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Mit der holzbefeuerten Eisenbahn „Carlos Antonio López“ zurück ins 19. Jahrhundert
Alle 14 Tage wird - an einem Sonntag Morgen in der Frühe, gegenüber dem Botanischen Garten von Asunción - die alte Lokomotive wieder zum Leben erweckt. Stunden zuvor war der Tender mit Holz beladen, der mächtige Feuerofen in Gang gesetzt und Scharniere und Kolben reichlich mit Öl und Fett geschmiert worden. Und immer wird bei der Kontrolle der vorsintflutlichen Mechanik irgendein Schaden entdeckt und noch schnell repariert - sehr improvisatorisch, es muss ja nur für die kurze 50 km - Fahrt von der alten Station „Jardín Botánico“ bis zum Städtchen Areguá am Ipacaraí -See reichen - eine Angelegenheit von zwei Stunden. Für die Touristen die richtige Zeit, um die alte, einzige noch mit Holzbefeuerung betriebene Eisenbahn zu erleben. Und für die paraguayischen Familien mit ihren Kindern eines der wenigen Freizeitvergnügen, das ihnen die stolze, leider lange vergangene Epoche ihres Landes in vergnüglicher Form vor Augen führen soll. 1861 in Betrieb genommen, ist die „Ferrocarril C. A. López“ die erste Eisenbahn Südamerikas. Behaupten die Paraguayer.(Zur Geschichte später) Alle Passagiere haben in einem umständlichen Verfahren ihre Fahrkarten erworben, unter den strengen Augen des altertümlichen Zugpersonals. Und sie sitzen schon erwartungsvoll in den zwei historischen Personenwaggons, die heute angekoppelt werden. Wir werfen lieber einen Blick auf das Zugpersonal.
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Der Bahnhofsvorsteher (Mitte), der Zugchef (rechts) und der Schaffner (links) sind bereit und stolz, ihr wichtiges und verantwortungsvolles Amt auszuüben. Ihre Autorität unterstreichen sie auch durch ihre eindrucksvolle Berufskleidung. Der Zugchef zusätzlich durch seine Leibesfülle.
Die Technik mag ja nicht vertrauensvoll aussehen, aber sie funktioniert ausgezeichnet. Die Strecke ist frei gegeben, der Zielbahnhof Areguá ist über die bevorstehende Abfahrt informiert.
Aber es dauert noch ein bisschen, bis die holzfressende Lok auf Betriebstemperatur gebracht ist. Knochenarbeit bei 35 Grad Außentemperatur und noch einige Grade mehr im „Cockpit“. Neugierige Touristen werden, wie allerorten in Paraguay, auch auf dem Führerhaus großzügig geduldet.
Jetzt ist die richtige Hitze für die schwierige Anfahrt der altersschwachen Eisenbahn erreicht, und der Lokführer, gleichzeitig Heizer, ist zufrieden und kann die schwere Eisenklappe erst mal schließen. Mit infernalischem Lärm - eine Mischung aus dem Zischen der Dampfventile, dem Kreischen der Eisenteile und dem Quietschen der uralten Hölzer der Wagen - setzt sich der Nostalgie-Zug in Bewegung.
Zugchef und Schaffner bleiben auf dem Bahnsteig stehen - wollen die nicht mitfahren? Bis zum Schluss kontrollieren sie den ordnungsgemäßen Verlauf der Abfahrt - aufspringen können sie immer noch , es dauert, bis der schwerfällige Eisenkoloss Fahrt aufgenommen hat.
Und ihr Warten hat sich gelohnt: Eine junge Mutter mit ihrem Kind wollte als Schwarzfahrerin heimlich hinten auf den letzten Waggon aufspringen. Ertappt! „Hier bleibt ihr - bis die Polizei euch abholt!“
„Und lasst euch nie mehr sehen! Ich erwische euch nicht zum ersten Mal! Blinde Passagiere fahren in unserer ´Ferrocarril Carlos Antonio López´ nicht mit!“
Da gibt es schon den nächsten Zwischenfall. Zwei Musiker wollen den Zug begleiten, um unterwegs von den Passagieren Geld zu erbitten. Streng verboten! Kein Straßengewerbe auf der Eisenbahn! Wissen die doch ganz genau!
Kein Pardon. „Hier kommt ihr nicht rein, macht eure Musik woanders!“ Die Passagiere werden allmählich unruhig, sie wollen doch an den Ipacaraí – See. Die Lok hat ihren mühsamen Anlauf abgebrochen.
„Dann musizieren wir eben draußen, die Passagiere können uns das Geld ja aus dem Fenster werfen.“ So denken laut die Musikanten. Mutter und Kind aber haben sich nicht an den Befehl gehalten. Sind schon wieder in Aktion, dieses Mal mit der genialen Idee, das für die Musiker bestimmte Geld in die eigene Mütze zu lenken.
Und noch ein Versuch, in den Zug zu gelangen - die Mutter drückt, der Zugchef zieht. Aber das Ganze endet - vergeblich - im Chaos.
Und es geht weiter. Die beiden blinden Passagiere geben nicht auf, sie sind aus dem Zug entwischt und wollen gerade in einen anderen Wagen einsteigen. Aber der Zugchef hat seine Augen überall, kriegt aber die Kurve nicht mehr so schnell.
Noch eine Runde, dann hat er sie! Aber er läuft immer wieder ins Leere. Allmählich fangen die Passagiere an, das Spektakel zu genießen. Die Fensterplätze sind gut belegt.
Das Spiel ist aus. „Hier bleibt ihr jetzt stehen, ich lasse euch nicht mehr aus den Augen!“ Ob der Zug jetzt endlich abfahren kann? Wir sind schon verspätet!“
Doch das waren nicht die letzten blinden Passagiere. Hier versucht noch einer sein Glück. Der sieht eigentlich gar nicht so arm aus ......
Aber auch sein Versuch ist vergeblich. Er wird energisch des Bahnhofes verwiesen. Schon meldet sich die erste Station, an der die Eisenbahn halten soll - und wo sie schon längst aufgetaucht sein müsste.
Jetzt endlich kann es los gehen - im zweiten Anlauf gelingt die Abfahrt. Einige Kinder mussten schon nachgewickelt werden. Danach geht es ihnen besser, sie genießen die Fahrt.
Zugchef und Schaffner sind jetzt ganz entspannt. Sie entschuldigen sich bei den Reisenden: Die Leute seien halt so arm, da sei Schwarzfahren eine regelrechte Seuche. Aber die Fahrgäste hätten ja sehen können, wie sie das Problem gemeistert hätten. Im Übrigen sollten sie jetzt aber die schöne Landschaft genießen! Bei gemütlichen 20 km/h ....
Auch wird jetzt der Speisewagen geöffnet, die wohlhabenderen Reisenden lassen sich gern bedienen. Es gibt Whisky und warmes Bier.
Die Eisenbahn „Carlos Antonio López“ hält an einem uralten Bahnhof. Niemand steigt aus - niemand steigt ein.
Kurze Zeit später taucht ein Eisenbahnfriedhof auf - danach eine schön anzuschauende Bahnstation.
Eine ältere, nicht besonders hübsche, und eine junge reizende Frau laufen ständig in auffälliger Weise durch die Wagen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie haben in der Hauptstadt neue Kleider gekauft und sie auf der Rückfahrt in ihr Dorf schon angezogen.
Als der Zug in Areguá ankommt, wartet schon eine Ochsenkarre auf sie.
Die Lok holt sich Wasser für die Rückfahrt nach Asunción ....
... und der Zugchef zeigt durch seinen Blick noch einmal unmissverständlich seine absolute Autorität. Er verabschiedet sich von den Fahrgästen und wünscht eine gute Ankunft im 21. Jahrhundert.
Doch so lange die Touristen im Städtchen und der Umgebung auch nach dem 21. Jh. suchen - sie entdecken es nicht. Viele von ihnen finden es aber im 19. Jh. so schön, dass sie entgegen ihren Absichten wieder die Rückreise mit der C. A. López – Eisenbahn antreten. Hermann Schmitz 08
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