, ist seit eh und je ein "politischer Priester", der sich so unbequem in die Politik einmischt, dass er sogar in der eigenen Kirchenhierarchie nicht nur Freunde hat. Ganz öffentliche Person, schreibt er regelmäßige, viel gelesene Kolumnen in Paraguays Tages- zeitungen. PPI steht mit Oliva in Austausch und hat kleine Projekte mit ihm realisiert. Keiner dieser Partner der PPI ist Parteipolitiker, sie arbeiten ehrenamtlich wie wir und sind typische, couragierte Vertreter ihrer Zivilgesellschaft, die in Paraguay noch so schwach ausgebildet ist. Vom Mitarbeiter des Präsidentschaftskandidaten Fernando Lugo und möglichem zukünftigen Regierungsmitglied bis zum Sympathisanten reicht das Spektrum, sie alle würden seine Wahl begrüßen, alle ersehnen sie den Wechsel und arbeiten daran mit.
Pater Oliva soll das letzte Wort haben (im Original): „Die ´Lobotomie´ ist eine Operation, mit der Neurochirurgen aus einem Patienten eine Art Zombie machen können: Er reagiert nicht, hat keine Antriebe mehr .... Amerikanische Soldaten im Irak werden mit Pillen einer ´moralischen Lobotomie´ unterzogen. Erinnerungen an erlebten Horror werden gelöscht, jede Regung des Mitfühlens wird eingefroren. Beides brauchen ein paar Tüchtige in Paraguay nicht: Die gegenwärtigen Autoritäten der ANR ( die herrschenden ´Colorados´) haben im Volk die Erinnerung daran auslöschen können, wie sie mitten in der blutigen Stroessnerdiktatur groß und mächtig wurden, wie sie sich in den folgenden 18 Jahren einer falschen Demokratie (Stroessner wurde 1989 gestürzt) persönlich bereicherten, wie sie aus allen Verbrechen straffrei davon kommen, weil die Gewaltenteilung bei uns nur auf dem Papier steht .... Resultat dieses eingefrorenen Gedächtnisses ist die politische Geiselnahme eines ganzen Volkes, die Vertreibung Hunderttausender seiner Bürger, aus wirtschaftlichen Gründen, nach Spanien, Brasilien, Argentinien. Der vorzeitige Tod von Tausenden, weil nur 20% medizinische Versorgung genießen...“.
Höchste Zeit, dass auch Paraguay eine wirklich demokratische Regierung bekommt! Fast alle südamerikanischen Staaten sind voran gegangen, nur in Paraguay herrschen noch Zustände, die einer Bananenrepublik alle Ehre machen. Wenn man wie wir den Menschen dieses Landes nahe steht, schämt man sich beinahe ein wenig mit und stimmt von Herzen ein: |